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„Createurope“: Der Code der Avantgarde

Createurope/Nico KnebelCreateurope/Nico Knebel
Rückkehr zum Essentiellen: Beispiele aus den Createurope-Kollektionen (Foto: Createurope/Nico Knebel)

21. Oktober 2009

Blümchenkleider galten in den Sechzigern als Accessoire der revoltierenden Jugend. Wer Jeans trug, war in der DDR schon Staatsfeind. Mode war mehr als nur Fashion, sie spiegelte eine soziale Haltung, und die Suche nach einem Sinn. Und heute, im 21. Jahrhundert? Bei Createurope 2009, dem europäischen Modewettbewerb des Goethe-Instituts für junge internationale Designer, kreuzen sich Mode, Statement und Kunst. Von Maxi Leinkauf

In den „Goldenen Zwanzigern“ schockierte der Bubikopf, die Zigarettenspitze war das Symbol der Femme fatale. Der Schriftsteller F.Scott Fitzgerald inszenierte sich auf Partys des „Jazz Age“ als wahrer Dandy, glamourös skandalös. Sein Werk war, wie sein Auftritt, Bohème. Der fiebrig-exzentrische way of life wurde durch die Mode nach außen getragen.


Am Freitag findet in Berlin die große Abschlussgala von createurope 2009 statt. Auch im Internet können Sie die Gala live verfolgen. Ihr kostenloses Online-Ticket erhalten Sie hier.

Was aber erzählt mein T-Shirt heute, zum Anfang des 21. Jahrhunderts über mich, meine Überzeugungen und meine soziale Lebenswelt? Createurope, der europäische Wettbewerb für Fashion Design, geht diesem Gedanken nach. Er wurde vergangenes Jahr vom Goethe-Institut ins Leben gerufen.

Modestudenten und junge Designer aus Europa, Afrika und dem Nahen Osten dürfen ihre Kreationen vorführen, in diesem Jahr wird neben Europäern auch ein Marokkaner und ein Israeli an createurope teilnehmen. „Die Mode wird leider häufig nur auf Kleidung reduziert“, sagt Michael Jeismann, Leiter des Hauptstadtbüros des Goethe-Instituts. „Dabei spiegelt sie die Gesellschaft und strahlt gleichzeitig in sie hinein.“ Jeismann schwebt eine neue Form der Modenschau vor, „eine, auf der sich Fashion, soziale Haltung und Kunst kreuzen“.

Eine Hose als ideologisches Schlachtfeld

Im Rückblick erscheint die Zeit der 68er so, als sei Mode damals auf ihre politische – und sexuelle – Symbolik reduziert worden. Wer Blümchenkleider trug, suchte seinen Sinn in der Gesellschaft. Für den Philosophen Adorno war Mode ein entscheidendes Element der Kunst, ein Ausdruck individueller Regungen gegenüber einer schmerzhaft fremden gesellschaftlichen Objektivität. Wer Blümchenkleider trug, suchte seinen Sinn in der Gesellschaft. In der DDR der Fünfziger- und Sechzigerjahre genügte es, Jeans zu tragen, um zu provozieren. Die Hose war das lässige Symbol des amerikanischen Klassenfeindes. Noch Anfang der Siebzigerjahre wurden Schüler, die mit Jeans zum Unterricht erschienen, nach Hause geschickt. Die Levi's wurde das ideologische Schlachtfeld.

Der neue Trend heißt: Alles miteinander vermengen.

Ulrik Martin Larsen, der Kopenhagener, der bei createurope 2008 dabei war, vermischt einzelne Stile und Stoffe aus verschiedenen Jugendkulturen. Bricolage heißt seine zusammengestückelte Kollektion, in der sackartige Hamsterhosen, fließende Hemden und effektvolle Bob-Marley-Frisuren plötzlich zusammengehörten.

Sein Stil kam an, in Berlin und bei den Kick-offs in Casablanca. Larsen schwärmt noch immer von den drei Tagen Marokko, „der Energie, dem guten Essen und jungen, inspirierenden Designerkollegen”. Sie waren reich an Tradition und gleichzeitig kreativ, sie nutzten den Laufsteg als Kunstszene.

Ballett auf Waschpulver

So wie Cem Cako. Der Designer hat im vergangenen Jahr seine Kollektion als Performance präsentiert. „Waschmaschine“ nannte er das Spektakel, bei dem er eine französische Ballett-Tänzerin auf weißem Waschpulveruntergrund tanzen ließ.

Wer aus kultureller Perspektive auf die Mode der Achtzigerjahre schaut, streift durch eine seltsam hedonistische, utopienarme Zeit. Eine Ist-mir-doch-egal-Stimmung statt kollektiven Protests, doch sogar die wird mittels Mode nach außen getragen. Postpunk oder Netzstrümpfe, Popper oder Grufti, alles war möglich. Wenig erregte Anstoß. Jean Paul Gaultier mischte Genres und Geschlechter, er brachte Schottenrock und Dreikleider auf den Laufsteg, getragen von Männern und Mädchen.


createurope: The Fashion Design Award 2009

Madonna, seine Muse, avancierte zu der Frau, die wie ein Raubtier agiert, tabulos auslebt, was sie begehrt. Ruhm, Reichtum und Konsum. Sie brach Regeln, aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Lust. Der bloße Akt war ihr Statement. Sie wurde millionenfach kopiert.

„Heute ist es schwieriger geworden, zu bestimmen, was gerade in ist”, sagt Michael Sontag, einer der createurope-Finalisten des vergangenen Jahres. Der 29-Jährige hat an der Kunsthochschule Weißensee studiert und sieht sich als Kreativer. Er wollte erst freier Künstler werden, schließlich hat ihn Mode gereizt. „Ich suchte das Spiel mit Formen, mit dem eigenen Typ und dem Körper. Das war ideal bei Twiggy in den Sechzigern, als Minirock, Schlaghosen und Plateauschuhe aufkamen.” Damals gab es noch etwas Neues.

Gekaufte street credibility

Michael Sontag, der ein Jahr als Erasmus-Student in Paris gelebt hat und sein Praktikum bei Givenchy absolvierte, stellte dort fest, „dass die Großen auch nicht viel anders arbeiten als wir Nachwuchsdesigner”. Stil sei alles und nichts, aber vor allem sei er kein Dogma mehr. Dadurch werde die Mode einerseits uniformer, andererseits würden bestimmte Codes aufweichen.

Gruppen, die sich untereinander identifizieren oder ihre Haltung in Form einer Mode nach außen darstellen, scheinen zu schrumpfen. Wer Heavy Metal liebt, kann Anzug und Krawatte tragen, Techno-Hörer sitzen in Vorstandsetagen, die Linie von einer bestimmten Musikszene oder Mode zu einer gesellschaftlichen Subkultur verläuft nicht mehr gerade. Untergrund wird irgendwann Mainstream. Je konformer allerdings die Produkte, desto größer wird der Wunsch nach Selektion. So entstehen neben globalen Unikaten auch maßangefertigte Turnschuhe, die dann wieder jeder trägt.

Dass die Modeindustrie jeden Trend sofort vereinnahmt, sieht man an der Kleidung der Hip-Hop- und Rap-Szene. Während die Daunenjacken in XXL-Größe ursprünglich zur Abschreckung möglicher Gegner auf der Straße dienen, sind sie für große Unternehmen mittlerweile ein Attribut der Coolness. Jeder kann es sich kaufen. Adidas eröffnete in großen Metropolen sogenannte „Guerilla-Stores“. Wer die Marke trägt, so die Botschaft, besitzt „street credibility”. Die Eigenschaft der mittellosen Ghetto-Kids am Rand der amerikanischen Metropolen, die durch den täglich Überlebenskampf auf der Straße rau geworden sind, ist nun ein Pop-Artikel.

Kann Mode subversiv sein?

Dass die kulturellen Unterschiede, jedenfalls äußerlich, immer mehr verschwinden, liegt auch am Internet, glaubt Ulrik Martin Larsen. „So wird es schwieriger für uns junge Designer, uns abzusondern.” Sie versuchen es trotzdem, auch mithilfe von Wettbewerben wie createurope. Kunst machen und davon leben können ist das Ziel. So einzigartig ihre Modelle, so sehr kämpfen sie alle mit ähnlichen Unsicherheiten im Job. Manche kehren zum Essentiellen zurück. Tarané Hoock, die ebenfalls bei Createurope debütierte, präsentiert mittlerweile in ganz Europa ihre „Öko-Mode”. Die liegt im Trend und hat ihren Preis, so wie Biofleisch.

Michael Sontag möchte keine politischen Botschaften vermitteln. Er hat eigene Werte definiert, nach denen er lebt. Es ist ihm wichtig, wo er produziert, mit welchen Materialien und unter welchen Bedingungen. Die Art, wie er seine Mode mache, sei auch schon eine Haltung. In Zeiten metrosexueller, geschlechterübergreifender, kommerzialisierter Mode: Kann Fashion noch subervsiv sein?

Createurope geht dieser Frage nach, spiegelt die verschiedenen Facetten, den künstlerischen Anspruch und die soziale Realität der jungen Designer. Sie selber spiegeln durch das Unbestimmte ihrer Mode ihre Zeit.
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