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Stasiuk in Krakau: Groteske Grenzerfahrung



Nationale Vorlieben, Komplexe und Vorurteile: Angesiedelt am ehemaligen polnisch-slowakischen Grenzübergang nimmt das Stück „Warten auf den Türken“ von Andrzej Stasiuk die Perspektive ehemaliger Grenzwächter und Grenzgänger ein, die im Niemandsland zwischen hier und drüben, gestern und heute einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. „taz“-Autorin Katrin Bettina Müller war bei der Uraufführung in Krakau dabei.

30. Juni 2009

„Die Veranstalter laden einen nach all diesen Lesungen meist in ein italienisches Restaurant ein“, schreibt der polnische Autor Andrzej Stasiuk in „Dojczland“, seinem 2008 erschienen Buch über seine Lesereisen in Deutschland. „Keine Frage, sie haben einen Komplex. Das bessere Leben ist im sonnigen Italien.“

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Auf dem Stadtplan von Krakau, den das Goethe-Institut dort den Besuchern, die zu einer Stasiuk-Premiere aus Deutschland angereist kommen, in die Hand drückt, sind lustigerweise fünf italienische Restaurants als Ausgehempfehlung markiert. Andrzej Stasiuk weiß, wovon er redet, wenn er von nationalen Vorlieben, Komplexen und Vorurteilen erzählt. Das ist auch ein Thema seines Stücks „Warten auf den Türken“, das am 19. Juni im Stary Teatr Krakau seine Uraufführung erlebte.

Das Drama entstand im Rahmen von „After the fall“. 17 Autoren aus 15 europäischen Ländern schreiben im Auftrag des Goethe-Instituts für dieses Projekt Theaterstücke über den gesellschaftspolitischen Wandel in ihrer Heimat seit dem Fall der Mauer. Unter den Autoren sind viel gelobte Nachwuchsautoren wie die moldauische Dramatikerin Nicoleta Esinencu oder der Deutsche Dirk Laucke aber auch bekannte Namen wie Stasiuk.

Arbeitslose Schmuggler

Was wäre die Sprache ohne die Vorurteile, was wäre das Denken ohne Komplexe wert? „Und man weiß nicht, Gefährten, was furchtbarer ist: das Albion oder der gnadenlose Muselmann“, lässt Stasiuk in „Warten auf den Türken“ seinen „Chor der Schmuggler“ konstatieren, „die grenzenlose Freiheit oder das mohammedanische Joch, Europa oder Asien, Gefährten, mir wird Angst und Bange, denn die Entscheidung überfordert mich.“

Mit einem kleinen Ballett und flüsternd, wie noch unterwegs auf heimlichen Pfaden, eröffnet der dreiköpfige Chor die Inszenierung von Mikolaj Grabowski, dem Intendanten des Stary Teatr. Arbeitslos geworden lungern die Schmuggler nun ebenso wie der alte Grenzer in Rente, Edek, an einem aufgegebenen Grenzposten zwischen Polen und der Slowakei in den Beskiden herum. Sie vermissen die Grenze als Ordnungsmuster ebenso wie Edek, ihr früherer Gegner. In ihrem gemütlichen Jammer scheucht sie Patryk, ein junger Wachschutzmann auf, der das „Gelände“ nun im privaten Auftrag eines türkischen Investors bewachen soll.

© Zbigniew Bielawka
TV SymbolDiashow: "Warten auf den Türken" - Fotos von den Proben

Ihre Wortgefechte sind witzig und spitz, durchsetzt von männlichen Eitelkeiten, Geprotze und Stolz. Es ist eine deftige Sprache, in die Stasiuk ihre ideologischen Auseinandersetzungen packt, das Verhandeln der Verwurzelung in alten Hierarchien und die Hoffnung auf Veränderung. Die Inszenierung Mikolaj Grabowskis lässt keinen Moment daran zweifeln, dass Edeks Sehnsucht nach alten Ordnungsmustern auch auf seiner Fähigkeit zu Selbstbetrug und Verdrängung beruht. Ebenso wie Patryks Schwärmen für ein Leben in London keine zu genaue Nachfrage nach seinem Wohlergehen dort verträgt.

Einer, der im Ameisenhaufen rührt

„Andrzej Stasiuk hat die Systemwende fortwährend begleitet“, sagt Grabowski, der vor vier Jahren auch schon dessen erstes Theaterstück „Die Nacht“ inszeniert hat. Er sieht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Polen von vielen Tabus belastet und deshalb ist Stasiuk wichtig als einer, „der in diesem Ameisenhaufen rührt.“ Und Jan Peszek, der den Edek spielt, findet in dem Stück „das Zittern, das wir alle fühlen, ausgesprochen. Weiß man denn, worauf dieses Europa hinausläuft?“

„Wie erzählt man über die Gegenwart, die Vielzahl der Entwicklungen in Europa, die unterschiedlichen Demokratiebewegungen, die Verschiebungen der Grenzen nach außen“, fragt Martin Berg, der Leiter des Bereichs Theater und Tanz beim Goethe-Institut und einer der Initiatoren. Diese Frage hätten sich die Theaterautoren stellen müssen. Das Ziel von „After the fall“ sei gewesen, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer die europäische Dimension der Geschichte mit einer Vielzahl von Stimmen einzufangen. Stasiuk antwortet auf diese Frage mit einer politischen Groteske, die sich ihren stärksten Effekt für den Schluss aufhebt.

Denn der Türke, der dem Stück seinen Titel gibt, erweist sich am Ende als eine Frau, die Schmugglern und Grenzern ein Fortspielen ihrer alten Rollen anbietet - in einem Themenpark namens „Das Leben an der Grenze“. Da könnten sie dann, was ihre Wirklichkeit war, als folkloristisches Abziehbild verkaufen.

Zwar hat das Stück Schwächen: Es ist ein etwas zu vorhersehbarer Schwank; und tritt man aus dem Stary Teatr wieder hinaus auf die Straßen Krakaus, die abends von trinklustigen Touristenbanden geradezu überschwemmt werden, haftet ihm auch etwas vom Rückzug an einen Ort an, dem als Zukunft noch bevorsteht, was die Stadt Krakau schon längst erlebt hat. Aber vielleicht braucht es die Beschränkung, um das schon alltäglich Gewordene wieder sichtbar zu machen.

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