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Klimafolgen in Kanada: Auf der Suche nach dem verlorenen Lachs

Alexander SmoltczykCopyright: Alexander Smoltczyk
Lachse: Ein gefundenes Fressen für Fischer und Apokalyptiker (Foto: Alexander Smoltczyk)

10. November 2009

Sie sind weg. Erst waren es Millionen von Rotlachsen, inzwischen werden auch Grizzlys nur noch selten gesichtet. Und die Wintervorräte der Ureinwohner werden knapp. Eine Nahrungskettenreaktion? Wie es Kanadas Westprovinz British Columbia unheimlich wird beim Gedanken an das Weltklima. Von Alexander Smoltczyk

Der Lachs, dieses rosa Teil von den Häppchen beim Stehempfang, ist die Seele von Vancouver. Es gibt kaum jemanden, der nicht zwischen Sockeye und Pink, Humpback, Coho, Chinook and Steelback zu unterscheiden wüsste. Auf jedem Gullideckel der Stadt ist eine stilisierte Lachssilhouette zu erkennen. Das Laichen der Fische wird hierzulande mit einer Spannung erwartet wie anderswo der Monsun. Sportangler und Indianer, Zuchtfarmer, Umweltretter, Apokalyptiker und Kommerzfischer warten auf die Lachse.

Die Vancouver Sun berichtet täglich. An den Engstellen des Fraser River stehen kommunale Angestellte mit Zählgeräten in der Hand und warten. Weiter westlich als Vancouver geht es nicht, und vielleicht erkennen sich die Nachkommen der Westwards-Trecks wieder in dem ebenso epischen Mühen des Lachses gegen die Strömung, den Fluss hinauf, jeden Winkel, jede Deckung ausnutzend, nur um am Ende des Flusses zu Tode erschöpft seine Eier, seinen Samen herauszubrechen und zu verenden. Die nächste Generation wird’s besser haben.

Oder auch nicht. Denn diesen Herbst ist eine ganze Generation verloren. Das „Department of Fisheries and Ocean“, das Lachsministerium der Provinz, hatte die Zahl der registrierten Junglachse, der „smolts“, hochgerechnet und kam mittels eines Algorithmus auf die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartende Zahl von 10,578 Millionen Sockeye-Lachsen (Rotlachse, Oncorhynchus nerka). Tatsächlich haben sich bisher aber nur 1,7 Millionen Tiere im Fraser River zurückgemeldet. „Where have all the salmon gone?“ ist die Überschrift dieses Sommers. Wo sind die neun Millionen Rotlachse abgeblieben, wer hat sie auf dem Gewissen?

Und die zweite, ebenso häufig gestellte Frage: Was, wenn der Lachs eigentlich ein Kanarienvogel ist? Moment! Nein, ganz im Ernst: Was, wenn sich am Schicksal des Lachses eine ansonsten unmerkliche, aber fatale Veränderung ablesen ließe, so wie in den Bergwerken sterbende Kanarienvögel auf Gas hinweisen?

Auch die Grizzlys fehlen

Es wird unruhig. Die „First Nations“, wie sich die kanadischen Ureinwohner nennen, protestieren, weil sie ihre Wintervorräte an Dörrlachs und Fischkonserven nicht auffüllen können. Und je weiter flussaufwärts die Nations leben, desto lauter protestieren sie. Das ist ein uralter Konflikt. „Rivalen“ kommt von rivus, lateinisch für Bach. Rivalis bedeutet „an der Nutzung eines Wasserlaufes mitberechtigter Nachbar“. Und wenn der Fisch an der Mündung schon knapp ist, kommt weiter hinten gar nichts mehr heraus.

Die ausgelaichten Lachskadaver dienen ganzen Spezies als Nahrung, millionenfach düngen sie mit ihrem Fleisch Jahr für Jahr den Regenwald westlich der Rocky Mountains. Grizzlys und Schwarzbären weiden sich an den Tieren vor der Winterruhe und tragen die pazifischen Nährstoffe via Bärenkot in jeden abgelegenen Winkel. Der Biologe Thomas Reimchen von der Universität Victoria auf Vancouver Island hat ausgerechnet, dass auf jedem Hektar Bärengebiet bis zu 4000 Kilo Lachsgerippe liegen. Es scheint in British-Columbia noch Trapper zu geben, die ihr Leben damit verbringen, jeden Kilometer Fluss abzulaufen oder -paddeln. Auf jeden Fall zitieren die Zeitungen einige Waldläufer, wonach es im Oberlauf vom Fraser diesen Herbst erschreckend wenige Grizzlybären gebe. Schuld sei der ausgebliebene Sockeye-Lachs.


Das Ende des Lachstums: Zum Klimablog von Alexander Smoltczyk

Vancouver ist die Geburtsstadt von Greenpeace. Es gehört zum guten Ton, „100 % organic“ Kaffee zu trinken, den Dalai Lama gut zu finden und ausschließlich Seefisch mit dem Ablasszertifikat der David-Suzuki-Stiftung zu essen. Suzuki ist ein Pionier der Auseinandersetzung mit dem „Global Warming“ und hat als einer der ersten den Klimawandel für das Ausbleiben des Sockeye verantwortlich gemacht: Ja, der Lachs ist ein Kanarienvogel für den Zustand des Nordpazifik.

Tatsächlich war der Nordpazifik in den Jahren 2005 bis 2007 etwas wärmer als sonst. Inzwischen hat er sich zwar wieder abgekühlt. Aber 2005 war genau das Jahr, als der junge Sockeye-Lachs sein Süßwasser-Habitat verließ und sich in den Pazifik aufmachte.

Disput der Lachsologen

Was macht da ein halbes Grad mehr oder weniger aus? Offenbar, so die Lachsologen vom Department of Fisheries, sehr viel. Das halbe Grad bringt ihn zwar nicht gleich um, aber: „Die Planktonzusammensetzung verändert sich, andere Spezies aus wärmeren Gewässern wandern nach Norden und konkurrieren mit dem Lachs um Nahrung. Die Aufwärtsströmungen sind andere“, sagt Jeff Grout, Lachsbestandsverantwortlicher der Behörde.

Der Lachs registriere jede noch so kleine Veränderung, er ist wie Feinmessgerät. Nur dass der Kalibrator Feierabend gemacht hat und keiner mehr zu sagen weiß, was eigentlich der Normwert ist. Oder anders gesagt: Am Lachs lässt sich irgendetwas mit großer Genauigkeit ablesen. Man weiß nur nicht was.

Deswegen blühen die Hypothesen. Ich habe in Vancouver, auf den Fischerbooten und entlang des Fraser River etwa ein Dutzend Erklärungen bekommen. Jede einzelne überzeugend, wissenschaftlich untermauert und mit Leidenschaft vorgetragen. Mancher macht russische Trawler verantwortlich, andere die vielen Seelöwen, wieder andere die Ausbreitung des ortsfremden Atlantiklachses oder generell den Zorn von Mother Earth. Ein Sto:lo-Indianer in „Hell’s Gate“, der Flussverengung im Mittellauf des Fraser, erklärt, die Bebauung und der Holzabbau seien schuld.

Das erhöhe den Abfluss der Sedimente, und außerdem vertrage der Lachs nicht die Erschütterungen durch die Güterzüge der Canadian-Pacific-Bahn, direkt am Ufer. Eine Hobby-Walforscherin namens Alexandra Morton hat sich mit einer „See-Läuse“-Theorie erhebliches Ansehen, auch unter Wissenschaftlern, erarbeitet. Die hohe Konzentration von Parasiten in den Zuchtbehältern der Lachsfarmen draußen im Pazifik schädige die vorbeiziehenden Junglachse. Kann sein. Muss aber nicht sein – zumal die Fischfarmen der Provinz jedes Jahr eine halbe Milliarde Dollar Umsatz einbringen.

„Der Ozean ist eine Blackbox “

Aber wieso hat es nur den Sockeye-Lachs getroffen, während Pinks und Cohos dieses Jahr in großer Menge zurückgekehrt sind, trotz See-Läusen und Canadian Pacific? „Der Ozean ist eine Blackbox. Der Lachs schwimmt hinein und taucht zwei, drei Jahre später wieder auf, in mehr oder weniger großer Zahl. Was genau passiert, können wir nicht sagen. Alles stimmt, nichts lässt sich widerlegen“, sagt Daniel Pauly, Leiter des Fischereiinstituts der University of British Columbia und einer der weltweit anerkannten Designer mathematischer Ozean-Modelle.

Es gibt eine Demut gegenüber dieser Blackbox. Man spürt eine leise Furcht, zu weit gegangen zu sein. Zu viele Lizenzen für die Fischfarmen, zu viele Baugenehmigungen, zu viele Ausnahmeklauseln für die First Nations. Natürlich auch zu viel Kohlendioxid, das die Ölfelder in Alberta verursachen. Vielleicht hat jede Erklärung eine Richtigkeit, und die Faktoren verstärken sich auf komplexe Weise? Auch die Furcht vor dem Klimawandel ist nicht frei von Glauben. Nichts ist so komplex wie das globale Wetter, und unmöglich ist es, die einzelnen Faktoren auseinanderzuhalten. Man hat es nicht in der Hand und ist zugleich mitverantwortlich. Das ist unheimlich.

Sicher ist allein, was der 69-jährige Fischer Alan Baker aus Albion sagt, dessen Großvater schon hier die Netze ausgeworfen hat und der in fünfzig Jahren nichts Vergleichbares erfahren hat: „Irgendetwas geht da draußen vor“, sagt er und zeigt in Richtung Fraser-Mündung. Und das klingt im O-Ton noch besser: „There’s something going on out there.“ Mehr ist nicht zu sagen.

Der Spiegel-Journalist Alexander Smoltczyk war als Goethe-UBC Writer in residence“ drei Wochen Gast im Institute for European Studies der Universität von Vancouver. Im Rahmen des Schwerpunkts Klimawandel führte er fürs Goethe-Institut Toronto einen Blog über Lachs und Leute in British Columbia.
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