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Schlingensief in Afrika: „Großer Mann, was planst du?“

Aino LaberenzCopyright: Aino Laberenz
Schlingensief in Burkina Faso: „Das Höchste der Kultur ist für Afrika nicht genug“ (Foto: Aino Laberenz)

3. August 2009

Ein Mann reist durch Afrika und sucht einen geeigneten Ort, um ein Opernhaus zu errichten: Christoph Schlingensief. Das vom Goethe-Institut unterstützte Projekt lässt noch viele Fragen offen – und gerade deshalb ist es so interessant.

Maputo im Juli. Im Teatro Avenida in der mosambikanischen Hauptstadt ist ein besonderer Gast aus Deutschland zugegen. Im Zuschauerraum sitzt Christoph Schlingensief. Hier ist der Regisseur und Aktionskünstler lediglich Zuschauer, während auf der Bühne Theaterschüler unter dem wachsamen Auge von Henning Mankell einen Workshop abhalten. Das Teatro Avenida ist der Lebenstraum des schwedischen Bestseller-Autors, seit Mitte der Achtzigerjahre leitet er es und verbringt einen Großteil des Jahres hier.

Zu Beginn der Arbeit stimmen die schwedischen Schüler ein afrikanisches Lied an, das sie eigens für den Besuch einstudiert haben. Auch Schlingensief hat einen Traum, den er in Afrika verwirklichen will: eine Oper.

Schlingensief als neuer Fitzcarraldo? Der Vergleich liegt nahe. Einer, der beseelt ist von seiner Idee. Einer, der der Welt eine Oper vermachen will – eine Oper mitten in Afrika. In Burkina Faso, Kamerun oder eben in Mosambik. Die Entscheidung, wo gebaut wird, will der Künstler in ein paar Wochen bekannt geben. Dass sein Herz für Burkina Faso schlage, hat er bereits offen berichtet.

Schlingensief selbst räumt durchaus eine Ähnlichkeit zu Fitzcarraldo ein, dem von Werner Herzog und Klaus Kinski verewigten Abenteurer, der von dem Traum getrieben war, im peruanischen Dschungel eine Oper zu bauen. Die erste Station auf der Suche nach dem geeigneten Standort für Schlingensiefs Oper war Kamerun. „Das Höchste der Kultur“, schrieb Schlingensief hinterher, „ist für Afrika noch lange nicht genug.“ Schon in Bayreuth, so fährt er fort, sei ihm aufgefallen, „dass die Oper, und gerade Bayreuth, unser gestörtes Verhältnis zur Erlösung, das offenbar immer einen gewissen Gruppenwahn auszulösen scheint, durch Diebstahl und Selbstaneignung vertuschen will.“ Eine Argumentationskette, die sich dem Unbedarften vielleicht nicht unmittelbar erschließt. Aber ist das ein Manko? Es wäre nicht Schlingensief, wäre es anders. Eindeutigkeit ist nicht die Sache des Künstlers.

„In der Zukunft werden wir das verstehen“

Das Vage, das Unerklärte seiner Visionen irritiert freilich. „Er mag keine Festlegungen, keine Begründungen“, so Anita Blasberg in der Zeit. In ihrem Artikel beschreibt die Autorin eine Szene: Schlingensief erklärt einer Runde von Kulturschaffenden im Goethe-Institut in Ouagadougou sein Vorhaben – oder erklärt es eben nicht. Am Ende sieht er in freundliche, aber ratlose Gesichter. „Sie sind ein großer Mann, der daran glaubt, was er macht“, sagt ein Theaterbesitzer, „aber was genau ist Ihr Plan?“ Schlingensiefs Antwort: „Wir wissen noch nicht, warum wir das hier machen, aber in der Zukunft werden wir das verstehen.“

Auch das Goethe-Institut hat sich auf das spannende Unternehmen mit ungewissem Ausgang eingelassen. Mit seiner Infrastruktur vor Ort verschafft es Schlingensief den notwendigen Zugang zu Kunstszene, Politik und sozialen Einrichtungen. Peter Anders, der im Goethe-Institut die Kulturprogramme in Subsahara-Afrika verantwortet, ist während Schlingensiefs Reisen stets an seiner Seite.

Der Plan, eine Oper in Afrika zu errichten, ist für Schlingensief dennoch nicht das Unternehmen eines Besessenen. Diverse Unterstützer hat er schon gewinnen können: neben dem Goethe-Institut etwa Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Auch Rupert Neudeck will helfen, Daniel Barenboim und Jürgen Flimm haben ebenfalls Interesse bekundet. „Keine unmögliche Idee“ sei es, sagt Schlingensief, „die nur um des marktwirtschaftlichen Profites willen entstehen soll, sondern die Idee, Afrika offiziell zu beklauen und dazu den eigenen Körper als Informationsträger, als fotografische Platte mitzunehmen und einzusetzen. Also kein goethereisender Kunstschnösel, der den Afros mal zeigt, was deutsche Kultur so alles kann, sondern ein blasses europäisches Blatt, das sich zur weiteren Belichtung nach Afrika begibt.“

Der „erweiterte Opernbegriff“

Wie soll sie aussehen, die Oper? Ein paar Skizzen hat Schlingensief schon entworfen; sie sind auf seiner Homepage zu sehen, umsetzen soll sie sein Freund Francis Kéré, ein in Berlin lebender Architekt aus Burkina Faso. Das Goethe-Institut hat die beiden miteinander bekannt gemacht. Bei einem Stadtplanungsprojekt in Johannesburg hatte es bereits erfolgreich mit Kéré zusammengearbeitet.

Ein aus landestypischen Teilen errichtetes Festspielhaus wird es demnach sein, dazu schwebt Schlingensief noch eine Probebühne vor, eine Pension, ein Hausmeisterehepaar, eine kleine Krankenstation und eine Küche mit einem Koch und einer Mannschaft, die dafür sorgen, dass man nicht hungern muss. Ein Ort des Austausches soll das Haus werden. Künstler aus Afrika könnten hier mit Künstlern aus dem Rest der Welt zusammenkommen, zusammen arbeiten. Es ist der „erweiterte Opernbegriff“, von dem der 49-Jährige ausgeht, und er spricht von einer „längst überfälligen neuen Art von Entwicklungshilfe für Afrika, die nicht nur austeilt, sondern auch beraubt und sich somit ebenfalls als Teil eines gemeinsamen Kreislaufs versteht.“ Sein Festspielhaus befreie die Kolonie Oper aus ihrer Erstarrung und begreife sie als lebendiges Gefäß mit Löchern, das von seiner Umgebung aufnimmt und in seine Umgebung abgibt.

Einer, der Schlingensief sehr gut versteht, ist Henning Mankell. Bei der Begegnung in Maputo lässt sich der Schwede das Projekt genau erklären und sieht viele Gemeinsamkeiten. Das „Zurückspielende“ im Umgang mit Afrika, darum geht es beiden Künstlern – „offiziell beklauen“ eben.
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