Goethe aktuell

Interview zur Goethe-Medaille: „Die Gefahr, die üblichen Verdächtigen zu ehren“

PrivatKlassik Stiftung Weimar
Der Ort des Festakts: Das Residenzschloss in Weimar (Foto: Klassik Stiftung Weimar)

28. August 2009

Ehrentag in Weimar: Drei Männer der Literatur bekommen die Goethe-Medaille verliehen. Doch wie findet man die würdigsten Preisträger? Der Auszeichnung geht ein langer Prozess voraus. Jury-Präsidentin Christina von Braun im Gespräch über Kriterien, Dilemmata und die im Dunkeln.

Am 28. August wird in Weimar die Goethe-Medaille verliehen. Sie haben als Vorsitzende der Auswahlkommission die drei Preisträger mit ausgewählt. War es eine schwere Entscheidung?

Von Braun: Ja, das ist nie leicht. Schließlich bekommen wir aus ganz vielen Ländern Kandidaten und Kandidatinnen vorgeschlagen – völlig unterschiedliche Personen, die man kaum miteinander vergleichen kann. Jemand, der in Südamerika lebt, hat unter Umständen ein ganz anderes Gewicht für den Export der deutschen Sprache als etwa jemand in Rumänien. Und dann steckt die Kommission auch immer in einem Dilemma: Einerseits hätte man ganz gern einen prominenten Namen, einen großen Schriftsteller, andererseits möchte man aber auch die ehren, die im Dunkeln arbeiten. Das trifft etwa für viele Übersetzer zu. Außerdem achten wir in letzter Zeit verstärkt darauf, dass wir nicht immer Kandidaten und Kandidatinnen aus denselben Ländern auszeichnen.

Kommt es vor, dass unter den Vorschlägen auch Kandidaten sind, von denen Sie zum ersten Mal hören?

Ja, sicher. In der Kommission sitzen ja nun wirklich lauter angesehene Wissenschaftler, Literaten, Theaterleute. Aber einige der Namen kannten wir alle nicht. In solchen Fällen muss man sich dann erstmal in die Biografie des Betreffenden einarbeiten. Zum Glück haben wir da durch das Goethe-Institut dieses große Netzwerk von Fachleuten, die die jeweilige Kulturszene vor Ort gut kennen, und auf deren Urteil wir uns auch verlassen können.

Ehrengalerie: Die Preisträger der Goethe-Medaille im Porträt


Über wie viele Vorschläge hatten Sie zu beraten?

Das waren anfangs etwa 30 Namen, die wir dann auf eine Kernauswahl von zwölf reduziert haben.

Wer reicht sie ein?

Die meisten Vorschläge kommen von den Goethe-Instituten in aller Welt. Es können aber auch die Jury-Mitglieder jemanden vorschlagen.

Wie darf man sich so eine Jurysitzung vorstellen? Gibt es Streit?

Die Diskussion ist schon sehr intensiv. Und gegen Ende, wenn dann die Namen gegeneinander stehen, wird es immer intensiver. Man hat dann seine Lieblingskandidaten, und ein anderes Jury-Mitglied hat vielleicht andere Lieblinge; dann muss man immer wieder neue Argumente finden, die für den eigenen Kandidaten sprechen.

Muss zum Schluss einstimmig entschieden werden?

Es wird schon abgestimmt, und letztendlich entscheidet die Mehrheit. Aber davor gibt es eine lange Diskussion. Und es ist erstaunlich, wie oft wir dann doch einen Konsens finden, wie oft sich Jury-Mitglieder von den besseren Argumenten überzeugen lassen.

Die Wahl fiel in diesem Jahr auf Sverre Dahl, Lars Gustafsson und Victor Marian Scoradet. Was gab den Ausschlag?

Gustafsson ist ein berühmter, weltweit bekannter Schriftsteller und gleichzeitig ein Philosoph. Er war selbst oft in Deutschland, pflegt enge Freundschaften mit deutschen Schriftstellern, ist Mitglied der Akademie der Künste. Diese engen Beziehungen tauchen vielleicht nicht unmittelbar in den Romanen auf, aber indirekt hat er durch seinen Einfluss auf das Kulturleben in Schweden sehr viel importiert. Sverre Dahl, da gibt es überhaupt gar keine Diskussion, das ist ein großartiger Übersetzer. Er hat 120 Bücher ins Norwegische übersetzt. Das Spektrum dieser Werke reicht von Goethe und Novalis bis zu ganz moderner Literatur, sei es Thomas Bernhard oder Daniel Kehlmann. Diese Medaille war längst fällig. Und Scoradet hat sehr, sehr viel dafür getan, dass deutsche Theaterstücke in Rumänien aufgeführt werden – mehr als die irgendeines anderen Landes. Er hat auch selbst viele Stücke übersetzt.

Die Preisvergabe scheint dieses Jahr ganz im Zeichen der Literatur zu stehen. Ist das ein Zufall?

Das ist nicht immer so, aber natürlich gehen Deutschland-Exporte hauptsächlich über Literatur. Auch Philosophie und Kunst spielen eine wichtige Rolle, aber am stärksten ist doch das geschriebene Wort. Die Medaille sieht ja auch eindeutig vor, dass der Export deutscher Kultur und deutscher Sprache im Zentrum stehen soll.

Die Anzahl der Preisträger pro Jahr ist in letzter Zeit zurückgegangen. Dennoch macht es immer wieder ein wenig den Eindruck, man könne sich nicht recht entscheiden. Sollte man sich nicht auf einen Preisträger, nämlich den besten, festlegen? Es gibt auch nur einen Literaturnobelpreis.

Copyright: Privat
Jury-Vorsitzende von Braun: „Die besseren Argumente überzeugen“ (Foto: Privat)
Wenn die Anzahl der Preisträger zu hoch ist, wird die Medaille natürlich schon etwas abgewertet. Das ist inflationär. Deshalb haben wir uns ein Limit von drei gesetzt. Es hätte auch eine Person sein können. Das würde ich aber nicht vorschreiben wollen. Wir diskutieren darüber jedes Jahr neu, aber eine ‚Einerliste’ würde dazu führen, dass immer ein Prominenter den Preis bekäme. Gerade die, die geehrt werden sollen, weil sie großartige Arbeit im Hintergrund leisten, die in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen werden, die würden alle unter den Tisch fallen. Scoradet zum Beispiel kennt kaum jemand in Deutschland, aber auf diese Weise wird er bekannt. Vor allem, wenn man unterschiedliche Schwerpunkte legt, ist drei eine gute Zahl.

Warum spielt denn Prominenz eine solche Rolle? Das Goethe-Institut erinnert sich ja sehr gern an berühmte Preisträger aus der Vergangenheit: Billy Wilder, George Tabori, Karl Popper ...

Das ist wirklich ein Problem. Eine Jury versucht sich ja auch selbst Bedeutung zu geben durch die bedeutenden Personen, die sie ehrt. Ein Preis hat besonderes Gewicht, wenn man große Namen mit ihm verbindet. Somit besteht auch die Gefahr, dass eine Auszeichnung die nächste nach sich zieht und immer die üblichen Verdächtigen geehrt werden. Dieser Gefahr kann man mit der Dreiteilung des Preises ausweichen.

Welche Bedeutung hat die Goethe-Medaille in der deutschen Kulturlandschaft – unter all den vielen Auszeichnungen, die es gibt?

Zunächst hat sie fürs Goethe-Institut eine große Bedeutung. Sie ist die einzige Veranstaltung in Deutschland, wo einige unserer Partner im Ausland geehrt werden. Dafür, dass mit dieser Medaille kein einziger Pfennig Geld verbunden ist, ist es doch erstaunlich, dass jeder, der die Medaille bis jetzt zugesprochen bekommen hat, sie auch angenommen hat. Und da waren sehr prominente Namen dabei.

Einer davon war Daniel Barenboim, der die Medaille vor zwei Jahren bekam. Zur Verleihung kam er allerdings nicht. Schmerzt das?

Ja, das hat schon geschmerzt. Wir haben es natürlich eingesehen; Barenboim hat einen Terminplan, der zwei Jahre im Voraus feststeht. Inzwischen achten wir schon auch darauf, dass wir den Preis an Personen vergeben, die dann auch die Zeit haben, nach Weimar zu kommen.

Die Medaille ist nicht dotiert. Ist das nicht ein Manko?

Sicherlich wäre es nett, wenn man die Arbeit der Preisträger noch mit einem Preisgeld unterstützen könnte – vor allem im Fall der oft nicht besonders gut bezahlten Übersetzer. Aber leider hat das Goethe-Institut dafür kein Budget. Das Geld, das man hier ausgeben würde, würde an anderer Stelle für die Arbeit des Goethe-Instituts fehlen. Dennoch ist es ja auch ein Zeichen, dass der Preis auch ohne Geld so stark wahrgenommen wird. Vielleicht würde ein Geldpreis die Ehrung als solches auch etwas herabsetzen.

Dieses Jahr wird die Medaille zum ersten Mal im August verliehen. Warum?

Bisher haben wir die Medaille ja immer an Goethes Todestag im März verliehen, wo Weimar kalt und oft verschneit ist. Jetzt haben wir das auf Goethes Geburtstag Ende August verlegt. Zu der Zeit ist ohnehin wegen des Festivals viel Aufmerksamkeit auf Weimar gerichtet. Dazu kommt: Der Todestag ist ja kein ganz so verlockendes Datum wie der Geburtstag.

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