Goethe aktuell

Debatte auf der Buchmesse: „Chinesen mögen keine -ismen“

Arne SchneiderCopyright: Arne Schneider
„Nationalismus als ideologische Alternative“: Das Panel in Frankfurt (Foto: Arne Schneider)

15. Oktober 2009

Weicht die kommunistische Ideologie in China dem Nationalismus? Gibt es in Deutschland einen neuen Patriotismus? Angesichts von Globalisierung und Migration verändert sich die Bedeutung von Nation und Identität. Ein Panel auf der Frankfurter Buchmesse sucht Antworten.

Als US-Präsident Bill Clinton die Universität in Peking besuchte, hat das Publikum aus ausgewählten Mitgliedern der Kommunistischen Partei bestanden. Durch provokative Fragen wollte man einen „Anti-US-Wind“ heraufbeschwören. Dass hier viel Show im Spiel war, zeigte sich nach der Rede: Ob sie planen würden, in den USA zu studieren, hätte man von einigen der Fragensteller wissen wollen. Die Antwort: Ja! Natürlich!

Der chinesische Künstler Chen Danqing ist es, der bei dem Panel des Goethe-Instituts auf der Frankfurter Buchmesse an die Begebenheit aus den Neunzigerjahren erinnert. Wie steht es heute um Nationalismus und Patriotismus in der erwachenden Weltmacht China, der mittlerweile drittgrößten Wirtschaftsnation der Erde? Müssen sich andere Länder vor einem chinesischen Nationalismus fürchten? Um diese Fragen ging es bei der Diskussion.

Moderiert von Feng Xiahou – Germanist, Linguistik-Professor und Vorreiter des deutsch-chinesischen akademischen Austauschs – analysierten der chinesische Journalist Xu Zhiyuan und der Künstler Chen die Entwicklung in China.

Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann ergänzte, was Patriotismus im heutigen Deutschland bedeutet, und betonte den Wandel von Begriffen wie Nation und Identität: Durch die Auflösung der bipolaren Weltordnung und die rasante Zunahme der Weltbevölkerung, durch den Trend zu Megastädten, durch Migration und neue Kommunikationstechniken veränderten sich bestehende Gesellschaften sozial und kulturell, so Lehmann. „Neue Binnengrenzen und Parallelwelten modifizieren die nationalen Grenzlinien im Inneren.“

Opportunistischer Nationalismus?

Xu Zhiyuan wirkt wie der Prototyp eines jungen Intellektuellen. Als Journalist analysiert er den dramatischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozess in seiner Heimat und die internationalen Beziehungen Chinas: „Das Nationalbewusstsein der jüngeren Generation in China ist weitgehend von einer Identifizierungskrise geprägt, Geschichtsklitterung verstärkt dieses Gefühl. Das heutige China sieht äußerlich stark aus, innerlich ist es aber leicht verletzlich.“

Chen Danqing wird noch deutlicher: „Die nationalistischen Äußerungen von Chinesen in den letzten Jahren brauchen die Westler nicht zu ernst zu nehmen. Chinesen bekennen sich nie zu irgendeinem -ismus.“ Chen gehört zu den bekanntesten chinesischen Malern, Kultur- und Kunstkritikern. Er lebte lange in den USA und hat die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen. Im Jahr 2000 kehrte er nach China zurück.


Nationalismus und Patriotismus im Zeitalter der Globalisierung: Statement von Klaus-Dieter Lehmann

Für ihn sind Patriotismus, Nationalismus und eine „kollektive Hyperaktivität“ in China Folge der Besetzung und Unterdrückung seines Landes. Hinzu käme ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl aus der Zeit Mitte der fünfziger bis siebziger Jahre, als China abgeschottet und rückständig gewesen sei. „Die meisten Chinesen kennen den Zusammenhang zwischen Nation und Internationalität nicht. Als ideologische Alternative propagiert die Partei neuerdings den Nationalismus, den sie zusammen mit den Bürgern schürt.“

Die Chinesen seien keine Nation, die an einem Glauben festhält, sondern eine Nation der Flexibilität. Die Leistungen der Reform und Öffnung entstammten weder dem Patriotismus noch dem Nationalismus, sondern dem Opportunismus.

Und Deutschland?

Nach dem Nationalsozialismus war das Nationalbewusstsein lange Zeit zu Recht verpönt. Doch spätestens bei der Fußballweltmeisterschaft erlebten die Deutschen, fast zu ihrer eigenen Überraschung, einen fröhlichen und weltoffenen Patriotismus. Auch im Film, in der Literatur und in der Bildenden Kunst ist die Auseinandersetzung mit deutschen Themen in den letzten Jahren weit unbefangener als in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit.

Stillstand in Prozesse auflösen

Die Bedeutung von Nation und kultureller Identität habe sich durch die europäische Integration und durch die weltweiten Wanderungsbewegungen stark gewandelt, so Lehmann. Deutschland sei ein Mittelland mit vielen Nachbarn. Während früher kulturelle Identität als Abgrenzung und als Bedrohung von den Nachbarn empfunden worden sei, stehe sie heute für Dialogfähigkeit und Bereicherung. Das europäische Projekt bringe wiederum eine neue Qualität: Die Nationalstaaten blieben zwar als konstitutives Element in der Europäischen Union bestehen, aber es entwickelten sich neue Zuständigkeiten und transnationale zivilgesellschaftliche Beziehungen. „Das europäische Projekt ist ein Prozess des Wandels.“

Deutschland sei inzwischen auch ein Einwanderungsland geworden, so der Präsident des Goethe-Instituts. „Hier muss die Integrationsfähigkeit noch verbessert werden, aber es gibt längst Schriftsteller, Musiker, Filmemacher und Künstler nichtdeutscher Herkunft, die sich ganz selbstverständlich als Teil der deutschen Kultur betrachten. Unser Zusammenleben ist eine kulturelle Leistung. Nationen werden nur Bestand haben, wenn sie sich nicht verschließen.“

Im Hinblick auf das Goethe-Institut resümiert Lehmann: „Mir ist klar, dass ein Kulturdialog nicht ausreicht, um Vorurteile oder Abgrenzungstendenzen zu überwinden, ohne ihn geht es aber auf keinen Fall. Er kann helfen, fixierten Positionen kreative Alternativen gegenüber zu stellen, Stillstand in Prozesse aufzulösen oder selbstkritisch gegenüber sich selbst zu sein.“

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