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Kunst in Israel: Wenn der Strand zur Falle wird

Gefangen am Strand: Gregor Schneiders 21 Beach Cells. Copyright: Noa Ben Shalom
Gefangen am Strand: Schneiders 21 Beach Cells. (Foto: Noa Ben Shalom)

9. Juli 2009

Es ist eine Neuinterpretation des Gewohnten und Bewohnten: Der Strand als Ort entspannten Zeitvertreibs wird zur Endstation gescheiterter Hoffnungen; und die Behaglichkeit des Wohnraums wird zu surrealer Klaustrophobie. Gregor Schneider zeigt in Herzliya bei Tel Aviv die Strand-Installation „21 Beach Cells“ und die Ausstellung „Haus u r“. Von Georg Blochmann

„Das wirkt doch schon ganz anders als bei uns vor drei Jahren“, sagt der australische Mäzen John Kaldor irgendwann bei der Eröffnung der Installation „Beach Cells“ von Gregor Schneider am Accadia Beach in Herzliya. Was anders war am Bondi Beach in Australien? Das Licht vor allem, denn in Israel liegt das Meer immer im Westen. So sind die Eröffnungsgäste immer auch ein bisschen abgelenkt durch den Sonnenuntergang. Der ist vertrauter als die verstörenden Strandkäfige von Gregor Schneider.

Fotos © Noa Ben Shalom

Man ist zurückhaltend, traut sich zuerst nicht hinein – und das ist eigentlich ganz unisraelisch. Dann geht es aber doch. Und auch erste Strandbesucher nähern sich. Der Eisverkäufer ist völlig perplex, nimmt es aber mit Humor. Kleine Gesprächsgruppen bilden sich in den Einzelkäfigen und auf einmal merkt man, dass man sich durch die Gitter unterhält. Dann wechseln die Themen und man beschäftigt sich mit sich selbst und dem ungewohnten Erfahrungsraum. Noch ist man hin- und hergerissen zwischen der leichten Heiterkeit des Strands und dem starren Ordnungsgefüge der Zellen.

21 Parzellen hat Schneider am Strand von Herzliya mit Bauzäunen voneinander abgetrennt. Identisch ausgestattet mit Sonnenschirm, Strandmatte und Mülleimer weckt die Installation Assoziationen mit Bildern aus Abu Ghraib oder Flüchtlingscamps. Der frei zugängliche Strand wird so radikal uminterpretiert: Er wird zur Falle. Die Neuinstallation des ursprünglich am australischen Bondi-Beach entwickelten Projekts „21 Beach Cells“ am Strand von Herzliya fügt dem Kunstwerk eine weitere, politische Dimension hinzu: Von Herzliya bis Gaza sind es gerade einmal 60 Kilometer.

Zeitgleich zeigt das Herzliya Museum of Contemporary Art eine von Schneider selbst konzipierte Ausstellung mit dem Titel „Haus u r“. Mit Videos, Fotos und Skulpturen dokumentiert sie Schneiders Hauptwerk, sein Haus im nordrhein-westfälischen Rheydt, das er seit 1985 kontinuierlich überarbeitet. Er zieht doppelte Böden ein, lässt ganze Räume fast unmerklich rotieren und schafft mit künstlichem „Tageslicht“ illusorische Tageszeiten. Die vordergründig vertraute Kulisse heimeligen Wohnens stellt Schneider so auf den Kopf und verwandelt sie in ein Gefühl unwirklicher Platzangst.

Der Künstler erklärt nichts

Barfuß – denn die Schuhe zieht man am Strand trotz Anzug doch besser aus – geht’s weiter zum Museum zum zweiten Teil der Präsentation. Ein Video vermittelt die Raumerfahrung der klaustrophobischen Installation, die im großen benachbarten Saal des Museum of Contemporary Art in Hunderten kleinformatiger gerahmter Fotografien dokumentiert ist. Verstörend wieder die am Boden in exaktem Raster angeordneten Objekte. Wohl keinem der Besucher stockt nicht der Atem, wenn er über die Treppe den in homogenes gleißendes Neonlicht getauchten Raum betritt.

Hier offenbart sich die einzigartige Qualität der Arbeitsweise Gregor Schneiders. „Ich bin kein politischer Künstler“, sagte er häufiger gesprächsweise in der vorangegangenen Woche, „ich bin Bildhauer.“ Und doch… Die Besucher schauen, suchen, bauen merklich ihr eigenes Narrativ aus dem, was sie sehen. Der Künstler erklärt ihnen nichts, weder durch seine Arbeit noch persönlich. Etwas beunruhigt.

In seinen Installationsraum geht der Künstler am Eröffnungsabend Anfang Juni nicht. Auf dem Empfang zu vorgerückter Stunde erzählt er entspannt, wie sehr ihm die Arbeit in Israel gefallen hat, vor allem Tel Aviv, aber auch Jerusalem sei eine schöne Stadt. Die Ausstellung bleibt bis zum Ende des Jahres in Herzliya – und Gregor Schneider will wiederkommen.

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