Goethe aktuell

„Kultur macht, was sie will“

Goethe-Präsident Lehmann: 'Nationalkultur als Begriff ist kontaminiert'. Copyright: Bildschön/Gesine Born
Lehmann: „Ein kontaminierter Begriff“ (Foto: Bildschön/Gesine Born)

Dichter und Denker auf Identitätssuche: 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist vielleicht klar, wo man Deutschland auf der Landkarte findet. Aber was bedeutet deutsche Kultur heute? Gibt es jenseits der Klischees von Tiefe und Gründlichkeit etwas Gemeinsames, das sie von der Kultur anderer Nationen unterscheidet?
6. Juni 2009

„Deutsche Kultur ist Dialog“, sagt Monika Griefahn, Kulturpolitikerin und Bundestagsabgeordnete. „Sie hat viele Facetten und ist kein Einheitsbrei.“ Die Globalisierung sei keine Gefahr. Im Gegenteil: „Wurzeln werden immer wichtiger.“ Auf Widerspruch stößt sie damit in der Diskussionsrunde zum Thema „Deutsche Kultur im Zeitalter der Globalisierung“ nicht. Bei der Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Landmarken“ am Mittwochabend herrscht Einigkeit darüber, dass sich die deutsche Kultur vor allem durch Offenheit und Integration auszeichnet.

Dirigent Ingo Metzmacher verweigert sich einer Definition des deutschen Kulturbegriffs: „Es ist keine einheitliche deutsche Kultur, die sich präsentiert. Unsere Stärke ist die Uneinheitlichkeit, die Vielfalt!“

Und wie steht es um die „Nationalkultur“? Ist sie ein Auslaufmodell in Zeiten, in denen jeder denkbare künstlerische Einfluss vom anderen Ende der Welt nur einen Mausklick entfernt ist?

„Es wird viel tabuisiert“

Gemeinsam mit Mely Kiyak, deutsch-türkischer Schriftstellerin und Journalistin, fordert Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, die Neudefinition des Begriffs Nationalkultur. Er fordert: „Es wird viel tabuisiert. Nationalkultur als Begriff ist kontaminiert. Er muss mit neuem Leben gefüllt werden.“ Und Kiyak: „Wenn ich in Deutschland nach einer Definition von Nationalkultur frage, fängt das große Stottern an.“

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Autorin Kiyak: „Dann fängt das große Stottern an“ (Foto: Bildschön/Gesine Born)
Deutschland, so Lehmann, habe sich lange Zeit schwer damit getan, seine Realität als Einwanderungsland zu akzeptieren. Inzwischen habe sich dies jedoch geändert und Migranten würden als Bereicherung empfunden. Die Deutschen seien besser aufgestellt, da sie sich auf einen Dialog eingelassen hätten. Einen Kanon für Kultur könne es daher nicht geben.

Mely Kiyak dagegen wirft die Frage auf, ob nicht gerade ein solcher Kanon notwendig sei, denn wenn von den Migranten Integration in die deutsche Kultur gefordert werde, müsse zunächst gefragt werden, worin sie sich denn integrieren sollten. Dazu wäre eben ein Kanon und eine Vorstellung von Nationalkultur sehr hilfreich.

Typisch deutsch?

Gleichzeitig kritisiert sie, dass sich die Realität Deutschland als Einwanderungsland bei den deutschstämmigen Kulturschaffenden überhaupt nicht im künstlerischen Schaffen in den Theatern und in der Literatur niederschlage. Dem widerspricht Lehmann deutlich: Gerade in den letzten Jahren würden große Künstler wie Feridun Zaimoglu oder Fatih Akin als Vertreter deutscher Kultur in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

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Dirigent Metzmacher: „Unsere Stärke ist die Vielfalt“ (Foto: Bildschön/Gesine Born
Auf die Frage des Moderators Christof Siemes von der Zeit, was denn nun die Inhalte deutscher Nationalkultur seien, fällt Griefahn als erstes die herausragende Bedeutung des Grundgesetzes als ein, während für Mely Kiyak die Pressefreiheit als konstitutiv für deutsche Nationalkultur ist.

Auf etwas „typisch deutsches“ können sich die Diskutanten immerhin einigen: die permanente Selbstvergegenwärtigung durch die Frage „Wer sind wir?“ Kultur versuche, Antworten auf diese Frage zu finden.

Nationalkultur könne jedenfalls nicht, wie Moderator Siemes provozierend vorschlägt, als „Trostpflästerchen“ angesehen werden. Goethe-Präsident Lehmann ist der Auffassung, dass das rein „globale Erklärungsmodell nicht für die Zukunft“ bestimmt sei, sondern es gerade die lokale kulturelle Vielfalt sei, die das kreative Potential ausmache. Oder wie es Metzmacher kurz fasst: „Kultur macht, was sie will.“

"Deutsche Kultur im Zeitalter der Globalisierung":
Mitschnitt der gesamten Diskussion (MP3, 63 Min.)
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