Goethe aktuell

Autor Liu Zhenyun: Allein unter Wölfen

Alexis MalefakisCopyright: Alexis Malefakis
Liu Zhenyun, Tilman Spengler: Gnadenloser Humor (Foto: Alexis Malefakis)

8. Oktober 2009

Ein Koch gerät in politische Machenschaften und riskiert sein Leben. Im Roman Taschendiebe des chinesischen Erfolgsautors Liu Zhenyun legt sich ein Bürger aus einfachen Verhältnissen mit der Machtelite Pekings an. Eine Lesung in München hat einen literarischen Vorgeschmack auf das Programm des Goethe-Instituts auf der Frankfurter Buchmesse gegeben.

Vor vollem Haus las am 4. Oktober der chinesische Erfolgsautor Liu Zhenyun im Goethe-Institut in München. Liu kam auf Einladung des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes und der Confucius Class Munich. In seiner Heimat China gilt Liu bereits als einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren, seine Bücher erreichen Millionenauflagen und werden auch für das Fernsehen adaptiert. In Deutschland ist bisher nur der Roman Taschendiebe erschienen. Darin erzählt er ein Sozialmärchen über seine Wahlheimat Peking. Der Chinaexperte und Autor Tilman Spengler sprach im Anschluss an die Lesung mit Liu Zhenyun über seinen Roman und sein besonderes Markenzeichen, den Humor.


Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

„Das literarisch Glänzende an dem Buch ist das Motiv der Lüge, die durch eine andere Lüge entlarvt wird“, sagte Tilman Spengler über Taschendiebe. Ein einfacher Wanderarbeiter namens Liu Yuejin findet auf einer Großbaustelle in Peking eine Tasche mit brisanten Dokumenten, die hohen Beamten der Stadt zum Verhängnis werden könnten. Durch diesen Fund gerät er in Gefahr und findet sich bald als „ein Lamm unter Wölfen“ wieder, fasst Autor Liu zusammen. Doch Liu kehrt die Parabel der Macht um: Nicht die Wölfe zerfleischen das Lamm, sondern das Lamm treibt die politische Elite durch geschicktes Taktieren in die Enge – und einige von ihnen sogar in den Selbstmord. Die Volksrepublik als Großbaustelle und ein Wanderarbeiter, der den Staat bezwingt – ein Fall für die Zensur? Es sei seinem radikal schwarzen Humor zu verdanken, so der Autor Liu, dass die staatliche Zensur bei seinen Werken oft nicht greife.

Mit diesem Humor sei er aufgewachsen. „In meiner Heimatprovinz Henan gehört gnadenlose Ironie zum guten Umgangston der Menschen“, so Liu. 1958 wurde er in Henan geboren. Es war das Jahr, in dem Mao Zedong seine Politik des „Großen Sprungs nach vorn“ begann, mit der er China zur wirtschaftlichen Großmacht ausbauen wollte. Dass Liu mit seinem Roman Taschendiebe auch Assoziationen zu diesem eher dunklen Kapitel der chinesischen Geschichte wecke, betonte Tilman Spengler: Im chinesischen Original heiße die Hauptfigur mit Vornamen Yuejin, was übersetzt bedeute „ein Sprung nach vorn“. „Diese Assoziation geht mit der deutschen Übersetzung leider verloren“, so Liu. Doch ansonsten gewönnen seine Bücher in ihren übersetzten Versionen – zumindest an Umfang. Die koreanischen, englischen oder auch deutschen Fassungen seiner Romane seien oft doppelt so dick wie das chinesische Original. „Das ist ein Beleg für die Bündigkeit und Prägnanz der chinesischen Sprache“, bemerkte dazu der Autor.


Das Goethe-Institut auf der Frankfurter Buchmesse: Das komplette Programm

Mehr über die Arbeit Liu Zhenyuns und seine Wahlheimat Peking ist beim „City Talk“ des Goethe-Instituts auf der Frankfurter Buchmesse zu erfahren. Am 16. Oktober spricht der chinesische Schriftsteller mit dem deutschen Autor Martin Mosebach über Gemeinsamkeiten und Unterschiede chinesischer und deutscher Städte. Die Gesprächsreihe „‚City Talk‘: Chinesische Autoren in deutschen Städten – deutsche Autoren in chinesischen Städten“ ist Teil des umfangreichen Programms des Goethe-Instituts auf der Frankfurter Buchmesse.

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