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So klingt Metropolis - Dubairisches Potpourri

Skyline von Dubai: Größenwahnsinnige Blaupausenstadt oder Vorbild für künftige Städteplanung? © Manu Theobald Skyline von Dubai: Größenwahnsinnige Blaupausenstadt oder Vorbild für künftige Städteplanung? © Manu Theobald

Dubai - Eine Stadt sucht einen Sound. Aber was macht die Stadt aus? Wie klingt überhaupt eine Stadt? Nein, wir sprechen nicht von Straßenlärm, Stimmengewirr oder Sandstürmen. Was bestimmt die Essenz einer Stadt? Das wollten das Siemens Arts Program, das Ensemble Modern und das Goethe-Institut wissen - und haben ein Experiment gewagt.
29. Mai 2009

Jeweils vier Komponisten wurden in vier Megastädte geschickt: Dubai, Johannesburg, Istanbul und das dicht besiedelte Pearl River Delta. "Into..." nennt sich das Projekt. "Into Dubai" hat jetzt in Berlin und Frankfurt seine Uraufführung erlebt.

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Dubai, die Stadt der Superlative und Widersprüche. "Eine phantastische Vision", sagt Komponist Jörg Widmann, "aber auch eine Horrorvision, was hier gerade entsteht." Auf dem Flecken Sand am Persischen Golf entstehen die spektakulärsten Bauvorhaben der Welt. In den siebziger Jahren begann hier ein einzigartiger Bauboom. Das Abendland blickt häufig skeptisch auf die gigantischen Projekte. Von Größenwahn ist dann die Rede, von einer Blaupausenstadt. Täglich fahren 8000 Lastwagen durch Dubai, um Sand für die Aufschüttung künstlicher Inseln zu liefern. Gleichzeitig beherbergt die Stadt unter der sengenden Wüstensonne eine auf minus vier Grad abgekühlte Skipiste wie auch ganze Stadtteile, die mit regenerativer Energie versorgt werden. Manche sehen in Dubai sogar ein Vorbild für zukünftige Städteplanung.

Dubai? Um Gottes Willen! Komponist Markus Hechtle wäre gern nach Istanbul gegangen. Auch ins Pearl River Delta. Aber Dubai? "Ich war sehr enttäuscht", erzählt er vor dem Konzert in Berlin. "Freiwillig wäre ich nie nach Dubai gefahren." Hechtle wollte schon aus dem Projekt aussteigen, als ihm klar wurde, dass gerade das die Sache spannend machen würde: die Chance, die eigenen Vorurteile zu überprüfen. Auch sein litauischer Kollege Vykintas Baltakas hatte ein recht schlichtes Bild von der Stadt in den Vereinigten Emiraten: Dachte er an Dubai, dachte er an fliegende Teppiche und Märchen aus Tausendundeine Nacht. Absichtlich hat er sich deshalb nicht auf die Reise vorbereitet: "Ich wollte bei null anfangen."

Seit Februar 2008 reisten die 16 Komponisten in die jeweiligen Metropolen, auf der Suche nach dem musikalischen Seelenleben der Orte. Sie arbeiteten in und an einer Stadt und komponierten in Auseinandersetzung mit dieser ein Werk für das Ensemble Moderne. Das Goethe-Institut hat die Betreuung der Komponisten vor Ort übernommen, Kontakte zu Bewohnern vermittelt, Lesungen organisiert und so die idealen Rahmenbedingungen für einen wirklichen Austausch geschaffen.

Kunst statt Künstlichkeit

Und doch hatte jeder Komponist seinen ganz persönlichen Zugang zur Stadt. Der Ungar Márton Illés etwa saß in einer Schilfhütte im historischen Stadtteil Bastakiy und spazierte am Ufer des Dubai Creek entlang oder durch das bunte Marktviertel Bur Dubai. Schon vor Ort begann er zu komponieren. Er gestattete der Stadt, von seiner Person Besitz zu ergreifen - und musste feststellen: Noch nie hat eine Arbeit physisch so an ihm gezehrt. Er sei an diesem Stück fast gestorben, sagt Illés, und er meine das fast ernst. Hechtle ließ seine Eindrücke dagegen erst einmal auf sich wirken; er machte sich erst Monate nach seiner Heimkehr an sein Werk. Besonders beeindruckt war er von einem Besuch in der Wüste, wo er eine Nacht verbrachte: die Schönheit, die Stille, die Gefahr. In musikalische Metaphern, sagt er, habe er das Erlebte übersetzen wollen.

Der Klang von Dubai - Hörbeispiele aus den Konzertproben:

Vykintas Baltakas, Lift to Dubai (MP3, 3:06 Min.)
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Jörg Widmann, Dubairische Tänze (MP3, 2:39 Min.)
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Markus Hechtle, Leeres Viertel (MP3, 3:15 Min.)
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Márton Illés, Scene polidimensionali XVI "Körök" (MP3, 2:30 Min.)
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Ausgerechnet Dubai musikalisch einzufangen, ist dabei kein einfaches Unterfangen. Eine gewachsene Kultur gibt es nicht in der Stadt, der gern ihre Künstlichkeit vorgehalten wird. Wie kann hier künstlerische Substanz entstehen? "Es gibt wenige Dinge, die hier so kompliziert unterzubringen sind wie Musik", eröffnete Michael Schindhelm, der seit 2007 in Dubai als Kulturmanager arbeitet, den Komponisten zu Beginn ihres Besuchs. "Das Klavierspiel wird ja hier sogar als ein Finger des Teufels bezeichnet. Ihr seid möglicherweise so etwas wie der Kolumbus der Musik."

Einige haben in der Fremde vor allem zu sich selbst gefunden, sich auf ihre eigene Herkunft besonnen. Der Münchner Jörg Widmann etwa. Womit kam er aus Dubai zurück? Mit Walzern, Landlern und Zwiefachen: Dubairische Tänze nennt er sein neunteiliges Werk.

Ein Mann, eine Stadt, ein Mikrofon

So unterschiedlich die Charaktere der Komponisten und die Zugänge zur Stadt waren, so unterschiedlich sind die musikalischen Ergebnisse: "Ich war in Dubai. Und ich hatte ein Mikrofon." Das ist alles, was Baltakas im Programmheft als Erläuterung zu seinem Stück schreibt, einer Soundcollage aus Aufnahmen von Aufzug-Szenen, Cola-Werbung und einer den Hörer durchaus fordernden Sammlung von Geräuschen diverser Provenienz, untermalt von komplementär eingesetzten Beiträgen der Musiker des Ensemble Modern. Hechtle dagegen verwandelte das Ensemble in seinem Stück "Leeres Viertel" nahezu komplett zu einem Orchester von Perkussionisten, die mit ihren Klangstäben täuschend echt den Sound eines kreszendierenden, gewollt zufälligen Windspiels im Wüstenwind zu imitieren schienen.

"Into Dubai" ist das dritte der musikalischen Städteporträts. Im Oktober wird der Reigen mit den Inspirationen zum Pearl River Delta abgeschlossen.

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