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Vertreibungen in Johannesburg: Die roten Sklaven des neuen Südafrikas

Mofokeng/SeketeCopyright: Mofokeng/Sekete
Ameisenstraße: Unbeirrbar führen die Red Ants ihre Aufträge aus (Foto: Mofokeng/Sekete)

14. September 2009

Wie ein Schwarm Insekten fallen die Räumungstrupps in den roten Overalls in besetzte Häuser ein und vertreiben rücksichtslos alle Bewohner. Dafür sind die „Red Ants“ in Südafrika berüchtigt. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts zeigt Fotos der Zwangsräumungen – und gibt denen eine Stimme, die sonst nicht zu hören sind. Von Sandra Voglreiter

Matratzen, Sessel, Kleider und ein Blumentopf stapeln sich auf der dreckigen Straße Bree Ecke Harrison im Zentrum Johannesburgs. Inmitten des Chaos sitzt im Licht der aufgehenden Sonne eine Frau gedankenverloren auf einem Sofa. Ihrem Sofa. Bis vor wenigen Minuten hatte dieses Sofa seinen festen Platz in der Wohnung, in der die Frau aus Zimbabwe zwölf Jahre lang mit ihrer Familie gelebt hatte – ohne Erlaubnis, ohne Miete zu zahlen. Im Morgengrauen kamen die Red Ants.

Das Schlimme, meint Moshe Sekete, das Schlimme sei nicht allein die Räumung – es sei die Brutalität und Unmenschlichkeit, mit der die Red Ants vorgingen. Zusammen mit seinem Kollegen Kabelo Mofokeng hat sie der südafrikanische Fotograf in Bildern festgehalten. Die Fotos sollen nun die zum Teil schon abgestumpfte Gesellschaft aufrütteln. „Sie werfen das Eigentum der Leute über den Balkon auf die Straße“, sagt er. „Manche stehlen – und auch die Menschen behandeln sie nicht besser.“ Thema der Fotoreihe ist die Zwangsräumung der Monis Mansions im Jahr 2007.

Die Bezeichnung „Mansion“ wirkt wie Hohn angesichts des heruntergekommenen Gebäudekomplexes – nichts erinnert weniger an ein herrschaftliches Haus. Für die Menschen, die hier leben, ist es jedoch das einzige Zuhause, das sie haben.

Leben im rechtlosen Raum

Es war Mitte der Neunzigerjahre, nach dem Ende des Apartheid-Regimes, als Hunderttausende aus den Townships ins Zentrum Johannesburgs wanderten. Wer es sich leisten konnte, verließ die Stadt, zurück blieben die Armen. Über die Jahre kamen Menschen aus ganz Afrika, viele sind obdachlos, es fehlt an Wohnraum. Kriminelle Banden besetzen Häuser, kassieren die Mieten anstelle der eigentlichen Besitzer und verteidigen ihr erstohlenes Recht mit Waffengewalt.

Copyright: Mofokeng/Sekete Fotostrecke: Chronologie einer Räumung


Johannesburg gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Die Politik will die Stadt zurückerobern – mit den falschen Methoden, findet Moshe Sekete: „Diese Räumungen sind unmenschlich – gleichgültig, ob die Leute dort legal oder illegal leben.“ Er sehe sich als Anwalt derjenigen, die keine Stimme haben. Ihnen will auch die Ausstellung Gehör verschaffen. „Und vielleicht erreichen wir auch die Regierung mit unserem Anliegen“, hofft Moshe Sekete. Wenigstens die Zwangsräumungen sollten aufhören.

Nicht zufällig wird die Ausstellung in GoetheonMain, dem neuen Projektraum des Goethe Instituts Johannesburg, gezeigt. Dieser Ort im Stadtzentrum trägt dazu bei, die Distanz zwischen den wohlhabenden Vorstädtern und den Menschen in Downtown zu überwinden.

Red Ants: Täter und Opfer zugleich

Eine Reihe von Veranstaltungen im Umfeld der Ausstellung in GoetheonMain soll den Dialog anstoßen, zum Beispiel Symposien, poetry sessions und Workshops für junge Künstler. Außerdem treffen ein ehemaliger Innenstadtbewohner, ein früherer „Red Ant“-Wachmann, ein Repräsentant der lokalen Behörden und ein Hauseigentümer in einer Diskussion über die Abwertung und Erneuerung des Zentrums Johannesburgs aufeinander.

Die Stadt befinde sich in einem Veränderungsprozess, sagt Mofokeng. Seine Aufgabe wiederum sei es, den Einwohnern bewusst zu machen, dass sie Teil dieses Wandels seien und ihnen die Kontrolle über die Veränderungen zurückzugeben. Kontrolle scheint ein Luxus zu sein, den die Menschen im Zentrum Johannesburg sich schon lange nicht mehr leisten können.

„Die Räumung mit ansehen zu müssen, war schlimm für mich“, erinnert sich Moshe Sekete. Dennoch habe er versucht, nicht nur die Emotionen der Vertriebenen in seinem Bilden festzuhalten, sondern auch die der Red Ants nicht aus den Augen zu verlieren. „Sie sind nicht nur Täter – sie sind auch Opfer.“ Die meisten Red Ants kämen aus armen Verhältnissen, manche kehrten nach getaner Arbeit selbst in besetzte Häuser zurück.

„Sie spucken dir ins Gesicht“

Kabelo Mofokeng beschreibt die Mitglieder der Räumtrupps als Befehlsempfänger, als „Sklaven“, die ihr Leben auf Kosten ihrer eigenen Leute bestreiten. „Sie spucken dir ins Gesicht, um Erster in der Schlange um Anerkennung zu sein“, schreibt Kabelo Mofokeng in einem Text, der in der Ausstellung in GoetheonMain zu lesen ist. Insgesamt 15 Autoren haben sich in Gedichten und Prosa mit der Grausamkeit der Zwangsräumungen auseinandergesetzt.

Die meisten an der Ausstellung Beteiligten gehören zu der südafrikanischen Künstlergruppe Botsotso, auch die beiden Fotografen Kabelo Mofokeng und Moshe Sekete. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Übergang von der autoritären Gesellschaft der Apartheid zu einem pluralistischen, demokratischen Land zu dokumentieren. Und der „neuen Gesellschaft“ den Spiegel vorzuhalten.

Die Ausstellung „Red Ants“ ist noch bis zum 2. Oktober in GoetheonMain zu sehen.
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