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Heiratskurse: „Ich fühle mich, als hätte ich einen Harvard-Abschluss“

Hanife HaziriHanife Haziri
Erst die Hochzeit, dann Deutschland: „Die Menschen sind nicht so warm“ (Foto: Hanife Haziri)

10. September 2009

Ipek Emrah hat sein Zeugnis in der Hand. „Ausreichend“ ist es – ausreichend für ein neues Leben. Ein Leben, das der türkische Friseur wie viele seiner Landsleute in Deutschland führen wird. Eine Reportage über Heiratszertifikate der besonderen Art. Von Arnfrid Schenk

An einem Tischchen in der Cafeteria des Goethe-Instituts in Istanbul sitzen drei glückliche Männer und eine unglückliche Frau. Es ist ein Junimorgen, die Hitze hat ihre lähmende Kraft noch nicht entfaltet. Durch die geöffneten Fenster hört man, wie die Tische der unzähligen Straßencafés und Restaurants des Viertels Beyoglu gedeckt werden. Die drei Männer halten andächtig braune DIN-A4-Kuverts in den Händen, die Frau hat die Arme verschränkt. Ipek Emrah, 22 Jahre alt, gelernter Friseur, öffnet seinen Umschlag und holt stolz ein weiß-rosa Blatt hervor. Darauf ist eine kleine Tabelle zu lesen: Hören 16 Punkte, Lesen 14, Schreiben 15, Sprechen 21. Gesamtpunktzahl 66 von 100. Das ergibt ein „ausreichend”. Er hat die „Start Deutsch 1 Prüfung” bestanden.

Es ist sein Ticket für ein neues Leben in Deutschland, das Land, von dem er so wenig weiß, dass er sich kein Bild davon machen kann. Aber es ist auch das Land, in dem seine Großeltern leben, in Dortmund, und bei ihnen seine Frau. Kennen gelernt und geheiratet hat er sie in der Türkei, jetzt möchte der Ehemann zu seiner Ehefrau. Dafür hat er seit Februar Deutsch gepaukt, morgens die Kurse am Goethe-Institut von 9.30 bis 12.30 Uhr besucht, danach in der Lerngruppe Vokabeln wiederholt. Um 600 deutsche Wörter verstehen und 300 anwenden zu können. Er soll in der Lage sein, sich vorzustellen, einfache Fragen zu stellen und zu beantworten, Formulare auszufüllen – kurz: er soll einfache Deutschkenntnisse besitzen.

So wollen es die im Sommer 2007 geänderten Regeln des Zuwanderungsrechts. Ohne Sprachtest kein Visum. Ehepartner müssen außerdem mindestens 18 Jahre alt sein. Es solle die Integration in Deutschland erleichtern, argumentierte die Bundesregierung, Frauen ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen und Zwangsehen erschweren. Das neue Zuwanderungsgesetz zum sogenannten Ehegattennachzug stellte die Goethe-Institute vor eine große Aufgabe: Die Nachfrage nach Kursen und Prüfungen explodierte. Rund 62.000 „nachziehende Ehegatten” haben im Jahr 2008 weltweit den obligatorischen Sprachtest abgelegt, die meisten davon aus der Türkei, im laufenden Jahr sind es bereits 5.307 allein am Goethe-Institut in Istanbul. Viele davon sind Männer.

„Ich geh nicht nach Deutschland wegen des Landes”

In den ersten Wochen standen die Kandidaten bis runter auf die Straße, erinnert sich Erika Broschek, Leiterin der Spracharbeit in Istanbul. In der Zwischenzeit gibt es eine Art Callcenter für die Vergabe der Prüfungstermine. Die sechs Klassenzimmer des Hauptgebäudes reichen nicht mehr aus. Es mussten drei Etagen in einem Haus nahe der Istiklal-Straße angemietet werden. Zufälligerweise das Haus, in dem einmal der Texter der türkischen Nationalhymne wohnte.

Copyright: Gülseren Güleryüz
Deutschkurs in Istanbul: Blumen für die Lehrerin (Foto: Gülseren Güleryüz)
Dort sitzt Güngör Acar, auch er hat die Prüfung bestanden. Wie die anderen Kandidaten empfand er das Hören und Briefeschreiben als den schwierigsten Part. Er ist seit zwei Jahren verheiratet, seine Frau wohnt in Neu-Ulm, er in Istanbul. Der LKW-Fahrer hat sie während der Zeit sieben Mal gesehen. Jetzt wirft er seinen Umschlag in die Luft als wäre es ein Doktorhut und sagt lachend, „ich fühle mich, als hätte ich einen Harvard-Abschluss”. In Deutschland will er das machen, was er am besten kann, Lastwagen fahren. Dann geht er los, um seiner Lehrerin Blumen zu kaufen.

„Ich geh nicht nach Deutschland wegen des Landes”, sagt sein Nebensitzer, „ich gehe nach Deutschland, weil dort meine Frau ist.” Es ist viel von Liebe die Rede an diesem Morgen. Die Frau, die nicht bestanden hat, versucht tapfer in die Runde zu schauen und sagt, bei der nächsten Prüfung schaffe sie es. Ihre Chancen sind eigentlich gut. Laut Statistik bestehen in der Türkei gut 90 Prozent der internen Kursteilnehmer den Sprachtest. Bei den sogenannten Externen, denjenigen, die nur den Test bei Goethe absolvieren, aber selbst oder in anderen Sprachschulen lernen, ist die Durchfallquote deutlich höher.

Viele kennen die Städte nicht, in denen sie bald leben

In Raum 202 sind sie noch fast elf Wochen von der Prüfung entfernt. Es ist der zweite Unterrichtstag. Zwölf Kursteilnehmer sitzen an zu einem Rechteck zusammengestellten Tischen, die Mehrheit von ihnen ist zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt, darunter sechs Frauen, eine trägt Kopftuch. An der Tafel steht „Wie geht es Ihnen?”, „Danke gut, und Ihnen?”. Die Lehrerin spricht Deutsch mit ihren Schülern, auch wenn sie nicht alles verstehen. „Wie ist Ihre Telefonnummer?” – „0532...”, beginnt eine Schülerin.

An der Wand hängt eine Deutschlandkarte, darauf sind einige Städte mit bunten Klebepunkten markiert. „Wir machen das so, weil viele nicht wissen, wo die Städte liegen, in denen sie bald leben werden”, erzählt Gülseren Güleryüz, die hier seit zwei Jahren unterrichtet. Sie kommt aus Essen. Weil ihr Mann lieber in der Türkei lebt und arbeitet, ist sie nach Istanbul gegangen. „Ich bin auch eine Importbraut”, sagt sie und lacht. Fast alle der rund 20 Lehrer, die die Start-Kurse unterrichten, haben einen deutsch-türkischen Hintergrund. Gülseren hat in Deutschland Türkisch und Deutsch für das Lehramt studiert, eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin absolviert und sich in der Integrationsarbeit umgetan.


Fragen und Antworten zum Ehegattennachzug auf www.goethe.de

Die Prüfung gab es schon vor dem Gesetz, die Klientel hat allerdings gewechselt. Waren es früher in der Regel Studenten, die die Anfängerkurse besuchten, sind es heute häufig Menschen mit einem geringen Bildungshintergrund. „Die Lehrer mussten sich rasch umstellen”, erzählt Erika Broschek, die Aufmerksamkeitsspanne der Lerner sei nicht so groß. „Vieles wird haptisch gemacht, es wird auch viel gesungen.”

Vielen Schülern ist das Lernen fremd, sie müssen es erst lernen. Oft haben sie nur die Grundschule besucht, manche nicht alle Klassen, häufig Frauen aus ländlichen Regionen.

Der geringe Bildungshintergrund macht den Spracherwerb schwer genug. Dazu kommen die schwierigen Lernbedingungen für diejenigen, die abseits der Zentren wohnen, für die Kursdauer aus der Provinz anreisen und bei Verwandten unterkommen müssen.

Eigentlich könnte man sich wohlfühlen in Deutschland

Aber es wäre falsch zu sagen, dass nur die „Ungebildeten” in den Ehegattenkursen sitzen. Da ist zum Beispiel Feray Aktag. Sie ist 25 Jahre alt, hat Abitur und arbeitet als Zahnarzthelferin. Sie hat lange schwarze Haare, trägt eine weiße Hose und ein pinkfarbenes T-Shirt. Sie erzählt ihre Geschichte in Unterrichtsraum 303 während der Pause. Am Tag zuvor hat sie in Istanbul standesamtlich geheiratet, danach in einem Restaurant im engen Familienkreis gefeiert. Gleich nach der Prüfung, in zwei Monaten, will sie zu ihrem Mann nach Deutschland, nach Hannover. Kennen gelernt hat sie ihn im Zahnarztstuhl. Er war für die Behandlung nach Istanbul gekommen, in Deutschland wäre sie zu teuer gewesen.

„Wie ist Deutschland, Feray?” „Es ist sauber und ordentlich in Deutschland, nicht so voll wie in Istanbul”, sagt sie. „Aber die Menschen sind nicht so warm, nicht so herzlich. Und die Deutschen mögen die Türken nicht, sie sind nicht so akzeptiert wie andere Ausländer.” Das höre man so, sagt sie. Um selbstbewusst nachzuschieben, dass sie sich schnell einleben, Teil der Gesellschaft werden will und wieder als Zahnarzthelferin arbeiten. Aber sie hat Angst, dass ihre Ausbildung und ihr Abitur nicht anerkannt werden.

Als das Gesetz in Deutschland publik wurde, liefen die türkischen Verbände Sturm. Von mehreren Seiten kritisiert wird, dass das Grundrecht zum Schutz von Ehe und Familie verletzt werde, ebenso der Gleichbehandlungsgrundsatz, weil es Ausnahmen gibt, etwa für die USA oder Japan. Die Zahl der nachziehenden Ehepartner ist bereits seit 2002 rückläufig; in den Jahren von 2005 bis 2008 ist sie um ein Viertel zurückgegangen. In der Türkei hat sich die Zahl der nachreisenden Partner in diesem Zeitraum fast halbiert, ergab eine parlamentarische Anfrage im Bundestag in diesem Frühjahr. Allmählich steigen die Zahlen wieder.

„Ein erstes kleines Netzwerk“

Claudia Hahn-Raabe, Leiterin des Goethe-Instituts in Istanbul, war bei der Einführung des neuen Zuwanderungsrechts auch skeptisch. Zum einen, weil es von gestern auf heute umgesetzt werden sollte, zum anderen dachte sie, dass es doch eigentlich besser wäre, Sprachkurse für diese Klientel erst in Deutschland anzubieten. Diese Skepsis ist in der Zwischenzeit gewichen. „Die Menschen profitieren von diesen Kursen hier”, sagt sie, „vor allem die Frauen.” Genauso wichtig wie das Sprachenlernen sei das Schließen von Bekanntschaften.

Die Frauen haben Telefonnummern ausgetauscht, sie kennen ihre Geschichten. „So haben sie in Deutschland Vertraute, ein erstes kleines Netzwerk – außerhalb der Verwandtschaft.” Das ist wichtiger als die Punktzahl. „Wir unterrichten hier nicht nur Sprache”, ergänzt Gülseren, „wir sind hier wie Mütter. Man redet über Beziehungen, Alltagsprobleme. Es ist eine Familie.”

Arnfrid Schenk ist Redakteur im Ressort Chancen der „Zeit“. Der Text ist ein Auszug aus der Reportage „Wie geht es Ihnen?“ in der neuen Ausgabe des Magazins des Goethe-Instituts. Dort finden Sie den vollständigen Artikel sowie allerlei spannende Geschichten zum Thema „Sprachen, Identitäten und Integration“. Zur PDF-Ausgabe und zum Bestellformular gelangen Sie hier.
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