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„Humboldt“: Von Fischen, Gurken, Kriegen – und Freundschaften

Renata BeltrãoRenata Beltrão
Fische unter sich: Tierische Freundschaft? (Foto: Renata Beltrão)

3. September 2009

Guillermos bester Freund heißt Arnoldo. Oder hieß. Denn gesehen hat Guillermo ihn schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Geschichte der beiden findet sich in der Jubiläumsausgabe des Humboldt-Magazins – die sich ganz und gar um ein Thema dreht.

Humboldt wird 50. In ihrer Jubiläumsausgabe widmet sich die Zeitschrift, die sich dem Kulturdialog zwischen Deutschland, der iberischen Halbinsel und Lateinamerika verschrieben hat, einem besonders passenden Thema: Freundschaft.

Nichts leichter als das, dachten sich die Humbodt-Macherinnen Ulrike Prinz und Isabel Rith-Magni. „Doch dann mussten wir verwundert feststellen“, so die beiden, „dass wir es gleichsam mit einem zwar allseits bekannten, aber nicht entschlüsselten chemischen Element zu tun hatten.“ Aber wann stimmt die Chemie wirklich? Zahlreiche Artikel und Essays gehen der Frage nach. „Eine Formel für Freundschaft existiert nicht“, resümieren Prinz und Rith-Magni schließlich. „Aber eines macht dieses Heft deutlich: Sie zu pflegen lohnt immer.“

Besonders schöne Beispiele für wunderbare Freundschaften illustrieren auch die Texte und Bilder, die für den Jubiläumswettbewerb eingereicht wurden. In der Kategorie Fotografie räumte Renata Beltrão mit ihren eingetüteten Goldfischen den ersten Preis ab. Zum besten Text wurde eine kurze Kolumne des 1931 geborenen argentinischen Fernsehjournalisten Guillermo Rodríguez über seinen besten Freund gewählt. Lesen Sie selbst:

Von Gurken und Kriegen

Von Guillermo Rodríguez

Mein bis heute bester Freund heißt – oder hieß – Arnoldo Waitman. Wir waren zwölf Jahre alt und besuchten die letzte Stufe der Primarschule in einem Dorf der Pampa Gringa, als es einem mittelmäßigen argentinischen Schriftsteller, der es unter der Militärregierung von 1943 sogar zum Bildungsminister gebracht hatte, in den Sinn kam, an den Schulen katholischen Religionsunterricht einzuführen.

Arnoldo war Jude. Die Waitmans waren die einzigen Juden in unserem Ort, und weil die männlichen Familienmitglieder „beschnitten“ waren, wurden sie zum Gespött des ganzen Dorfes.

Der Spanische Bürgerkrieg war ein paar Jahre zuvor zu Ende gegangen. Meine Eltern und Großeltern – soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, waren alle meine Vorfahren Spanier – hatten Weizen gesammelt und den hungernden republikanischen Soldaten geschickt, die Franco von der Einnahme Madrids abzuhalten suchten. 1939 wurden meine Eltern und Großeltern in der Ferne zu Verlierern.

1943 trugen sie immer noch die Trikolore (der Republik) in ihrem Innersten und hegten einen unversöhnlichen Groll gegen die Feinde: Franco und seine verfluchten Generäle und Obersten und die Priester, jene verfluchten Priester, die geholfen hatten, das eigene Volk zu unterdrücken. Das waren mächtige Gründe dafür, dass ich einen besten Freund bekommen sollte.

Da mein Vater es durchsetzen konnte, dass ich vom Religionsunterricht freigestellt wurde – denn Religion sei Opium des Volks und der Priester seiner Gemeinde in Zamora hatte den Dorfschullehrer hinrichten lassen –, und da Arnoldo Jude war, waren Arnoldo und ich dienstags und donnerstags von zehn bis elf Uhr morgens, während alle unsere Schulkameraden im Religionsunterricht saßen, waren Arnoldo und ich also im Schulhof, ohne recht zu wissen, was wir tun sollten, allein, anders als die anderen, abgeschieden, verspottet, in unserer Ehre gekränkt und, von diesem Zeitpunkt an, Freunde.

Freunde nicht zuletzt auch, weil meine und Arnoldos Mutter sich darauf verständigten, uns an diesen unheilvollen Dienstagen und Donnerstagen Riesensandwichs vorbeizubringen und durch den löchrigen Zaun zu reichen: die von Arnoldos Mutter mit Gurke und Mayonnaise, die von meiner Mutter mit Käse und Hackbraten (aus Dosen, die sich mit einer Art Schlüssel fast magisch öffneten).


Humboldt-Magazin: Zur aktuellen Ausgabe

Später kam das Schach hinzu. Arnoldo brachte mir das Spiel bei, und gegen Ende des Jahres gelang es mir schon, das eine oder andere Mal gegen ihn zu gewinnen. Ich hatte auf Schäfermatt gespielt, weil Arnoldo dies wollte.

Es ist müßig zu erzählen, dass wir das Hauptgesprächsthema des Dorfes waren. Man fühlte sich vor den Kopf gestoßen: Wie konnten die Waitmans und die Rodríguez’ es wagen, Gott so gering zu schätzen und die Kirche zu beleidigen! Wie war es möglich, dass wir vesperten, während die anderen beteten? Und das Schach? Warum spielten wir Schach?

Arnoldo und ich gehörten bald – und wir waren uns dessen durchaus bewusst – zusammen mit den zwei Homosexuellen und drei Prostituierten des Dorfes zur Gruppe der Ausgegrenzten, die sich bestens eigneten für allerlei Häme und Angriffe. Und so kam unsere Freundschaft schließlich zu ihrem Höhepunkt: Irgendein Naseweis erzählte mir, Juden hätten einen anderen Pimmel, sie ließen sich ihn beschneiden. Sag’s ihm, er soll ihn dir zeigen, sag’s ihm, dann wirst du’s schon sehen!

Und ich bat Arnoldo tatsächlich, mir seinen Pimmel zu zeigen, und Arnoldo zog seine Hose herunter – und in diesem Moment sah ich in seinen Augen den Schmerz und die Angst von fünftausend Jahren Verfolgung aufblitzen und spürte, dass er mein Freund war und es immer bleiben würde und dass es mir rein gar nichts ausmachte, dass seine Eichel nicht bedeckt war. „Der ist ja genauso”, stellte ich fest, „wie alle anderen.” Der Schmerz und die Angst von fünftausend Jahren, da war ich mir ganz sicher, waren auf einmal nur noch halb so groß.

Ein Jahr später zogen die Waitmans weg. Ich verließ das Dorf nach meinem 20. Geburtstag schließlich auch. Internet oder Mobiltelefone gab es damals noch nicht, und Arnoldo und ich verloren bald den Kontakt zueinander.

Im Jahr 1957 fuhr ich zu den Vulkanen in Guatemala und traf die Anhänger des gestürzten Präsidenten Arbenz, die in den Bergen Widerstand leisteten. 1976 las ich, dass in Buenos Aires bei einem „Zusammenstoß” mit den militärischen Streitkräften drei Guerilleros ums Leben gekommen waren. Einer davon hieß Arnoldo Waitman, aber ich nehme an, dass es sich nicht um „meinen” Arnoldo Waitman gehandelt hatte, denn er wäre 1976 bereits 45 Jahre alt gewesen – kein Alter für Guerilleros.

Schach spiele ich immer noch. Und streiche Mayonnaise aufs Brot und lege Gurkenscheiben darauf. Oder ich streiche Hackbraten aufs Brot und lege Käsescheiben darauf. „Was für ein merkwürdiger Geschmack”, sagt mein Sohn. Die Leute heute haben keine Ahnung von echten Ritualen oder Religionen. Manchmal lasse ich ihn sogar mit einem Schäfermatt gewinnen. „Hey, spiel richtig!”, sagt er dann, „du bist gar nicht bei der Sache.” „Ich spiel doch richtig”, antworte ich dann. Und kippe meinen König um, mit hoffentlich der gleichen eleganten Anmut, mit der es Arnoldo immer getan hat.

Humboldt ist eine vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Lateinamerika sowie Spanien und Portugal fördert und mitgestaltet. Autoren aus dem iberischen und deutschen Sprachraum kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Humboldt greift aktuelle Diskussionen zu Themen des geistigen und kulturellen Lebens dies- und jenseits des Atlantiks auf. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich in zwei Sprachfassungen: Spanisch und brasilianisches Portugiesisch.
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