Goethe aktuell

„Mauerreise“: Der fernöstliche Eiserne Vorhang

Jong Duk WooCopyright: Jong Duk Woo
Künstler Hwang: „Beide Koreas haben Fehler gemacht“ (Foto: Jong Duk Woo)

10. August 2009

Die Parallelen sind so offensichtlich wie die Unterschiede; was für Deutschland Vergangenheit ist, ist für Korea traurige Gegenwart: die Teilung. Das Goethe-Institut hat nun die „Mutter aller Mauern“ in den Fernen Osten getragen. An der Grenze zwischen Korea und Korea entsteht eine Installation zum deutschen Jubiläum – und ein gedanklicher Mehrwert. Von Thomas E. Schmidt

In diesem Regen sehen die Dinge nur noch bemitleidenswert aus, die flachen Häuser, die Autos und die wenigen Menschen draußen. Der Regen spült die rotgelbe Erde unter den Mais- und Tomatenpflanzen fort. Koreas bekanntester Schriftsteller Hwang Sok-Yong sieht sich das amüsiert an. Er arbeitet an diesem Monsuntag im Art Studio außerhalb von Goyang, wo man nicht mehr erkennt, ob dies noch Stadt oder schon Umgebung ist, während Goyang selbst, eine Millionen-Trabantensiedlung, zur Umgebung von Seoul zählt. Mit einem Stück Holzkohle hat Hwang soeben für die Kameras eines koreanischen TV-Senders die Stäbe eines Gefängnisfensters nachgezogen, auf einem deutschen Stück der Berliner Mauer, nachempfunden aus Styropor.

Das Goyang Art Studio ist Schauplatz eines Kunstprojektes, das vom Goethe-Institut für das Mauerfall-Jubiläumsjahr konzipiert wurde. Weitere Schauplätze der „Mauerreise“ sind Jemen, Israel und Palästina, Mexiko, China sowie Zypern. Es sind Länder, in denen Trennung und Vermauerung Lebenswirklichkeit sind, weniger der Gegenstand einer Erinnerung an ein weltpolitisches Ereignis wie im fernen Mitteleuropa. Aber weil der Eiserne Vorhang in Deutschland aufging, ist die Berliner nun die Mutter aller Mauern – und wird verschickt in Gestalt makelloser Quader. In Korea arbeitet das Goethe-Institut mit dem Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst zusammen, das sonst im Art Studio einheimischen und ausländischen Künstlern Atelier- und Wohnraum bietet.

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen

Hwangs Teilnahme an dem Projekt ist gleichsam zwingend, hat er doch den Mauerfall 1989/90 selbst in Berlin erlebt. Die anderen beiden sind bildende Künstler. Ahn Kyu-Chul, Jahrgang 1955, ist Bildhauer und Konzeptualist, arbeitet als Professor an einer Kunsthochschule und studierte in den achtziger Jahren in Stuttgart. Heute gehört er zu den wenigen koreanischen Künstlern, die ihre Arbeit ausdrücklich als politische verstehen. Suh Yong-Sun, 1951 geboren, wurde als Maler und Zeichner bekannt, vor allem durch seine eindringlich-farbigen, gegenständlichen Gemälde, die deutlich vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind. In diesem Jahr wurde er zu Koreas Künstler des Jahres gewählt.

Alle drei sind arriviert und gehören einer Generation an, für die die Teilung des eigenen Landes ästhetisch noch eine Rolle spielt. Das ist nicht selbstverständlich, denn auch in Korea orientiert sich der künstlerische Mainstream am internationalen Post-Pop. Und auch in Korea löst die Beschwörung des nationalen Trennungstraumas unter Kulturmenschen, zumal jüngeren, inzwischen Abwehr, wenn nicht Langeweile aus.

Enttäuschte Hoffnung auf Obama

Hwang Sok-Yong fuhr 1989 unerlaubt zu einem Schriftstellerkongress nach Pjöngjang und blieb wochenlang. Den „Großen Führer“ Kim Il Sung freute es. Die Regierung in Südkorea nicht. Danach ging Hwang sofort ins Exil nach Berlin, später weiter in die USA. 1993 kehrte er nach Seoul zurück. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Und das, obwohl sein Land 1987 die Diktatur abgeschüttelt hatte und eine Demokratie geworden war. Fünf Jahre später kam Hwang wieder frei.

„Wir hatten gehofft, mit Obama werde zumindest der formelle Kriegszustand zwischen Nordkorea und den USA beendet“, meint Hwang, „aber das sieht nicht so aus. Inzwischen haben beide Koreas Fehler gemacht. Der richtige Zeitpunkt für Gespräche ist verpasst worden.“ Die Beschäftigung der koreanischen Künstler mit den Kunststoffquadern fällt sehr unterschiedlich aus.

Der Schriftsteller hat sein Stück als ein Symbol des Gefangenseins bemalt, dann mit Zitaten aus seinem Roman Der ferne Garten beschriftet, sodass es nun wie eine sehr persönliche, melancholische Erinnerung an den Willen, das unerwartete Glück, aber auch die Unmöglichkeit einer Überschreitung von Grenzen wirkt.

Die eigene Logik des Nordens

Suh Yong-Sun hingegen setzt dem Quader mit dem Messer zu und verwandelt ihn in die Skulptur eines Wachturms, von dem Soldaten grimmig herab blicken. Das ist sehr direkt, aber mehr als ein politisch korrekter Protest gegen das Ende des Eisernen Vorhangs, denn auch Suhs Südkorea hat sich mit Minen, Stacheldraht und Wachsoldaten eingeigelt. Nur Ahn Kyu-Chul geht mit dem Thema spielerisch um: „Ich möchte alle politischen Mauern der Welt auf meinem Block zeigen, ich will auflisten, was zum Bau solcher Mauern technisch nötig ist. Außerdem will ich den Betrachtern Raum lassen, eigene Botschaften auf dem Mauerstück zu hinterlassen.“

Anders als im Westen, wo man Kim Jong Il zu einem Psychopathen erklärt hat, weiß man in Seoul sehr genau, dass der Norden nach seiner Logik funktioniert – und das heißt: vor allem anderen auf die südkoreanische Innenpolitik reagiert. Kim hat das Ende der Entspannung, also das Versiegen seiner Überlebensgelder, mit Drohgebärden gekontert. Das kennen die Südkoreaner zwar, aber nun ist Kim todkrank, und die aggressiven Manöver des Nordens geben zu der Vermutung Anlass, dass bereits heftige Nachfolgekämpfe innerhalb der Führung Pjöngjangs toben.

Es fehlt eine Identifikationsfigur

Die Südkoreaner sind sich sicher, dass die letzte Bastion des Kommunismus nicht durch internationale Sanktionen fallen wird. Realer Frieden ist zunächst einmal Aufgabe und Schicksal der koreanischen Politik. Sie haben auch die deutsche Wiedervereinigung genau verfolgt, aber lernen können sie letzten Endes daraus wenig. Es wird ganz anders kommen.

Hwang Sok-Yong ist heute keine Identifikationsfigur mehr. Sein altlinker Habitus, sein unversöhnliches Opponieren wird kritisiert, ja selbst sein Ausflug zum Großen Führer gilt vielen rückblickend nur als zeitgeistige Polit-Performance: zu viel Sympathie für die falsche Sache. Das mag ungerecht sein, aber als Leitbild einer demokratischen Linken kann auch Hwang nicht dienen. Diese Stelle bleibt leer.

Mag die Mauerreise des Goethe-Instituts auf den ersten Blick auch vom Wunsch inspiriert sein, im Blick ausländischer Künstler etwas über Deutschland zu erfahren, so produziert sie doch an allen ihren Stationen so etwas wie einen gedanklichen Mehrwert, der ganz im Besitz der einheimischen Künstler bleibt und kaum ungeschmälert in andere Zusammenhänge transportiert werden kann. Die Koreaner Ahn Kyu-Chul, Suh Yong-Sun und Hwang Sok-Yong haben im Rahmen dieses Projektes drei sehr individuelle Lösungen gesucht, die mit ihnen selbst und ihren Biografien, nicht aber unbedingt mit unseren Begriffen von „Mauer“ oder „Wiedervereinigung“ zu tun haben.

Wenn das Goethe-Projekt solche Diskurse um die Leerstelle einer politischen Alternative auslöst, war es in Korea erfolgreich. Wie die Quader am Ende aussehen, ist beinahe Nebensache.

Der Text ist ein Auszug aus der Reportage „Macht mal wieder Mauerschau“ , die in der „Zeit“ (Ausgabe 31/2009) vom 23. Juli 2009 erschien. Den vollständigen Artikel können Sie auf „Zeit Online“ lesen.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten