Goethe aktuell

„X Wohnungen“: Die Haus-Meister

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Hitchcock auf der Wäscheleine: Simone Mina reicht in ihrer Traumwelt auf Zeit Derrida-Zitate (Foto: Grão Imagens)

7. Juli 2009

Luxus im ehemaligen Bordell, Polizei im besetzten Hochhaus, ein Fußbad im Fahrstuhl: In São Paulo haben Künstler zu einem Ausflug in eine Traumwelt auf Zeit gebeten. Unsere Autorin Renate Klett ist der Einladung gefolgt.

Erster Tag: Acht Jahre nicht dagewesen, und die Stadt ist nicht wiederzuerkennen; alle kleinen, privaten Orientierungsmarken sind verschwunden. Wie alle Megacitys unterliegt São Paulo ständigem Wandel, die einzige Konstante ist sein unaufhaltsames Wachstum: Derzeit vermutet man 20 Millionen Einwohner im Großraum der Wirtschaftsmetropole.

Die Touren von „X Wohnungen“ („X Moradias“) beginnen am SESC, der mächtigen Kulturorganisation. Man registriert sich, erhält Ausweis und Routenbeschreibung und muss unterschreiben, dass man auf eigene Verantwortung durchs Zentrum läuft – denn das hat noch immer den Ruf, gefährlich zu sein, auch wenn alle sagen, es sei besser geworden. Allein die Tatsache, dass die Eigentümer ihre doppelt und dreifach gesicherten Wohnungen für das Goethe-Projekt wildfremden Menschen öffnen, und das im Zehn-Minuten-Takt, ist schon ein Erfolg. Wie viel Arbeit, Überredungskraft und Planung dahinter steckt, lässt sich erahnen.

„X Wohnungen“ heißt das Projekt, das nach Caracas, Istanbul und Berlin nun nach São Paulo gekommen ist. Mit der Privatsphäre von Wohnungen künstlerisch zu spielen, ist die Idee des Theater-Formats, das der Berliner Intendant Matthias Lilienthal schon 2002 ins Leben gerufen hat. Bekannte Meister ihrer Künste zeigen ihre Minidramen, Performances und Installationen in den Wohnvierteln der Oberschicht, dort, wo Normalsterbliche sonst nicht hinkommen.

Tour Nr. 1 führt durch die Stadtteile Higienopolis und Santa Cecilia, sie beginnt mit reichen Prachtwohnungen in Hochhausfestungen und endet mittelständig und bescheiden. Hinter jeder Wohnungstür lauert vier Tage lang eine Kunstaktion, jede ist anders, jede spielt mit der Verwischung von Realität und Fiktion und wird zwischen 14 und 21 Uhr in „Dauerschleife“ für je zwei Besucher gezeigt. Am tollsten ist es, wenn auch noch der Zufall mitspielt und die Kategorien endgültig durcheinander wirbelt.

Ein Traum auf Zeit

Etwa so: Während wir in der Küche nach Spuren eines Geistes suchen, der hier einmal gesichtet wurde, rumpelt es im Dienstboten-Treppenhaus, als würde der Geist gleich durch die Hintertür kommen. Das gehört nicht zum Projekt von Torsten Michaelsen, sondern ist die Müllabfuhr, die die Tonnen zurechtrückt, aber es passt gruselig gut. Das Dienstmädchen jedoch, das uns in einer anderen Wohnung die Tür öffnet, ist echt und ihre Herrschaft, die mit dem Essen auf uns wartet, auch – nur sind wir leider zu spät und kriegen nichts.

Grão Imagens
„X-Wohnungen“: Schöner Wohnen in São Paulo


Oft sind es die Wohnungen der beteiligten Künstler, die wir besuchen; sie spielen sich selbst in authentischer Umgebung, oder sie laden Schauspieler ein. Regisseure, Installations- und Videokünstler erfinden Geschichten, Situationen, Konflikte, untergraben die Realität oder verdoppeln sie. Leticia Sekito sitzt im Wohnwagen auf einem verrammelten Parkplatz, sie bietet Tee an und ein Zen-Tarot-Spiel.

Ihre Erläuterungen zur gezogenen Karte enthalten den schönen Satz „Life is not a business that has to be managed, but a mystery that has to be lived“. Dann tanzt sie für uns auf engstem Raum. Simone Mina hat eine Traumwelt auf Zeit geschaffen: ein weißes Zimmer mit weißem Sofa, weißen Vögeln, weißer Luft – dazu reicht sie Derrida-Zitate über Gastfreundschaft.

Als Hausmädchen gescheitert

Zweiter Tag, Tour Nr. 2: Republica – Vila Buarque. Heute sind wir im Zentrum des Zentrums unterwegs – als wir den Weg durch einen kleinen Park abkürzen wollen, wird uns abgeraten: perigoso! Am helllichten Tag, mitten in der Stadt? Wir tun es trotzdem, aber mit leicht klopfendem Herzen. Überhaupt ist dies der Tag der Verunsicherungen. Lucas Bambozzi schickt die Besucher in einen stockdunklen Raum, aus dem man sich mithilfe einer Nightshot-Kamera kleine Lebenspartikel herausschneidet. Auf dem Display sieht man Katzen und Hühner, man hört sie auch, kann sie aber nicht verorten.

Es ist unheimlich: Man verliert die Orientierung, findet kaum die Ausgangstür – ein starker, sehr irritierender Eindruck von Klaustrophobie und Hilflosigkeit. Auch in Niemeyers berühmten Copan-Hochhaus, in dem 5000 Menschen leben, wird der Blick im Fahrstuhl durch Augenbinden verdunkelt, aber hier ist das Verlorensein eher angenehm: Man wird mit einem duftenden Fußbad verwöhnt und sanft wieder hinausgeleitet. Auf dem Dach des Copan dürfen wir dann die phantastische Aussicht genießen, bevor es zur Hausmeisterwohnung geht, in der über Sinn und Unsinn von Kommunikation philosophiert wird (Dellbrügge & de Moll).

Nurkan Erpulat zeigt uns die schäbige Wohnung des so berühmten wie betagten Transvestiten Phedre de Cordoba, wo wir zu Bewerbern um die Stelle des Hausmädchens werden, aber wir machen alles falsch und werden nicht genommen. Bei Gesine Danckwart ist die Wohnung wieder sehr edel: ein früheres Puff, jetzt Luxus-Apartment, was natürlich zu Spekulationen über die Besitzerin führt. Eher unspekulativ geht es bei Richard Maxwell zu: der hat ein veritables Monodram inszeniert mit erstaunlich viel Text für zehn Minuten: ein einsamer Mann, den seine sexuellen Obsessionen von Zimmer zu Zimmer treiben. Wenn man bedenkt, dass der Darsteller das jeden Tag 25 Mal hintereinander spielt!

Polizeieinsatz: Die Realität überrollt die Fiktion

Jede Station, jede Erfahrung ist anders, abends ist man randvoll mit Eindrücken und Überlegungen – und dazu noch die Intensität des Stadtlebens. „X Wohnungen“ ist anstrengend, aber es ist unvergleichlich. Bei Ariel Davila überrollt die Realität dann jede Fiktion. Er wollte mit Obdachlosen arbeiten, die ein leerstehendes Hochhaus besetzt hatten – am zweiten Probentag wurde das Haus von der Polizei geräumt, über hundert Familien campierten auf einer Brückentreppe, bekamen dann ein altes Lagerhaus zugewiesen, das sie notdürftig herrichteten.

Dort empfangen sie jetzt die Besucher. Davila, vom Inszenator zum Dokumentaristen geworden, hat seine Fotos an Wäscheleinen aufgehängt, zeigt einen Film über die Ereignisse. Die Obdachlosen, viele von ihnen berufstätig, aber so schlecht bezahlt, dass sie sich keine Wohnung leisten können, sind kämpferisch und gut organisiert. Vermutlich werden sie ein neues Hochhaus besetzen – schließlich stehen genug davon leer.

Dritter Tag: Vierte und letzte Tour: Consolacao – Bela Vista. Die heutige Route ist besonders lang und besonders kontrastreich. Eine völlig heruntergekommene Gründerzeitvilla in einem verwilderten Garten spricht für sich selbst (Enrique Diaz). Eine Bewohnerin führt uns herum. Die Geländer wackeln, die Fußböden sind löchrig – wir finden es elend, aber sie ist voll des Lobs: es regnet nicht herein, sie haben Elektrizität, und Wasser kriegen sie von der Tankstelle umsonst. Da schämen wir uns.

Endstation Zuhause

Die Academia de Boxe ist auch so ein Ort: wildes, eingezäuntes Gelände unter einer Autobahnbrücke – Kinder und Erwachsene können hier boxen lernen, an ausrangierten Fitnessgeräten trainieren, alles ohne Geld. Was für uns laut und wüst ist, ist für sie ein Stück Heimat. Gegen Ende des Parcours wird es wieder freundlicher: ein paar überraschend schöne alte Straßen, ein Viertel, das auch für Paulistanos eine Entdeckung ist. Eine Frau mit Mikro lockt uns an ihren Computer: jeder muss eine Geschichte erzählen, und sie spielt uns die anderer Teilnehmer vor (Cassio Santiago / Elisa Band).

In der nächsten Wohnung hat sich eine Frau gerade von ihrem Mann getrennt, wir helfen, seine Sachen auszusortieren und teilen mit ihr die befreiende Lust, sie durchs offene Fenster auf die Straße zu pfeffern. Dies ist die lakonischste, pfiffigste Performance von allen (Estela Lapponi). Und ein paar Häuser weiter macht uns Simon Will von Gob Squad gleich selbst zu den Bewohnern – an der Tür wird uns stumm ein Handy gereicht, wir folgen den Anweisungen, loben Musik, die uns nicht gefällt, behandeln den Partner, wie wir es nicht tun würden. Es ist die letzte Station der Drei-Tage-Reise und ihre logische Konsequenz: nach 23 Wohnungsbesuchen sind wir zu Hause angekommen.

„X Wohnungen“ in São Paulo ist ein Riesenerfolg. Alles ist ausverkauft, und trotzdem stehen die Leute Schlange. Jeder kann diese Touren sich anverwandeln, sie als forsches Abenteuer begreifen, als soziologische Studie oder als philosophischen Exkurs über Sein und Schein, Authentizität und Plagiat. Jede Ausgabe ist anders, muss anders sein, nach Berlin, Istanbul, Caracas und São Paulo sind die nächsten Experimente in Wien, Warschau und Johannesburg geplant.
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