Goethe aktuell

Deutsch-russischer Austausch: Obama, der Tatar

Zu Besuch in Bulgar – Zwei Workshop-Teilnehmerinnen, Copyright: Nuria Fatichowa
Zwei Workshop-Teilnehmerinnen in Bulgar (Foto: Nuria Fatichowa)

15. Juli 2009

Kasan ist ein Musterbeispiel fürs friedliche Miteinander: Kaum irgendwo in Russland leben Christen und Muslime so harmonisch zusammen wie hier. 13 Nachwuchsjournalisten haben sich nun ein eigenes Bild von der tatarischen Hauptstadt gemacht. Von Verena Hütter

Freitag ist Hochzeitstag in Kasan: Ein muslimisches Brautpaar posiert für den Fotografen in der Moschee des Kasaner Kremls. Nur wenige Meter entfernt, auf dem Parkplatz vor den Kreml-Mauern, tanzt eine Braut zur lauten Musik aus dem Autoradio – sie wurde gerade russisch-orthodox getraut.

Alltag in Kasan. Die Stadt in der russischen Republik Tatarstan, 900 Kilometer östlich von Moskau gelegen, gilt als Musterbeispiel für das friedliche Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen. Das deutsch-russischsprachige Jugendportal To4ka-Treff (ein Projekt der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Goethe-Institute der Region Osteuropa/Zentralasien) hat 13 Nachwuchsjournalisten eingeladen, vom 1. bis zum 5. Juli 2009 die Stadt an der Wolga zu erkunden. Architektur und Identität war das Thema des Workshops, den das Goethe-Institut Moskau gemeinsam mit der Kasaner Universität organisierte und den das Auswärtige Amt im Zuge des Europäisch-Islamischen Kulturdialogs finanzierte.

Fünf Tage Kasan in Bildern © Verena Hütter Ehrengalerie: Die Preisträger der Goethe-Medaille im Porträt


Die Workshop-Teilnehmer, junge Journalisten, sind aus Kasachstan, aus Tschetschenien, aus Moskau, Passau, Berlin und Frankfurt nach Kasan gekommen. Alle verbindet eine große Leidenschaft für den jeweils anderen Sprachraum. In Kasan nun wollten sie herausfinden: Wie fühlt sich ein Kasaner Bürger: Als Tatare? Als Muslim? Als Christ? Und wie spiegelt sich die Identität der Bewohner in der Architektur der Stadt und der Gegend wider?

Bulgar – Brücke zwischen Orient und Okzident

Studentinnen der Kasaner Universität haben die Teilnehmer in ihrem Wohnheim untergebracht und gleich für den ersten Tag gemeinsam mit ihrer Dozentin Olga Donetzkaja eine Schifffahrt organisiert – 120 Kilometer die Wolga entlang nach Bulgar. Hier wurde laut mittelalterlicher Legende eine sterbenskranke Herrschertochter von wandernden Muslimen geheilt. Diese brachten einen Birkenbaum zum Wachsen, dessen Zweige die Prinzessin kurierten. Die Hochzeit zwischen einem der Muslime und der Patientin bedeutete die Geburt des Islams in Tatarstan. Seit 1969 besitzt Bulgar, das heute nur mehr aus einigen dörflichen Siedlungen besteht, ein Freilichtmuseum rund um die Ausgrabungsstätten der 1236 zerstörten Stadt. An den restaurierten Schwarzen Palast schließen sich Minarett, Moschee und Kirche an. Über das weitläufige Gelände watscheln Gänse, eine Ziege kaut gemütlich, ein Maler hält den Blick auf Ruinen und Wolga fest. Bulgar steht auf der Liste der Unesco und soll Weltkulturerbe werden. Jährlich pilgern 20.000 Muslime aus der ganzen Welt hierher.


„Wenn die Menschen direkt nebeneinander leben, bekommen sie ein Gefühl dafür, einander zu achten“, erklärt Renat Nakifowitsch Waliullin am Tag darauf den To4ka-Teilnehmern. Waliullin ist Vorsitzender des Rates für Religionsfragen am Ministerkabinett der Republik Tatarstan. Der Religionsrat spielt als staatliches Aufsichtsorgan eine wichtige Rolle. Er beobachtet die Beziehungen zwischen Staat und einer Vielzahl an konfessionellen Verbänden. Etwa 50 Prozent muslimische Tataren und rund 40 Prozent überwiegend orthodoxe Russen leben in Tatarstan. Mehr als 1.400 konfessionelle Verbände sind gemeldet, in Kasan allein stehen 53 Moscheen. Vielleicht ist der Schlüssel zum Geheimnis des friedlichen Dialogs ja das strikte Achten auf Balance: Wenn der Staat einer Moschee einen neuen Dachstuhl finanziert, so sorgt er im selben Atemzug etwa für die neue Bestuhlung einer russisch-orthodoxen Kirche.

„Um tolerant zu sein, muss man gebildet sein“

Der Religionsrat hat vor zehn Jahren auch bei der Gründung der Russischen Islamischen Universität in Kasan geholfen. Das Universitätsgebäude stellte 1989 der Staat, die Islamische Bank für Entwicklung finanzierte die Restaurierung. Drei Jahrgänge haben an der islamischen Ausbildungsstätte seitdem ihr Studium absolviert und mit dem Bachelor abgeschlossen. Rund 500 Studenten, darunter 30 Prozent Frauen, studieren hier Theologie, Linguistik oder Islamische Wirtschaft und Finanzwesen. Der Rektor der Universität, Rafik Muhametschowitsch Muhametschin, berichtet den Workshop-Teilnehmern stolz, dass seine Studenten aus 23 Regionen Russlands nach Kasan kommen. Dass die Kasaner Studenten nicht in einer rein muslimisch geprägten Region leben, bedauert Muhametschin keineswegs. Denn alltägliche Versuchungen („die langen Beine eines Mädchens“, „ein kühles Bier bei warmen Temperaturen“) sind „Prüfungen“ und können, so der Rektor, den Glauben eines Muslims nur stärken. Die Universität auszubauen und immer mehr Studenten eine Ausbildung zu ermöglichen, sieht Muhametschin als seine Pflicht an. Denn, so sagt er, „um tolerant zu sein, muss man gebildet sein. Ein gebildeter Mensch ist automatisch tolerant.“

Hommage an Barack Obama – Kneipentisch in Kasan, Copyright: Anastasija Gorochowa

Barack-Obama-Schriftzug auf einem Kasaner Kneipentisch (Foto: Anastasija Gorochowa)

Toleranz und Offenheit scheint selbst das Motto in den Kasaner Bars zu sein: Der Leadsänger der Band, die in einer kleinen Kneipe ihren Auftritt hat, widmet sein erstes Lied dem Kasaner Fußballclub Rubin, das zweite singt er für Barack Obama. In einem dritten lobt er irische Pubs und interpretiert schließlich Let me entertain you von Robbie Williams völlig neu und auf Russisch und stößt mit den Gästen auf Michael Jackson an.

Über weitere Eigenarten Kasans und seiner Bewohner berichten die Workshop-Teilnehmer ab Ende Juli exklusiv auf To4ka-Treff – auf Tschetschenisch, Tatarisch, auf Russisch und auf Deutsch.

Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten