Goethe aktuell

Nationalismus und Patriotismus im Zeitalter der Globalisierung

Von Klaus-Dieter Lehmann

Die Deutschen sind geübt in Grundsatzdebatten, die ihr Verhältnis zu Nation, Kulturnation, Patriotismus, Leitkultur oder Identität betreffen. In der Regel wurden oder werden diese Begriffe häufig als Reizworte im öffentlichen Diskurs behandelt, in hartem pro und contra.

Das ist nicht verwunderlich, denn unsere Gesellschaft in Deutschland hat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine tief greifende Entwicklung durchlebt.

  • Es galt die Kontaminierung fast aller Lebensbereiche durch den Nationalsozialismus zu reflektieren und aufzuarbeiten,
  • Es galt die Demokratie zu leben und sie immer wieder in Konfliktsituationen kraftvoll zu bestätigen,
  • Es galt die Wiedervereinigung als große Chance zu begreifen,
  • Es galt die Position Deutschlands in der Welt als ein Land bewusst zu machen, das keine Kultur des Vergessens betreibt.
Die Deutschen steckten in einer Vergangenheitsfalle, die nicht nur die Geschichte des 20. Jahrhunderts lange tabuisierte, sondern auch die historische Dimension davor. Ein viel beachtetes Buch von Hans Belting in den 90er Jahren trug deshalb nicht ohne Grund den Titel „Die Identität im Zweifel“.

Es musste viel aufgearbeitet werden, um diese schwergewichtigen Phänomene zu erkennen und durch Prozesse der Emanzipation als Teil des kollektiven Gedächtnisses zur Verfügung zu haben.

Deutschland wird als „verspätete Nation“ bezeichnet. Nicht ohne Grund. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war es ein Verbund von kleineren und größeren Staaten. Im Treppenhaus der Nationalgalerie Berlin sitzen der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV. und der König von Bayern, Ludwig I., als Künstlerkönige einer Kulturnation, die es als Nationalstaat noch nicht gab. Die großen vaterländischen Sammlungen erhoben den Anspruch auf einen deutschen Patriotismus. Erst mit der Reichsgründung 1871 gab es ein Deutsches Reich mit Berlin als Hauptstadt. Damit fand sich Deutschland mit seiner neuen Hauptstadt in einem Koordinatensystem wieder, dessen Orientierungspunkte die großen Hauptstädte des Kontinents waren, vorab London und Paris. Es begann eine Aufholjagd im Wettlauf der Nationen, an deren Ende die Katastrophe des Ersten Weltkrieg stand.

Heute ist Deutschland wieder ein föderaler Staat. Das ist für den Begriff der Nation nicht unwichtig, denn Nationalismus wird häufig gleich gesetzt mit Zentralismus als Organisationsform.

Deutschland ist außerdem ein Mittelland mit vielen Nachbarn. Während früher kulturelle Identität als Abgrenzung und als Bedrohung bei den Nachbarn empfunden wurde, steht sie heute für Dialogfähigkeit und Bereicherung. Das europäische Projekt bringt wiederum eine neue Qualität für uns, denn die Nationalstaaten bleiben zwar als konstitutives Element in der Europäischen Union bestehen, aber es entwickeln sich neue Zuständigkeiten und transnationale zivilgesellschaftliche Beziehungen. Das europäische Projekt ist ein Prozess des Wandels.

Deutschland ist inzwischen auch ein Einwanderungsland geworden. Hier muss die Integrationsfähigkeit noch verbessert werden, aber es gibt längst Schriftsteller, Musiker, Filmemacher und Künstler nichtdeutscher Herkunft, die sich ganz selbstverständlich als Teil der deutschen Kultur betrachten. Zehra Cirak, György Dalos, Feridun Zaimoglu und viele andere. Unser Zusammenleben ist eine kulturelle Leistung. Deshalb werden Nationen nur Bestand haben, wenn sie sich nicht verschließen und keine egoistische Anspruchshaltung einnehmen.

Die bipolare Welt hat sich aufgelöst. Neue Beziehungsmuster bilden sich aus. Die Zahl der Weltbevölkerung wird bis 2020 wieder um eine Milliarde Menschen zunehmen. Der Trend zu den Megastädten setzt sich fort. Die neuen Kommunikationstechniken schaffen wirkmächtig neue Verbindungen. Weltweit wird sich die Migration verstärken. Dadurch werden sich bestehende Gesellschaften sozial und kulturell verändern. Neue Binnengrenzen und Parallelwelten modifizieren die nationalen Grenzlinien im Inneren.

Vielleicht sollten wir den Fußballern und ihren Fans dankbar sein, die im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland durch ihr Verhalten die Ansichten über Deutschland fast ins Gegenteil verkehrt haben. Man war nicht nur erfreut, man war auch verwundert und überrascht, dass die alten Klischees von Nationalismus nicht mehr bedient wurden sondern sich ein heiteres, friedliches und weltoffenes Deutschland zeigte. Dass es kein Einzelereignis war zeigten erneut die Weltmeisterschaften in der Leichtathletik 2009.

Mir ist klar, dass ein Kulturdialog nicht ausreicht, um Vorurteile oder Abgrenzungstendenzen zu überwinden, ohne ihn geht es auf keinen Fall. Er kann helfen, fixierten Positionen kreative Alternativen gegenüber zu stellen, Stillstand in Prozesse aufzulösen oder selbstkritisch gegenüber sich selbst zu sein, in Kenntnis der Eigenständigkeit des Anderen.

Statement beim chinesisch-deutschen Gesprächsforum auf der Frankfurter Buchmesse am 14. Oktober 2009

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