Goethe aktuell

Goethe-Medaille 2009: „Mehr Leidenschaft für die Sprache“

Maik SchuckCopyright: Maik Schuck
Die Preisträger der Goethe-Medaille 2009 (Foto: Maik Schuck)

31. August 2009

Drei Länder, drei Männer, drei Preise: Die Verleihung der Goethe-Medaille an europäische Sprach- und Kulturvermittler in Weimar wurde zum engagierten Plädoyer für die Pflege der deutschen Sprache – nicht nur im Ausland. Deutsche-Welle-Reporterin Aya Bach war beim Festakt in Weimar dabei.

Der Ort könnte nicht besser gewählt sein: In Weimar war Goethe zu Hause, der das Übersetzen zu den „wichtigsten und würdigsten Geschäften“ zählte. Auch das Datum war so günstig gewählt wie nie: Zum ersten Mal seit der Verleihung der Medaille durch das Goethe-Institut fand die Preisverleihung am Geburtstag des Dichters, dem 28. August, statt – zur Mittagszeit bei strahlendem Sonnenschein, genau wie vor 260 Jahren, als der spätere Dichterfürst das Licht der Welt erblickte. Und so trafen in Weimar gut gelaunte Literaten, Übersetzer, Theatermenschen und Kulturvermittler zusammen und waren sich mit Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, darin einig, dass im Ausland ein gesichertes sprachliches Fundament notwendig ist für alle, die Interesse an Deutschland haben.

Goethe nach Norwegen geschmuggelt

Doch so sonnig wie zu Goethes Zeiten ist der Stand der deutschsprachigen Literatur und Sprache in der Welt heute nicht mehr: Er habe seine Übersetzung von Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ regelrecht in einen großen norwegischen Verlag „eingeschmuggelt“, erzählt der Übersetzer Sverre Dahl: „In dem Verlag gab es englische, französische und amerikanische Klassiker, aber keinen einzigen deutschen Roman. Da habe ich gesagt, das ist total unanständig.“ Der Name Goethe überzeugte schließlich – und als Dahl für seine Übersetzungen den norwegischen Kritikerpreis erhalten hatte, gelang es ihm sogar, „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ nachzuschieben.

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Preisträger Sverre Dahl
in Weimar
Foto: Maik Schuck


In Weimar wurde Sverre Dahl jetzt für sein kaum glaubliches Lebenswerk geehrt: 120 gewichtige deutschsprachige Werke sind in Norwegen allein durch seine Arbeit präsent – von Goethe und Hölderlin über Kafka und Ingeborg Bachmann bis zu Gegenwartsautoren wie Ingo Schulze und Daniel Kehlmann. Besonders, um Klassiker in die Verlage zu bringen, ist immer wieder Überzeugungsarbeit bei den Verlagen nötig, sagt Dahl: „Deutschland erscheint uns als große Herausforderung. Politisch war es immer gefährlich für andere Länder. Die deutsche Kultur ist zwar nicht gefährlich, aber so groß und reich.“ Lange war auch die deutsche Besatzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg ein Hindernis für die Rezeption deutscher Literatur. Dieser Widerstand sei jetzt verschwunden, sagt Dahl, „doch jetzt ist es ein Unverstand“. Denn die deutsche Art, zu schreiben und Themen zu behandeln, sei seinen Landsleuten oft fremd: „Vereinfacht gesagt, haben die Deutschen oft eine sehr philosophische Weise, sich auszudrücken.“

Hegel und der Mauerfall

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Lars Gustafsson
mit Klaus-Dieter Lehmann und
Christina von Braun
Foto: Maik Schuck
Aufs engste vertraut mit diesen Denkmustern ist der Schwede Lars Gustafsson, Philosoph und Poet in Personalunion, exzellenter Deutschland-Kenner und auf dem hiesigen Buchmarkt mit etlichen Romanen und Gedichten vertreten. Er wurde in Weimar für sein literarisches Werk ausgezeichnet, das den Deutschen mehr über Schweden erzählt als die heile Welt von Astrid Lindgrens Bullerbü oder die mörderischen Figuren des Krimi-Autors Henning Mankell. Dabei lässt Gustafsson deutsche Philosophie so virtuos in seine Texte einfließen, dass das Lesen zum intellektuellen und sinnlichen Vergnügen wird. Und wenn Gustafsson in Weimar über Deutschland nachdenkt, dann schlägt er vom Mauerfall 1989, von dem er in Texas per Kurzwellenempfänger durch die Deutsche Welle erfuhr, einen direkten Bogen zu „meinem lieben Kollegen Hegel“, der vielleicht recht hatte damit, „dass es eine in die Ereignisse eingebaute Richtung“ geben könnte. Er jedenfalls sei sehr froh, denn „mein Deutschland, durch das ich hindurch fahren kann, hat sich fast unendlich erweitert“.

Übung in Freiheit


Victor Scoradet
Foto: Maik Schuck
Noch entscheidender war das Jahr 1989 mit all seinen Folgen in Europa für den rumänischen Übersetzer, Theaterkritiker und -macher Victor Marian Scoradet, dem dritten diesjährigen Träger der Goethe-Medaille. Man muss seiner aus Tirol zugewanderten Großmutter wohl dankbar sein, dass sie in ihrer Familie mit zwölf Kindern die deutsche Sprache zum Pflichtprogramm machte: Scoradet jedenfalls wuchs zweisprachig auf und macht sich stark für die Übersetzung und Aufführung deutschsprachiger Dramatiker. So ist es auch ihm zu verdanken, dass aktuelle Stücke aus Deutschland seit dem Ende des Ceaucescu-Regimes in Rumänien auf große Resonanz stoßen: Deutsche Stücke sind die meistgespielten ausländischen Stücke in seinem Land, erzählt Scoradet. Die einheimischen Theater, sagt er, haben es versäumt, ihre eigenen Autoren zu fördern. „Die deutschen Dramatiker dagegen werden gefördert, können sich erlauben, alle Risiken einzugehen, und daher wagen sie auch sehr viel. Dieses Wagnis finde ich vorbildhaft für Autoren aus einem ex-totalitären Land.“ Und sie haben einen großen Vorteil: „Sie haben eine längere Übung in Freiheit.“

Ehrengalerie: Die Preisträger der Goethe-Medaille im Porträt

Sprache als Kulturträger

An Menschen wie Scoradet, Gustafsson und Sverre Dahl liegt es nicht, dass das Deutsche im Ausland eine geringere Rolle spielt als noch zu Goethes Zeiten. Der konnte davon ausgehen, dass man sich mit seiner Sprache auf dem Markt befindet, „wo alle Nationen ihre Waren anbieten“. Heute lohnt ein kritischer Blick aufs eigene Land: „So wie man mit der eigenen Sprache im eigenen Land umgeht, wird man auch im Ausland wahrgenommen“, kommentierte Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann: „Wir müssen mehr Leidenschaft für unsere Sprache entwickeln und sie nicht nur als Werkzeug, sondern als Kulturträger fördern.“

Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle
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