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Zum Tod Lord Dahrendorfs: Das Ende der Esoterik

Engelbert Reineke/Deutsches BundesarchivDahrendorf in seiner Zeit als Staatssekretär (mit Professor Klaus Mehnert, rechts): 'Sprache als Träger, nicht als Ziel'. Copyright: Engelbert Reineke/Deutsches Bundesarchiv

Lord Dahrendorf, der in der vergangenen Woche im Alter von 80 Jahren gestorben ist, war für die Auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik wie eine kurz aufleuchtende Sternschnuppe. Sie erhellte die Landschaft der deutschen Wünsche und Möglichkeiten schlagartig, die Wünsche nach Veränderung blieben nicht stumm. Von Michael Jeismann
25. Juni 2009

Die Kulturmittler Deutschlands haben nicht nur allen Grund, sich mit Dankbarkeit seiner zu erinnern. Es zeigt sich vielmehr, dass der Rückblick auf Dahrendorfs Wirken für die Auswärtige Kulturpolitik intellektuell erfrischend und politisch ermutigend ist. In seiner kurzen Dienstzeit als Parlamentarischer Staatssekretär in der Regierung Brandt/Scheel gelang ihm, was ihm zuvor schon gelungen war und was schließlich zu dem Zeichen wurde, unter dem sein ganzes Oeuvre stand: Dahrendorf nutzte die Gunst der Stunde und fügte der Reformpolitik Willy Brandts ein kulturpolitisch kongeniales Stück hinzu.

Die 15 Thesen

Gemeinsam mit dem Soziologen Hansgert Peisert legte er in den berühmt gewordenen „15 Thesen zur Internationalen Kultur-, Wissenschafts- und Gesellschaftspolitik“ aus dem Jahr 1970 die Grundlagen der modernen Auswärtigen Kulturpolitik. Sie bedeuteten eine Abkehr vom Prinzip der Kulturmission, das sich in vielen Abschwächungen in Anlage und Organisation der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik gehalten hatte. Stattdessen entwarf Dahrendorf das Modell einer Kulturpolitik, die Gegenseitigkeit und Gemeinsamkeit zum Ziel hat. Die „Dritte Säule der Außenpolitik“ sollte ein belastbares Fundament bekommen.

Dahrendorf war klar, dass die Auswärtige Kulturpolitik nicht länger ein esoterisches Thema für Esoteriker bleiben dürfe, sondern ein Medium zu sein hat, in dem langfristige und produktive Beziehungen zwischen Staaten und Kulturen gedeihen: „Offenheit für das andere ist daher ein Prinzip unserer Auswärtigen Kulturpolitik“. Der Auftrag könne nicht allein in Information über die deutsche Kultur bestehen, sondern umfasse in gleicher Weise den (auch multilateralen) Austausch und die Zusammenarbeit.

Deshalb auch, so Dahrendorf, solle ein weiter Kulturbegriff zugrunde gelegt werden, mit dessen Hilfe man dazu kommen solle, sich gemeinsam mit den Gegenwartsproblemen auseinanderzusetzen. Das betraf auch die Spracharbeit: „Die deutsche Sprache ist Träger, nicht Ziel unseres Wirkens“, formulierte Dahrendorf und erteilte damit allen kulturimperialistischen Aspirationen eine Absage.

Kultur als Medium der einen Welt

Was sich heute so selbstverständlich liest, war zu jener Zeit etwas, das sich für viele keineswegs von selbst verstand. Sollten die Deutschen etwa von den Afrikanern etwas lernen können? Mussten sie sich tatsächlich ins Verhältnis setzen mit Völkern und Staaten, denen sie sich nicht nur technisch, sondern auch zivilisatorisch trotz allen Mordens, trotz aller Verblendung in zwei Weltkriegen unendlich überlegen fühlten?

Ja, sie sollten. Dahrendorf teilte die Welt nicht in eine erste, zweite und dritte Welt, sondern konstituierte den Zusammenhang einer ungeteilten Welt gerade durch die Auswärtige Kulturpolitik, die sich der gemeinsamen Gegenwartsprobleme widmen sollte. Dieser Gedankenschritt führte auf ein Gebiet, auf dem noch alles zu gewinnen war und bis heute tatsächlich viel gewonnen wurde.

Dahrendorf sah das Ziel der Auswärtigen Kulturpolitik in der Friedenssicherung und in einer grundsätzlichen Verständigung, die auch tagespolitischen Stürmen widerstehen könne: „Unsere Auswärtige Kulturpolitik ist langfristig angelegt“, bestimmte er.

Schließlich räumte Dahrendorf der Autonomie der Mittlerorganisationen Priorität vor allen Wünschen staatlicher Steuerung ein, weil dies die Glaubwürdigkeit der Auswärtigen Kulturpolitik stärke. Das Auswärtige Amt möge sich auf diesem Feld zurückhalten. Denn, so Dahrendorf, „große Namen und große Taten sind eher von den sogenannten Mittlerorganisationen zu erwarten.“ Diese Erwartung zu erfüllen, wäre nicht die schlechteste Art, sich Lord Dahrendorfs zu erinnern.

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