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„Es sind zwei unterschiedliche Völker entstanden“

Letzter Schliff an einem der Steine: 'Für uns hat sich vieles verändert – zum Schlechteren' Letzter Schliff an einem der Steine: 'Für uns hat sich vieles verändert – zum Schlechteren'

Die Grenze ist gefallen. Seit der Wiedervereinigung 1990 wächst zusammen, was zusammen gehört. Oder vielleicht nicht? Die Skepsis ist groß. Die „Mauer in den Herzen“ existiert noch immer. Manch einer wünscht sich sogar die Trennung zurück – im Jemen. Impressionen aus einem wiedervereinigten Land.

2. Juni 2009

Sanaa im Mai 2009. „Wann haben sie noch mal die Berliner Mauer gebaut?“, fragt der Maler aus Aden, um die Jahreszahl auf seinem Mauerstein zu verewigen. „1944?“ „Ich glaube, 1949.“

Beruhigend, dass die Details der deutschen Teilung und Wiedervereinigung im Jemen offenbar nicht viel besser bekannt sind als umgekehrt. Denn wer wüsste schon in Deutschland von der Demokratischen Volksrepublik im Süden, der Arabischen Republik im Norden und dem Bürgerkrieg nach der Vereinigung von beiden zu berichten?

Am 22. Mai hat Sanaa 19 Jahre Einheit gefeiert.

In den Tagen zuvor war man emsig mit den Vorbereitungen beschäftigt. Doch ging es nicht nur um die eigene Wiedervereinigung, auch um den 20. Jahrestag des Falls der innerdeutschen Grenze ging es in der jemenitischen Hauptstadt, die die erste Station der „Mauerreise“ des Goethe–Instituts war.

Mit der symbolischen Reise will das Goethe–Institut den Austausch über Grenzen anregen, die aus gegenwärtigen Konfliktkonstellationen entstehen. Als internationaler Teil der geplanten Domino–Aktion des Berliner Senats zum Fest der Freiheit am 9. November am Brandenburger Tor sollen Künstler ihre Grenzerfahrungen auf den „Mauersteinen“ umsetzen.

„Eine schöne Symbolik“

20 symbolische Mauersteine sind dafür von Berlin aus in die Welt geschickt worden. Die „Steine“ sind 2,50 x 1,00 x 0,40 Meter groß, bestehen aus Styropor und wiegen daher nur ca. 20kg. Um sie bemalen zu können, wurden sie mit einem festen Stoff bezogen. Ihr Ziel: Sanaa, Ramallah/Birzeit, Umm el–Fahem, Seoul, Peking, Mexico City, Nikosia – Orte, an denen Teilung und Grenzerfahrung im Alltag präsent sind.

Im Jemen haben die Künstler und Künstlerinnen Amnah Al–Nasiri, Mazher Nizar, Reema Qasim und Abdallah al–Mujahed aus Sanaa, Farid Samed, Ahmed Abdulaziz, Kamal Makrami aus Aden und Mohamed Mohsen Sheikh aus Abyan die Mauersteine in einem Workshop gestaltet.

„Eine schöne Symbolik“, schwärmt al–Mujahed, der auf seinem Mauerstück eine weiße Taube über Stacheldraht gleiten lässt. Wenn der Maler aus Sanaa von der „Mauer in den Herzen“ und der „inneren Einheit“ spricht, dann klingt das für deutsche Ohren vertraut, meint aber den Jemen. „Wir haben viel gemeinsam“, sagt der 59-Jährige.

Parade in Sanaa, Tote in Aden

Wenn Kamal Makrami vom Meer in die Berge fährt, fühlt er sich manchmal noch immer ein bisschen wie auf der Reise in ein anderes Land. „Nord und Süd waren so lange getrennt, dass zwei unterschiedliche Völker entstanden.“ Manche Stammestraditionen, die Rolle der Religion und die Stellung der Frau im Norden sind dem Mann aus Aden bis heute fremd. Doch die Reise nach Sanaa tritt der Künstler häufig an.

„Wenn ich Farbe oder Leinwand kaufen will, muss ich nach Sanaa kommen. Wenn ich eine Ausstellung machen will, muss ich sie in Sanaa beantragen. Ich bin in einem Aden aufgewachsen, das die Hauptstadt des Südens war. Heute fühlt es sich an wie eine Kleinstadt.“

Die Sozialisten hätten keine bessere Politik gemacht damals, sagt der 48–Jährige. „Aber Frauen mussten nicht verhüllt wie Zelte rumlaufen. Frauen und Männer waren gleich. Für uns hat sich vieles geändert – zum Schlechteren.“ So sehr, dass im Süden jetzt manche die Vereinigung wieder rückgängig machen wollen. Während Sanaa den Nationalfeiertag dieses Jahr mit Militärparade, Feuerwerk und Hupkonzerten beging, gab es in Aden Tote, als die Sicherheitskräfte eine Demonstration auflösten.

Der warme Abendwind lässt einen der mit Leinwand bespannten Styroporblöcke einfach umkippen. Ahmed Abdulaziz hat ein zersägtes grünes Blechfass, das aus einem Checkpoint stammen könnte, auf seinen Mauerstein montiert. Scheppernd landet es auf dem Steinboden. Der Künstler trägt es mit Fassung: „Mauern sind eben dazu gemacht zu fallen.“
Klaus Heymach
lebt und arbeitet als Journalist in Berlin. 2005 verbrachte er ein Jahr als freier Korresponent in Sanaa. Jetzt erschien sein Buch „Post Box Sanaa. Ein Jahr im Jemen“.
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