Georg Maas im Interview: „Man darf nicht nach der Botschaft fragen“

Filmszene aus „Zwei Leben“: Die Grenzen der Realitätswahrnehmung (Foto: Tom Trambow)
12. September 2013
Mit seinem dritten Spielfilm hat Georg Maas einen unerwartet großen Erfolg gelandet – und kann nun sogar auf einen Oscar hoffen. Dabei ist Zwei Leben keine leichte Kost. Im Interview erklärt der Regisseur, was Peter Gabriel und sein Deutschlehrer mit dem Film zu tun haben.
Herr Maas, Gratulation! Sie haben mit Ihrem Film „Zwei Leben“ in Australien beim Audi Festival of German Films den Hauptpreis, den Golden Gnome Audience Award, gewonnen. Haben Sie damit gerechnet, dass der Film dort so gut ankommt – schließlich behandelt er ein sehr deutsches Thema?
Maas: Nun ja, im Film geht es aber auch um Lüge und Wahrheit, um eine Familie, in der jemand nicht die gesamte Wahrheit gesagt hat, wo vieles auf der Lüge aufgebaut ist. Und das sind Themen, die jeder irgendwie kennt – unabhängig von der Geschichte eines speziellen Landes. Trotzdem waren wir schon sehr überrascht von dem Erfolg. Auch damit, dass der Film ständig ausverkauft sein würde, hätte ich nicht gerechnet.
In „Zwei Leben“ geht es – wie auch in Ihren beiden vorigen Filmen „NeuFundLand“ und „PfadFinder“ – um eine unbewältigte Vergangenheit, die in die Gegenwart eintritt. Und dazu kommt ein interkulturelles Element, in diesem Fall zwischen Deutschen und Norwegern. Hätte der Film auch funktioniert, wenn die Geschichte nicht in Norwegen gespielt hätte?
Spontan würde ich sagen: Ja. Worum es mir eigentlich geht, lässt sich mit einem Satz meines Deutschlehrers beschreiben, an den ich immer denken muss. Er hat gesagt: „Was ich Ihnen jetzt sage, meine Damen und Herren, ist nicht wichtig fürs Abitur, sondern fürs Leben: Die Realität ist alles andere als der Quatsch, für den wir sie halten.“ Wenn wir das präsenter hätten, würde es, glaub’ ich, wesentlich weniger Gewalt und Krieg geben. Man könnte nicht mehr sagen, wir sind die aufgeklärten Christen und das sind die rückständigen Moslems oder anders herum. Wir sind die Rechtgläubigen und die anderen nicht. All das würde nicht gehen.
Der Film „Zwei Leben“ von Georg Maas erzählt die Geschichte von Katrine, der Tochter einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten, die in einem Nazi-Kinderheim und dann in der DDR aufwuchs, schließlich zu ihrer leiblichen Mutter floh und in Norwegen Glück in Ehe und Familie fand. Als ein junger deutscher Anwalt Betroffene sucht, um Klage auf Wiedergutmachung vor Gericht einzureichen, soll sie als Zeugin aussagen. Als sie versucht, mit Lügen ihre Stasi-Vergangenheit zu vertuschen und ihre gestohlene Identität zu schützen, verstrickt sie sich in ein Netz von Widersprüchen und steht am Ende vor den Scherben ihrer falschen Existenz. Zwei Leben kommt am 19. September in die deutschen Kinos. Bei der Oscar-Verleihung im kommenden Jahr geht der Film für Deutschland in den Wettbewerb um den Academy Award für den besten fremdsprachigen Film.
Das klingt so, als hätten Sie einen dokumentarischen Ansatz, als würde Sie vor allem die Wahrheitsfindung interessieren, was ja bei einem Spielfilmregisseur eher eine ungewöhnliche Haltung ist.
Ich würde das gar nicht dokumentarisch nennen. Man braucht Geschichten, um bestimmte Eindrücke, die man von unserer Umgebung oder der „Realität“ hat, auszudrücken. Insofern ist es irreführend, wenn man fragt, was der Film für eine Botschaft hat, weil dann hätte man die Botschaft ja direkt formulieren können. Man kann es nur über die Geschichte. Insofern hat das eher etwas Poetisches.
Aber das Erzählen von Geschichten kann ja sowohl rückblickend-aufklärend als auch nachvorneblickend-sinngebend sein. Wo würden Sie sich da sehen?
Gute Frage. Ich tendiere da eher zu „sinngebend“. Ein anderer wesentlicher Zugang für mich bei Zwei Leben hat mit Peter Gabriel zu tun. Denn parallel hab’ ich mit Dieter Zeppenfeld den Film The Real World of Peter Gabriel gemacht. Gabriel hat uns in einem Interview erzählt, dass eines seiner wesentlichen Themen die Arbeit an dem „Us and Them“, also an dem „Wir und die Anderen“, die „Guten und die Bösen“ ist. In Zwei Leben ist das ja so konstruiert, dass Katrine als Hauptfigur beides ist, gut und böse, und dass sich der Zuschauer immer wieder neu positioniert. Es gibt nicht diese einfache, hollywoodmäßige Identifizierung mit dem Guten oder dem Bösen.
Da dient natürlich die Figur von Katrines Mann als großartige Projektionsfigur. Der bleibt ziemlich im Hintergrund, so dass man sich als Zuschauer relativ leicht anhand seiner Position immer neu justieren kann.
Genau. In einem Hollywood-Film wäre er die Hauptfigur gewesen. Wir haben aber sie als Hauptfigur, und er scheint so durch.
„Zwei Leben“ ist bereits ihr zweiter Film mit Juliane Köhler.
Juliane Köhler hatte in NeuFundLand nur eine ganz kleine Rolle, aber wir haben uns so gut verstanden, dass ich ihr das Drehbuch zu Zwei Leben, als ich es bereits vor ein paar Jahren fertig hatte, sofort geschickt habe.
Wie kam der Kontakt zu Liv Ullmann zustande, die jahrelang nichts mehr gedreht hatte?
Das ist ganz lustig gewesen. Ich hatte ehrlich gesagt gar nicht gewusst, dass Liv Ullmann Norwegerin ist. Wegen ihrer Ingmar-Bergman-Filme hatte ich sie für eine Schwedin gehalten. Unser norwegischer Produzent hat ihr dann das Drehbuch geschickt. Sie fand es super – und hat abgesagt. Der Grund: Sie wollte nicht als 68-Jährige eine schwerkranke 80-Jährige spielen. Wir haben ihr deshalb angeboten, den Film von 2003 auf 1990 vorzuverlegen, so dass Liv Ullmann in ihrem eigenen Alter spielen könnte. Wir haben also das ganze Drehbuch umgeschrieben und auch den Charakter völlig verändert. Dabei haben wir festgestellt, dass 1990 viel spannender ist, was den Stasi-Teil der Geschichte betrifft. Weil die Stasi in der Auflösung ist, ist alles viel aufgeregter, der Druck viel größer.
„Zwei Leben“ ist bald auch in deutschen Kinos zu sehen. Wenn man einen fertigen Film begleitet, ist man meistens gedanklich schon beim nächsten Projekt. Was haben Sie für Pläne?
Mir geht es da gerade anders. Bei meinen vorigen drei Filmen ging immer einer in den anderen über. Ich hab’ nebenbei noch Dokumentarfilme gedreht, aber in den letzten 15 Jahren gab es nie eine Phase, in der ich nicht bereits um das nächste zu realisierende Projekt gewusst hätte. Und bevor ich mich wieder in das nächste verliebe, will ich ein bisschen Zeit zum Rumgucken haben. Ich habe aber auch das Glück, dass renommierte Agenten aus Los Angeles auf dem Filmmarkt in Cannes Zwei Leben gesehen haben und mir jetzt Drehbücher schicken. Da ist eines dabei, das mich wirklich interessiert. Ich würde gerne mal etwas machen, das schon entwickelt ist, bevor ich mein nächstes eigenes Drehbuch entwickle und wieder mehrere Jahre einer bestimmten Geschichte widme.
Das Interview führte Andreas Ströhl
Georg Maas wurde 1960 in Aachen geboren. Der gelernte Zimmermann studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin sowie an der Europäischen Filmakademie. Zu seinen Lehrern gehörten István Szabó, Tilda Swinton und Krzysztof Kieslowski. Neben Spiel- und Dokumentarfilmen macht der Regisseur auch Videoclips, Videoinstallationen und Werbefilme. Maas lebt in Berlin.







