Südafrika: Ein Orchester für alle
„Wir geben uns gegenseitig Energie“: die jungen Musiker von MIAGI (Foto: Patrick de Mewelec)
12. August 2009
In Südafrika haben längst nicht alle jungen Menschen die gleichen Chancen. Beim MIAGI-Jugendorchester und der MIAGI-Jugend-Big-Band ist das anders: Nachwuchstalente aus allen Teilen des Landes und der Gesellschaft spielen hier zusammen. Vergangene Woche waren die beiden Ensembles zu Gast in Deutschland.
Klassische Musik in Südafrika – Privileg der wohlhabenden weißen Oberschicht? Abel Selaocoe sieht das anders. Der 16-Jährige stammt aus dem Township Sebokeng nahe Johannesburg. Im MIAGI-Jugendorchester spielt er Cello. „Die Leute denken, ich als Schwarzer sollte Kwela-Musik machen oder Hip-Hop. Aber ich weiß, dass ich dazu bestimmt bin, klassische Musik zu machen und professioneller Orchestermusiker zu werden.“ Mit der Musik ist Abel in eine andere Welt eingetaucht. „Die Musik, das Orchester – das vereint uns zu einem Ganzen: Wir geben uns gegenseitig Energie.“
MIAGI-Jugendorchester
Gideon Nxumalo: Jazz Fantasia (MP3, 4:15 Min.)Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen
Die Musik ist ein verbindendes Element. Das ist der Gedanke von Music Is a Great Investment – kurz MIAGI. 1999 hat der südafrikanische Tenor Robert Brooks die Initiative gegründet. Nachdem er 20 Jahre lang in Europa seine eigene Karriere verfolgt hatte, wollte er etwas für den musikalischen Nachwuchs seiner Heimat tun. Er organisierte in Kapstadt MIAGI als internationales Musikfestival, das Klassik, Jazz und südafrikanische Musiktraditionen vereint. Seit 2001 findet jährlich das MIAGI-Festival statt, und jedes Jahr kooperieren musikalische Größen wie Miriam Makeba, Maxim Vengerov oder das English Chamber Orchestra.
Einen Großteil seiner Energie steckt Brooks in die Förderung des musikalischen Nachwuchses: „Musik hat eine unglaubliche Wirkung. Studien zeigen, dass musikalische Bildung, besonders wenn sie in jungen Jahren begonnen wird, die Fähigkeit zum abstrakten Denken enorm verbessert. Auch darüber hinaus wirkt Musik sich positiv auf die Entwicklung der Persönlichkeit und der sozialen Kompetenz aus.“ MIAGI eröffnet jungen Menschen über die Musik Möglichkeiten, ihre Kreativität zu nutzen und so ihre sozialen und beruflichen Chancen zu verbessern. Besonders in sozial benachteiligten Landesteilen finanziert MIAGI Musik-Workshops oder stellt jungen Talenten Instrumente zur Verfügung.
Jedes Jahr lädt MIAGI junge Musiker aus dem ganzen Land zu einem einwöchigen Orchester-Workshop ein, um gemeinsam mit international renommierten Dirigenten ein Konzert einzustudieren. Aus dem gesamten Land kommen sie zusammen und wachsen in dieser kurzen Zeit zu einem organischen Ganzen, zu Orchester und Big Band zusammen. Und sie meistern ein anspruchsvolles Repertoire. Dieses Jahr spielen sie, unter der Leitung des italienischen Dirigenten Marino Formenti, neben Ludwig van Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 und Antonín Dvořáks Symphonie Nr. 9 Aus der Neuen Welt die Jazz Fantasia von Gideon Nxumalo. Der südafrikanische Musiker, Komponist und bildende Künstler ist einer der größten musikalischen Helden des Landes. Doch viele seiner Werke wurden seit seinem frühen Tod 1969 nicht mehr aufgeführt.
Gemeinsam mit dem Goethe-Institut Südafrika hat MIAGI nun ein neues Arrangement seiner bekanntesten Komposition Jazz Fantasia aus dem Jahr 1962 in Auftrag gegeben. Nxumalo kombinierte in seinen Kompositionen unterschiedliche musikalischen Stile: von Klassik über Swing und Big-Band-Elemente bis hin zu afrikanischen Rhythmen. Der südafrikanische Pianist Denzil Weale hat das Stück neu arrangiert. Geschrieben für Sinfonieorchester und Big Band, bringt Jazz Fantasia die geballte Kraft von über 120 Musikern auf die Bühne.
Das MIAGI-Jugenorchester und die MIAGI-Jugend-Big-Band war vergangene Woche zu Gast in Deutschland. Nach einem Konzert im Kongress Palais Stadthalle in Kassel am 12. August 2009 trat das Ensemble am 14. August 2009 beim internationalen Jugendorchesterfestival Young Euro Classics in Berlin auf. Im Gegenzug wird das deutsche Bundesjugendorchester Ende August in Südafrika auf Tournee gehen. Auch sie haben die Jazz Fantasia in ihr Repertoire aufgenommen und führen sie unter anderem in Johannesburg, Port Elizabeth und Kapstadt auf.
Der Austausch und die Zusammenarbeit unter jungen Musikern mit verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen ist die Grundidee von MIAGI. „MIAGI steht für ‚Music is a Great Investment‘, und das ist die Musik wirklich“, sagt Abel Selaocoe. „Ich treffe hier so unterschiedliche Leute und lerne viel von ihnen. Aber wo ich herkomme, das werde ich nie vergessen.“











