Goethe aktuell

Annäherung in Nikosia: Mit Geduld und Kunst

Marcos GittisCopyright: Mirko Heinemann
Arbeiten zusammen: Feridun Işiman und Aristis Tasi (Foto: Mirko Heinemann)

26. September 2009

Kreative Begegnung am Rand vom Niemandsland: In Nikosia haben griechisch-zyprische und türkisch-zyprische Künstler gemeinsam mehrere Mauersteine gestaltet. Die außergewöhnliche Zusammenarbeit im Rahmen der Mauerreise fand im Garten des Goethe-Zentrums statt, durch den die Grenzlinie der geteilten Stadt verläuft. Von Mirko Heinemann

Der Schweiß tropft Feridun Işiman von der Stirn. In der Linken hält er eine Malerpalette, mit der Rechten führt er den Pinsel. Plötzlich ruft von hinten Andreas Kalogirou: „Hey, du hast die Hand meiner Aphrodite übermalt.“ Feridun Işiman dreht sich um, und Kalogirou lacht. „Kein Problem, Feridun.“ Er hält seine Hand hin, Işiman schlägt ein. Türkisch-griechische Versöhnung auf Zypern – im Garten des Goethe-Zentrums.

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Das Goethe-Zentrum Nikosia liegt genau auf der sogenannten „Green Line“, die den türkischen Norden vom griechischen Süden der Insel trennt. Nebenan steht das Ledra Palace, ein riesiger Hotelbau. Darin sind die UN-Truppen untergebracht, die über den Grenzwall wachen. Zwar ist die zuvor hermetisch abgeriegelte Grenze seit nunmehr sechs Jahren durchlässig. „Doch in vielen Köpfen“, sagt Ute Wörmann-Stylianou, Leiterin des Goethe-Zentrums, „steht die Mauer nach wie vor fest.“

Treffen sind selten

Sichtbar ist sie allemal: Gegenüber vom Goethe-Zentrum beginnt ein breiter Streifen Niemandsland, der Zyperns Hauptstadt Nikosia in zwei Hälften trennt. Mit Sand gefüllte Ölfässer, Mauerstücke, NATO-Stacheldraht und riesige Schilder kennzeichnen den Verlauf des Grenzwalls. Es gibt nur wenige Grenzübergänge, und die „Türkische Republik Nordzypern“, wie sich der nur von der Türkei anerkannte Staat im Norden nennt, führt Passkontrollen durch.

Im Niemandsland stehen Ruinen; Sträucher und Bäume wuchern teils seit einem halben Jahrhundert. 1964 war Nikosia nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen bereits geteilt worden. 1974 marschierte nach einem versuchten Putsch von griechischen Obristen die Armee der Türkei in Nordzypern ein. Die griechische Bevölkerung floh in den Süden, die türkische in den Norden. Seitdem waren alle Versuche, die Insel wieder zu vereinigen, fruchtlos. Zuletzt scheiterte ein Plan des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan an dem Veto der griechischen Seite.

Copyright: Marcos Gittis Künstlerische Begegnungen: Bilder von der Kunstaktion

Treffen zwischen türkischen und griechischen Zyprern sind nach wie vor selten. Die Skepsis ist groß, man bleibt lieber unter sich. Für die Künstler gilt das nicht; die meisten der Teilnehmer haben bereits miteinander gearbeitet. So ist die Station Nikosia der „Mauerreise“ gleichzeitig eine Gelegenheit für sie, die Kontakte in den anderen Inselteil zu erneuern.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“

Rund ein Dutzend Künstler aus beiden Teilen Zyperns sind gekommen, um an der Aktion teilzunehmen. Darunter sind Maler, Schriftsteller, Dichter und junge Graffitikünstler. Drei Mauersteine stehen zur Verfügung. Einfach war die Planung der Aktion nicht, so Ute Wörmann-Stylianou. Viele Künstler, vor allem von der griechischen Seite, sind trotz Zusage dann doch abgesprungen. Dass Künstler beider Volksgruppen gemeinsam an einem Werk arbeiten, ist keine Selbstverständlichkeit. Feridun Işiman und Andreas Kalogirou gehören zu den wenigen, die es wagen.

Andreas Kalogirou ist Kunstlehrer in Larnaka, im Süden der Insel. Auch seine Familie wurde nach der türkischen Besetzung aus dem Norden vertrieben. Das Dorf, in dem er seine Kindheit verbrachte, ist heute ein militärisches Sperrgebiet. Dennoch glaubt er an eine Wiedervereinigung. „Wir alle sind Menschen“, sagt er. Sein Kollege Feridun Işiman lebt im Norden, im von der türkischen Armee besetzten Teil. Seine Familie wurde bereits 1963 von griechischen Freischärlern aus ihrem Dorf vertrieben. Auch er ist für eine Wiedervereinigung der Insel, auch wenn er nicht weiß, wie sie aussehen könnte. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt er. Ihr gemeinsames Werk zeigt Aphrodite, die dem Meer entsteigt. Eine Kirche, die gleichzeitig eine Moschee ist. Darüber menschliche Hände. „Hände können gestalten – oder zerstören“, sagt Feridun Işiman.

Die beiden Maler kannten sich schon vorher. Sie schätzen ihre Arbeit und scherzen den ganzen Tag lang. Andere arbeiten lieber für sich. Die Gespräche finden auf Englisch statt, die Zeiten, als viele Mitglieder der beiden Volksgruppen jeweils die Sprache der anderen beherrschten, sind lange vorbei. Doch ihre künstlerische Botschaft auf den Mauersteinen ist stets dieselbe: Versöhnung fordern sie und mehr Verständnis füreinander. Der Schriftsteller Christos Hadjipapas nennt die Mauer Zyperns einen „Albtraum“.

„Wir brauchen noch Zeit“

Die Graffitikünstler Deniz und Anthony sind 16 Jahre alt und arbeiten mit ihren Freunden an zwei Seiten desselben Mauersteins. Deniz stammt aus Lefkosa, Anthony aus Nikosia. Es ist die gleiche Stadt, sie leben nur wenige Kilometer auseinander. Trotzdem sind sie sich noch nie begegnet, sie kennen nur die Arbeiten des jeweils anderen im Stadttraum. Anthony hat auf dem Grenzstreifen Graffitis von Deniz gesehen, im türkischen Teil Zyperns war er noch nie. „Aber ich will unbedingt hin“, sagt er. „Ich will wissen, was da los ist, wie die Leute dort leben.“ Wir brauchen noch Zeit, lautet seine Botschaft. Deniz hat „Empathy“ auf den Mauerstein gesprayt und „Peace“.

Die beiden Jungs sind mit der Mauer aufgewachsen. Sie kennen die blutige Vergangenheit der Insel. Doch beide sagen unisono: „Wir wollen die Wiedervereinigung.“ Deniz sagt, er wisse, dass es viele Vorbehalte gebe, aber er habe nichts gegen Griechen. „Auch die Europäische Union besteht doch aus vielen Völkern“, sagt er. Und Anthony hält Grenzen sowieso für überflüssig. In seiner Gang sind Armenier und Libanesen. Er selbst ist mütterlicherseits Engländer. Völkerfreundschaft ist hier Realität. „Warum“, fragt Anthony, „soll das für Türken und Griechen nicht gelten?“ Die beiden haben bei der Kunstaktion im Garten des Goethe-Instituts zum ersten Mal miteinander gesprochen. Ein Anfang. Vielleicht. unstaktion im Garten des Goethe-Instituts zum ersten Mal miteinander gesprochen. Ein Anfang. Vielleicht.
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