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Barrierefreies Lernen: Mit Handicap zum Deutschtest

Screenshot: www.goethe.deCopyright: Goethe-Institut
Gebärdensprach-Dolmetscherin von Pappenheim: „Möglichkeiten der Weiterbildung begrenzt“ (Screenshot: Goethe-Institut)

18. September 2009

Ob blind, gehörlos oder motorisch eingeschränkt – auch behinderte Menschen wollen am öffentlichen Leben teilhaben, und zwar möglichst selbstbestimmt und selbständig. Das gilt auch für das Internet. Das Goethe-Institut bietet nun für seine Deutschprüfungen eine Online-Vorbereitung an – und nimmt damit weltweit eine Vorreiterrolle ein. Von Barbara Galaktionow

Abgesenkte Bordsteine für Rollstuhlfahrer, geriffelte Bahnsteigkanten für Blinde, geräumige Aufzüge in öffentlichen Gebäuden – eine Vielzahl kleinerer und größerer Maßnahmen sorgt in Deutschland zunehmend dafür, dass behinderte Menschen möglichst ungehindert am öffentlichen Leben teilnehmen können. Doch in einem zentralen Bereich des modernen Lebens hapert es oft noch beträchtlich: dem Zugang zum Internet.

Zwar sollten nach Vorgaben des Gesetzgebers seit 2005 wenigstens die Webseiten von öffentlichen Einrichtungen für Behinderte problemlos zugänglich sein – doch die wenigsten sind es, zumindest in vollem Umfang.

Mit einem barrierefreien Online-Training für Deutschtests leistet nun das Goethe-Institut Pionierarbeit. Auf seiner Homepage bietet es seit neuestem eine Musterprüfung auf der Niveaustufe C1 nach dem Europäischen Referenzrahmen (Fortgeschrittene), die auch von Sehbehinderten, Gehörlosen oder motorisch eingeschränkten Menschen durchlaufen werden kann – und das ganz ohne fremde Hilfe. „Das ist meines Wissens ein weltweit einmaliges Angebot“, sagt Evelyn Frey, Referentin für „Sprachkurse und Prüfungen“.

Denn die Internet-Prüfungsvorbereitung ist so programmiert, dass Menschen mit unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen ihre Sprachkenntnisse in dem Test üben und überprüfen können und – dies ist oft entscheidend für das erfolgreiche Bestehen – das Testformat ausgiebig kennenlernen. Blinde oder Sehbehinderte etwa können sich die Seite mithilfe der speziellen Software JAWS von ihrem Screenreader in gesprochene Sprache umwandeln lassen.

Navigation per Sprachausgabe

Das Sprachausgabegerät und eine Braillezeile gehören zur Grundausstattung sehbehinderter PC-Nutzer, erläutert Martina Haidl vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund. Die unter der Tastatur liegende Braillezeile gibt die Bildschirminformationen in Blindenschrift wieder. Das Sprachausgabegerät beschreibt Blinden den Aufbau von Internetseiten mündlich und liest deren Inhalte vor. Geübte Nutzer stellen den Screenreader auf eine Geschwindigkeit ein, bei der Nichtsehbehinderte „nur noch Frequenzen hören, aber keine Lautfolgen mehr identifizieren können“, sagt Frey (vergleiche Audio-Beispiel).

Ebenfalls wichtig für sehbehinderte, aber auch für motorisch eingeschränkte Menschen ist die Seitennavigation per Tastatur anstelle einer Maus – auch das wurde im Online-Sprachtraining des Goethe-Instituts konsequent umgesetzt. Weniger stark Sehbehinderte profitieren davon, dass sie die Schriftgröße des Programms beliebig verändern können und die visuelle Gestaltung dabei im Wesentlichen erhalten bleibt.

Leseverstehen zum Hören

Blinde lesen häufig mit den Ohren. Mithilfe einer speziellen Software können sie sich etwa bei der Vorbereitung zur Deutschprüfung die Texte vorlesen lassen. Bei der automatisierten Audio-Ausgabe können sie nicht nur verschiedene Stimmen beiderlei Geschlechts auswählen, sondern auch die Geschwindigkeit. Oft wählen sie eine, die für Sehende kaum oder nicht mehr zu verstehen ist.
Hier ein Beispiel aus der Sektion „Leseverstehen“ des Übungssatzes 01 für das Fortgeschrittenen-Zertifikat C1. Hören Sie sich zunächst die schnelle Version an!

Schnell:
Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören
Normal:
Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören
Interessanter Effekt: Wenn Sie sich nun in Kenntnis des Textes erneut die schnelle Variante anhören, werden Sie feststellen, wie aus einer scheinbar wirren Folge von Lauten ein verständlicher Text werden kann.


Der Prüfungsabschnitt „Hörverstehen“ wurde dagegen mit Videos in deutscher Gebärdensprache ausgestattet – ein wichtiges Werkzeug für Menschen, die hörbehindert beziehungsweise gehörlos sind. „Die Gebärdensprache ist die Basissprache der Gehörlosen“, sagt Cornelia von Pappenheim, die unter anderem beim Gehörlosenverband München und Umland tätig ist und die Übersetzungen vorgenommen hat. In einigen Videos ist sie auch selbst zu sehen. Jede gesprochene Sprache und ihre Verschriftlichung seien für Gehörlose zunächst nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben, da sie diese ja nicht hören könnten. Die deutsche Laut- und Schriftsprache werde daher von nicht-deutschsprachigen Gehörlosen sehr viel mehr als Fremdsprache empfunden als die deutsche Gebärdensprache.

Neben Sprachumsetzung, sauberer und möglichst international gültiger Tastaturbelegung sowie den Videos für Gehörlose weist die Online-Prüfungsvorbereitung des Goethe-Instituts noch weitere spezielle Programmierungen auf. „Ein zentraler Punkt ist die Stringenz, in der programmiert werden muss“, sagt Felix Brandl. Der Grafikdesigner hat das Projekt in Zusammenarbeit mit Klaus Lofing, einem speziell geschulten Programmierer, für das Goethe-Institut umgesetzt. So ist der Prüfungsvorbereitungssatz streng linear aufgebaut – denn mit Unterpunkten wäre der Seitenbaufbau für Blinde nur schwer zu erfassen.

Aus dem gleichen Grund wird auch jede Seite auf dem Bildschirm in ihrer vollen Breite abgebildet, horizontales Scrollen ist nicht nötig. Zudem ist bei Bildern eine Bildbeschreibung hinterlegt worden. Ein netter Nebeneffekt für Nichtbehinderte: Aufgrund der barrierefreien Programmierung kann die komplette Musterprüfung auf jedes internetfähige Mobiltelefon heruntergeladen und interaktiv bearbeitet werden.

„Die Nachfrage folgt dem Angebot“

Die Vielzahl der Punkte zeigt: Um ein wirklich barrierefreies Internet-Angebot zu schaffen, eines, das zu mehr als 95 Prozent zugänglich für Menschen mit unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen ist, muss ein erheblicher Aufwand betrieben werden.

Der Bedarf freilich scheint auf den ersten Blick relativ gering. Die herkömmlichen, in gedruckter Form vorliegenden Angebote des Goethe-Instituts für Behinderte verzeichneten in den vergangenen Jahren eine kontinuierliche, aber – im Vergleich zu den Prüfungen für Nichtbehinderte – nicht besonders große Nachfrage: „30 bis 40 Blinde haben sich bislang pro Jahr mit den vorhandenen Blindenschriftsätzen des Goethe-Instituts auf ihre Deutschprüfung vorbereitet und diese erfolgreich mit den entsprechenden Prüfungssätzen abgelegt“, erzählt Frey. In einem Pilotprojekt in Schwäbisch-Hall absolvierten zehn Gehörlose mithilfe eines Gebärdensprachendolmetschers ihre Sprachprüfung auf Anfängerniveau.

Behindertenverbände schätzen jedoch die besonderen Anstrengungen des Goethe-Instituts. Schon heute ist das Goethe-Institut der einzige Anbieter, der seine Prüfungen für Blinde in Brailleschrift und für Sehbehinderte in Großschrift anbietet. Hinzu kommt das Angebot der Gebärdensprachvideos, das es in Kürze auch Gehörlosen erlaubt, jede Prüfung des Goethe-Instituts abzulegen.

Blinden- und Sehbehindertenvertreterin Haidl spricht bei der neuen Online-Prüfungsvorbereitung von einem „Super-Angebot“. Gehörlosenvertreterin von Pappenheim weist darauf hin, dass es zwar vordergründig bislang keine große Nachfrage gibt, das aber sicher auch am Angebot liege, das für Gehörlose bislang miserabel sei – vor allem außerhalb des Goethe-Instituts: „Es gibt kaum Deutschkurse. Die Möglichkeiten für eine Weiterbildung sind für gehörlose Erwachsene sehr begrenzt.“

Frey ist daher optimistisch: „Die Nachfrage folgt dem Angebot.“ Darüber hinaus stünden bei einem solchen Projekt nicht die ökonomischen Gesichtspunkte für das Goethe-Institut im Vordergrund als vielmehr dessen öffentlicher Wert. Die barrierefreie Umsetzung der Online-Prüfung auf C1-Niveau ist deshalb nur der Anfang. Nach und nach sollen auch die Vorbereitungstests der anderen Sprachstufen in dieser Weise aufbereitet werden. Und wer weiß – eines Tages können vielleicht sogar die richtigen Prüfungen barrierefrei im Internet abgelegt werden.
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