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Deutsch für Sprachgourmets: Meine Reise mit dem Teufel

Sven PaustianCopyright: Sven Paustian
Autorin Barbetta: Es hat keinerlei Sinn, nach Wörtern zu greifen (Foto: Sven Paustian)

24. November 2009

Wann beherrscht man eine Sprache? Eine Fremdsprache gar? Oder ist es die Sprache, die den Sprechenden beherrscht? Deutsche Wörter schaffen es gekonnt, einen an der Nase herumzuführen. Die Kunst des Lernenden wie des Muttersprachlers besteht darin, sich auf einen Maskenball einzulassen – und das Fest der Sinne zu genießen. Von María Cecilia Barbetta

Als ich in Argentinien lebte, wollte ich auf Teufel komm raus Vollkommenheit im Umgang mit der deutschen Sprache erreichen. Damals war ich nicht nur von diesem unsinnigen Wunsch regelrecht besessen, sondern zugleich dem irrtümlichen Glauben anheimgefallen, mit dem nötigen Fleiß würde ich – nachdem ich eine deutsch-argentinische Schule besucht hatte – im Laufe eines Deutsch-als-Fremdsprache-Studiums mir die fremde Sprache ganz aneignen, ja, sie irgendwann „beherrschen” können.

Ich hatte mir eingeredet, es mit steuerbaren Prozessen zu tun zu haben. Die Idee, die deutsche Grammatik gehe zum größten Teil auf klare, logische Strukturen und Mechanismen zurück, gefiel mir gut. Deutsch ist eine sichere Nummer, beinahe Mathematik und kein Hexen-Einmaleins – das dachte ich mir und hatte ja keine Ahnung. Meinem Blick fehlte vor allem eins: der Horizont. Bis dahin hatte ich Argentinien nie verlassen, Deutschland kein einziges Mal besuchen können.

Das holte ich 1995, ein halbes Jahr nach meinem Abschluss, dank eines viermonatigen Stipendiums des Goethe-Instituts nach. In München angekommen, tat sich eine neue und doch irgendwie bekannte Welt auf; vor lauter Aufregung wusste ich nicht, wohin zuerst. Ich entschied mich für das Deutsche Museum, welches mir vermutlich aufgrund seines Namens wie eine Verheißung erschien, der Inbegriff, die Quintessenz derjenigen Kultur, der ich mich mit Haut und Haaren verschrieben hatte.

Ich studierte den „Herzlich-Willkommen-im-Deutschen-Museum”-Flyer, der mir als Ergänzung zum gelösten Billett wie die ultimative Eintrittskarte in die zweite Heimat vorkam, deren fabelhafte Begehung sich über ein Erdgeschoss, ein Untergeschoss, ein erstes, zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes Obergeschoss erstrecken würde.

Seit jenem Besuch sind vierzehn Jahre vergangen. Mittlerweile lebe ich in Berlin; letztes Jahr ist mein erster, auf Deutsch geschriebener Roman erschienen. Vor ein paar Monaten reiste ich nach München, denn ich war eingeladen, im Rahmen eines Literaturfestivals aus meinem Debütroman vorzulesen. Ich nutzte die Gelegenheit, dem Deutschen Museum einen zweiten Besuch abzustatten. Mit einem neuen „Herzlich-Willkommen”-Faltblatt in der Hand ging ich die Treppen hinauf bis ins 3. Obergeschoss, wo sich seit 1999 – für mich also ein Novum – das „Mathematische Kabinett” befindet. Ich vergaß die Zeit, tauchte in eine Parallelwelt ein, gestand mir in Anbetracht der Tetraeder und Doppeltetraeder, der Pyramiden und Würfel, der Oktaeder, Ikosaeder und Rhomboeder, der wunderlichen Schatten, welche sie an die Wand warfen, ein, dass ich rundum glücklich war.

Eine Autorin im Kabinett der deutschen Sprache

Schwer, über den eigenen Schatten zu springen: Im „Mathematischen Kabinett” sinnierte ich über ein mögliches Kabinett der deutschen Sprache. Seitdem ich in Deutschland zu Hause bin, mich in Berlin aufgehoben fühle, haben Wörter in meinen Augen ihre Eindimensionalität verloren und sind zu „Ideen-Polyedern” geworden. Deutsche Nomen, Verben, Adjektive entfalten ihre Kraft auf unterschiedlichen Ebenen, setzen sich – geometrischen Kräften gleich – aus zwei, drei, manchmal sogar vier verschiedenen Flächen zusammen; dabei sind sie launisch, unberechenbar, verspielt.

Lust auf ein Gedankenexperiment? Kommen Sie mit, lassen Sie uns gemeinsam das Kabinett der deutschen Sprache betreten: Im ersten Raum liegt ein Brett, welches in schwarze und weiße Felder unterteilt ist. Sie platzieren darauf eine Dame, einen Läufer, einen Bauer ... Sobald Sie fertig sind, sagen Sie zu mir, ich sei am Zug. Ich wiederum bin längst im zweiten Raum des Kabinetts und verstehe nur Bahnhof. Ich mache es mir gemütlich in meinem (Zug-)Abteil.

Das Fenster ist nicht ganz heruntergelassen, es weht ein schwacher Wind (Zug). Mir gegenüber sitzt eine äußerst vornehme Frau (Dame) und unterhält sich mit einem Landwirt (Bauer), der anscheinend etliche Äcker (Felder) verpachtet. Unter unseren Füßen ausgebreitet – wir fahren erster Klasse – liegt ein kunstvoller länglicher Teppich (Läufer). In einer Ecke fällt mir ein Holzstück (Brett) auf, das sicherlich dem Landwirt (Bauer) gehört. „Die Reise macht einen Heidenspaß”, kommentiert er etwas exaltiert. „Der Teufel steckt im Detail”, warnt die Dame. „Verzeihung ... Wo genau fahren wir hin?” – Diese Frage verkneife ich mir lieber.

Hinter etwas her sein wie der Teufel

Seit eh und je bin ich hinter der deutschen Sprache her, doch inzwischen gilt das Zugeständnis: Ich bin und bleibe ein Leben lang Fremdsprachlerin. Das, was mir einst so schwer über die Lippen kam, offenbarte sich paradoxerweise als der Schlüssel, dem ich meinen Zugang zur deutschen Sprache verdanke. Beim Loslassen fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich glaubte, der Sprache in all ihrer Schönheit und Poesie zum allerersten Mal gewahr werden zu können.

Über Nacht erhoben sich Wörter von der Zeile und wurden Figuren; ich konnte sie von allen Seiten betrachten, dabei zusehen, wie sie Raum gewannen. Es hat keinerlei Sinn, nach Wörtern zu greifen oder eins fangen zu wollen, denn aufgrund ihrer vielen Fluchtlinien entkommen sie jedes Mal.

Es ist wie verhext, und es ist gut so. Denn dass die deutsche Sprache sich nicht schnappen lässt, dass sie mir immer und immer aufs Neue entwischt, bedeutet, dass sie lebendig ist und lebendig bleibt. Mein Herzenswunsch, mich ihr zumindest so dicht wie möglich zu nähern, die unüberbrückbare Distanz, die uns trennt, zu verringern, hält wiederum mich wach, also ebenfalls am Leben. Und wenn wir beide nicht gestorben sind ... ja, dann sind wir immer noch auf Reisen.

Perspektivwechsel

Im selben Zuge (sic), in dem mir klar wird, dass nicht ich die deutschen Wörter unter Kontrolle habe, sondern dass vielmehr sie diejenigen sind, die mich geschickt an der Nase herumführen, verspüre ich das Bedürfnis, das längst tradierte Thema „Deutsche Sprache, Identität und Mehrsprachigkeit” aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten. Wenn sich etwas auf meinem weiten Weg, auf dieser meiner langen Reise herauskristallisiert hat, dann dies:
Es geht keinesfalls um meine Identität als Fremdsprachlerin.
Es geht keinesfalls um meine Mehrsprachigkeit.
Es geht einzig und allein um die Identität der Wörter im Deutschen und um ihre Mehrsprachigkeit.

Deutsche Wörter haben einen Zeichen-Charakter, also eine Persönlichkeit. Sie sind Schriftbilder und lebendige Gebilde zugleich, sie haben einen Körper und eine Seele, vor allem haben sie ihren eigenen Kopf, den sie meistens durchsetzen. Auf der Zeile, auf der sie sich von all ihren Strapazen ausruhen, zeigen sie eines ihrer vielen Gesichter. Wer kann schon sicher sein, dass es sich um das einzig wahre handelt? Dem zum Einsatz kommenden Wort wird der Rücken gestärkt, da sich weitere Bedeutungsträger hinter der Zeile befinden. Nein, das ist kein Fall von Unentschlossenheit, sondern ein deutliches Zeichen von Mehrsprachigkeit, von Pluralität und Potenzialität.

Nicht einmal ein kurzes Nomen, ein relativ schlichtes, aus vier Buchstaben bestehendes Substantiv wie „Ball” gibt Ruhe. Kaum ein zweites Durchlesen vermag es still auszuhalten, schon rollt der kugelförmige Körper aus eigener Initiative auf der Zeile, macht dabei eine Partikel platt, oh je, eine Interjektion, solchem Bewegungsdrang muss ein Ende gesetzt werden. Irgendwann erreicht der Ball das Ende des Satzes und prallt mit Karacho gegen einen Punkt.

Von da an beginnt er, Luft zu verlieren; es dauert nicht mehr lange, bis er sich ganz verformt und zu einer geraden Linie, zu einer Fläche wird; darauf soll nun getanzt werden. Ein Maskenball, bitte schön, ein Fest der Sinne: die deutsche Sprache! Und ich, die ich die ganze Zeit in fremder Zunge geredet habe, möchte an der Stelle Sie, liebe Muttersprachler, daran erinnern, dass es an Ihnen liegt, sich dieses Spektakel auf der eigenen Zunge zergehen zu lassen.

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Sprachen, Identitäten und Integration“.

María Cecilia Barbetta, geboren 1972 in Buenos Aires, Argentinien, studierte Deutsch als Fremdsprache und kam in den Neunzigerjahren mit Stipendien des Goethe-Instituts und des DAAD nach Deutschland. Inzwischen lebt sie in Berlin. Für ihren ersten Roman, „Änderungsschneiderei Los Milagros”, wurde sie 2008 mit dem „aspekte”-Literaturpreis ausgezeichnet. Sie schreibt auf Deutsch und erhielt 2009 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis.
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