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„Art on Site“: Tolstoi im Eisschrank

Ewgenij UmanskijCopyright: Ewgenij Umanskij
Eine Schönheit aus Bernstein: Werk des Duos Empfangshalle (Foto: Ewgenij Umanskij)

10. Oktober 2009

Ein Meteorit schlägt ein, Schönheiten werden in Bernstein verewigt, und Klassiker werden zu Eis. Die Abschlussausstellung des Kunstprojekts Art on Site zeigt Arbeiten einer deutsch-russischen Begegnung – und warum Residenzprogramme so erfolgreich sind.

Er ist in Guangzhou oder Ljubljana geboren, hat in Paris oder Wien studiert, wohnt in New York oder Berlin und bereitet gleichzeitig seine Ausstellungen in Birmingham, in Singapur und in Moskau vor: So sieht ein typischer Gegenwartskünstler oder -kurator aus.

Und der Genius Loci? Der ist ein seltener und äußerst problematischer Gast in der aktuellen Kunst. Was nicht an ihm liegt – nein, es ist die Kunst selbst, die ihn nicht sonderlich dazu einlädt. Schließlich war sie es, die auf der Internationalität ihrer Sprache bestanden hat, von örtlichen Besonderheiten völlig losgelöst sein wollte.

Es ist daher schon eine Herausforderung, die das gemeinsam vom National Centre for Contemporary Arts und dem Goethe-Institut Moskau organisierte und von der Europäischen Union unterstützte Projekt Art On Site seinen Künstlern stellt. Stellt es doch die Rolle des geographischen Orts selbst als Kunstobjekt in Frage, und gleichzeitig auch die Wechselbeziehung des Künstlers mit diesem Ort.

Agnes Meyer-Brandis über Jekaterinburg

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Die Aufgabe: Künstler aus Deutschland konnten – durften? mussten? – einen Monat in der Residenz einer russischen Stadt zu verbringen und nach der Rückkehr in die Heimat ein Projekt entwickeln, das die Eindrücke widerspiegelt, die in Russland gesammelt wurden. Gleichzeitig wurden Künstler, die in den jeweiligen Städten leben und arbeiten, eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen, etwa Oleg Blyablyas, Vadim Zakharov, Andrey Rudyev, die Gruppen Provmyza und Where dogs run to – was zu erstaunlichen Kontrasten und Überschneidungen führte.

Jekaterinburg, Kaliningrad, Moskau, Nischnij Nowgorod und St. Petersburg sind die Städte, in denen Art on Site Künstlerresidenzen bereitstellte. Das Ergebnis ist in einer Abschlussausstellung noch bis 25. Oktober im Rahmen des Sonderprogramms der 3. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst zu begutachten. Die Arbeiten der Deutschen, die bereits in den einzelnen Residenzstädten zu sehen war, sind hier gemeinsam ausgestellt – ergänzt um die Werke der russischen Künstler.


Art on Site: Zur Projektseite

Via Lewandowsky, den es nach Moskau verschlug, hat sich vor allem auf die Stalin-Zeit konzentriert. Die Überreste der „Großen Epoche“ der Sowjetunion verwandelten sich in dreißig teilweise verbrannte Sockel aus Ton. Sie tragen den Titel Ach schade. Verbrenne, an was du geglaubt hast, und glaube an das, was du verbrannt hast. Vadim Zakharov dagegen versucht – in beabsichtigter Vergeblichkeit – Kunst einzufrieren. Die Klassiker der russischen Literatur, Puschkin und Tolstoi, Dostojewskij und Tschechow, präsentiert er mit ihren Gesamtausgaben in einem Eisschrank. Nicht zufällig, denn die vermeintlichen Bücher bestehen aus Wasser der Moskwa. Ausstellungsbesucher dürfen sich einen Band herausnehmen und die Literatur zwischen den Fingern zerrinnen lassen.

An die Koexistenz von Schöpfung und Zerstörung erinnernd, hat Claudia Schmacke ihre Eindrücke von Nischnij Nowgorod in einem runden See realisiert, dessen Wasser, angereichert mit Metallstaub, sich in spärlichen Tropfen ergießt. Vor dem Hintergrund vorbeiflimmernder Landschaften posieren Menschen in Uniformen, gestaltet von dem deutschen Künstler Robert Scheipner.

Benjamin Bergmann über St. Petersburg

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Das Projekt How long does it take to br(e)ake des Installationskünstlers Benjamin Bergmann spiegelt Vergänglichkeit und Fehlbarkeit wider. In seiner Installation – bestehend aus einem alten Pkw, Holz, Lautsprechern, einem Verstärker und einem CD-Spieler – geht es um Vorgänge, die das Scheitern und den Makel in sich tragen.

Für das Duo Empfangshalle wurde ein Auto zu einem Symbol für Kaliningrad, eine Stadt, die ihr altes Gesicht verloren und ihr neues nicht fertig gebaut hat. Den Künstlern ist das Bestreben der Bewohner aufgefallen, schön zu sein. Ergebnis war ein Schönheitswettbewerb vor der Betonwüste der Stadt. Die Sieger wurden in dem „weltgrößten“ Panneau aus Bernstein verewigt.

Inspiriert von der Staatlichen Akademie für Geologie und Bergbau des Uralgebiets und dem Institut für Geophysik inszenierte die Künstlerin Agnes Meyer-Brandis in Jekaterinburg einen Meteoriteneinschlag im öffentlichen Raum. Außerdem veranstaltete sie bei minus 20 Grad am Fluss Iset einen Workshop mit Nachwuchskünstlern und Studenten.

Der Grund für den Erfolg von Art on Site liegt für Johannes Ebert auf der Hand: „Es hat sich wieder gezeigt, dass Residenzprogramme zu den nachhaltigsten Formen des internationalen Kulturaustauschs gehören“, so der für die Region Osteuropa und Zentralasien zuständige Leiter des Goethe-Institut Moskau.
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