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Stadtschreiber in München: Wie Joel Haahtela dem fliegenden Finnen nachspürt

GalaktionowCopyright: Barbara Galaktionow
Stadtschreiber Joel Haahtela auf dem Münchner Olympiagelände (Foto: Barbara Galaktionow)

17. Oktober 2009

Der finnische Schriftsteller Joel Haahtela begibt sich in München auf die Spuren seines Kindheitsidols – und spricht über Oliver Kahn, die Münchner und den Einfluss Herta Müllers auf sein Schreiben. Von Barbara Galaktionow

"Es sieht sehr modern aus." Joel Haahtela blickt auf das menschenleere Münchner Olympiastadion - von oben, aus etwa 190 Metern Höhe. Er hat sich auf den Olympiaturm gewagt, trotz einer latenten Höhenangst. Die erwähnt Haahtela allerdings erst, als der Aufzug schon fast auf der Besucherplattform angekommen ist. Doch ganz so beängstigend, wie der finnische Autor befürchtet hatte, ist es nicht, denn zumindest der untere Teil des Besucherbereichs ist von dicken Glasscheiben umgeben. Von hier aus kann sich Haahtela ein Bild von der Stadt machen.

Denn das ist derzeit sein Auftrag: Er soll sich München und seine Bewohner ansehen – und seine Eindrücke und Gedanken in einem Blog festhalten. Haahtela ist ein sogenannter Stadtschreiber. Auf Einladung des Goethe-Instituts, dessen finnischer Schwester-Organisation FILI sowie von literaturhaus.net lebt der Schriftsteller einige Tage lang in München und besucht die Frankfurter Buchmesse. Zwei Wochen dauert Haahtelas Reise, und mehr geht auch nicht, denn länger, sagt er, würde er es ohne seine drei und fünf Jahre alten Kinder Vera und Joakim nicht aushalten.

Haahtela ist zum ersten Mal in München - und doch ist ihm die Stadt präsent, seit er denken kann. Denn bei den Olympischen Spielen in München gewann der finnische Läufer Lasse Viren am 10. September 1972 Gold über 5000 Meter. In Finnland erblickte am gleichen Tag Joel Haahtela das Licht der Welt. Ein zeitliches Zusammentreffen, das im Kopf des kleinen Joel eine prägende Verbindung schuf. "Lasse Viren war das Idol meiner Kindheit", sagt Haahtela. Denn der "fliegende Finne", wie ihn die deutsche Presse nannte, rannte sich nicht nur an die Spitze der 5000-Meter-Läufer, sondern hatte zuvor bereits über 10.000 Meter Gold geholt, und das, obwohl er während des Laufes gestürzt war. "Doch er stand auf und lief weiter", sagt Haahtela. "Viren hatte sisu", fügt er hinzu – und tut sich dann schwer, dieses Wort genau zu erklären, das eine charakteristische finnische Eigenschaft bezeichnen soll, die offenbar mit Worten wie Ausdauer, Durchhaltevermögen, mentale Stärke oder auch Schneid immer nur annähernd beschrieben ist.

Wie im Grimmschen Märchen

"Wo ist das Zentrum?" Haahtela wendet seinen Blick vom Stadion weg und schaut suchend auf die nieselregenverhangenen Häuser und Grünflächen. Da vorne sollte es liegen – doch die Frauenkirche, das Wahrzeichen der Stadt, ist nirgendwo zu entdecken. Welche Erfahrungen hat Haahtela nun bislang in München gemacht? Abgesehen von der Beobachtung, dass Münchens Herrentoiletten offenbar über überdurchschnittlich viele Pissoirs verfügen, worüber sich Haahtela im Stadtschreiber-Blog so seine Gedanken macht, muss seine Langzeitsuche nach dem perfekten Jazzclub auch nach einem Besuch der Münchner Unterfahrt weitergehen.

Als kleines Highlight seines Münchenaufenthalts bezeichnet Haahtela die zufällige Begegnung mit Torwartlegende Oliver Kahn. Auch die hat übrigens auf einer Toilette stattgefunden und nicht in einem Café, wie es im Blog heißt, gibt der Autor zu. Doch das habe er nach seinen Auslassungen zu den Pissoirs wirklich nicht schreiben wollen. Er habe ja nichts Spezielles mit Toiletten am Laufen. Wie in Grimms Märchen fühlt sich Haahtela in München, die Stadt entspreche tatsächlich seinem eigenen Klischee. "Ich denke, in Finnland und Deutschland haben die Menschen vielleicht ähnliche Probleme, aber sie haben eine unterschiedliche Art, damit umzugehen." Der finnische Stadtschreiber beobachtet – Urteilen ist seine Sache nicht.

Mag sein, dass das mit dem anderen Beruf Haahtelas zusammenhängt: Er ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Psychiater. Bevor er anfing zu schreiben, arbeitete er bereits in und um Helsinki herum als Seelenarzt. Auch heute noch kümmert er sich drei Tage pro Woche um seine Patienten. In beiden Fällen, so sagt er, gehe es darum, eine Geschichte offenzulegen und zu bestimmen, wo eine Person stehe. Was man seinen Büchern anmerkt. Sie wirken leichtfüßig und tiefgründig zugleich und zeugen von einer Achtung vor den beschriebenen Charakteren.

Eine enttäuschende Autogrammstunde

In seinem Heimatland ist Haahtela sehr erfolgreich und erhielt für seine Romane bereits zahlreiche Preise. Im Januar erscheint sein siebenter Roman. Im Rest der Welt lässt der Durchbruch noch auf sich warten. Zwei seiner Werke wurden immerhin ins Deutsche übersetzt. In Der Schmetterlingssammler führt ein unerwartetes Erbe den Erzähler unter anderem zur Spurensuche nach Ostdeutschland, in Elena spürt ein alter Mann einer jungen Frau und zugleich seiner eigenen Lebensgeschichte nach. Interessant für deutsche Leser wäre vielleicht auch Haahtelas erster Roman Kaksi kertaa kadonnut von 1999. Denn in der Sprache des bislang nicht übersetzten Werks sei der Einfluss einer deutschen Autorin nicht zu verleugnen, bekennt der Autor – der von Herta Müller. Die Art, wie die jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Schriftstellerin mit Sprache umgehe, habe ihn stark beeindruckt.

Haahtela musste übrigens die Erfahrung machen, dass Anbetung aus der Ferne dem persönlichen Kennenlernen seiner Vorbilder manchmal vorzuziehen ist. Mit etwa neun Jahren sei er einmal zu einer Autogrammstunde bei Lasse Viren gegangen, berichtet der Schriftsteller. Zu diesem Zweck habe er eigens ein Bild gezeichnet: Viren in Heldenpose, behangen mit seinen zahlreichen olympischen Medaillen. Doch der Läufer reagierte gar nicht auf all die kindliche Bewunderung, die ihm da entgegenschlug. "Aus Rache habe ich Viren dann später nicht gewählt, als er für das finnische Parlament kandidierte", witzelt Haahtela. Der Sportler war von 1999 bis 2007 Abgeordneter der konservativen Nationalen Sammlungspartei Finnlands. In München möchte Haahtela dem Geist seines früheren Idols trotzdem noch näherkommen. Wenn es möglich ist, möchte er selbst einmal auf den Bahnen des Olympiastadions laufen – und nicht nur von oben darauf schauen.
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