Goethe aktuell

„Nathan“ als Filmkonzert: So klingt die Ringparabel auf dem Oud

Filmmuseum MünchenCopyright: Filmmuseum München
Szene aus „Nathan“, dem Klassiker (Foto: Filmmuseum München)

26. Oktober 2009

Ein Comeback der besonderen Art: Aufwendig instandgesetzt und stimmungsvoll koloriert, kommt der Stummfilmklassiker Nathan der Weise in München zurück auf die Leinwand. Stumm? Von wegen! Von Katrin Hillgruber

„Hebet die Hände nicht auf zur Gewalt!“ ruft ein noch dunkelbärtiger Nathan den Aggressoren entgegen. Doch zu spät, das Haus mit dem Davidstern geht in Flammen auf und mit ihm Nathans Frau und seine sieben Kinder. Das Bundesjugendorchester unter Leitung von Frank Strobel schwingt sich zum Fortissimo auf, die Leinwand färbt sich karminrot: Schon im Prolog des Filmkonzerts Nathan der Weise sind Film, Orchester und Publikum eins geworden. Manfred Noas Verfilmung von Lessings Versdrama Nathan der Weise erlebt ihre Wiederauferstehung dank einer kongenialen Neuinterpretation.

Am 29. Dezember 1922 feierte der „Film der Humanität“, eine Produktion der jungen Bavaria AG Premiere – im Berliner Kino Alhambra, nicht in München, wo antisemitische Umtriebe die Uraufführung vereitelt hatten. 1996 entdeckte das Münchner Filmmuseum in der Moskauer Gosfilmofond-Sammlung eine verschollen geglaubte Kopie mit dem Titel Die Erstürmung Jerusalems.

Erich Wagowski produzierte das Werk mit unzähligen orientalisch gewandeten Statisten sowie Pfauen, Eseln und Kamelen auf dem Gelände der Bavaria – in sechs Akten (in Ephraim Lessings Drama aus dem Jahr 1779 waren es nur fünf). Jetzt wurde es aufwendig instandgesetzt und dezent, aber stimmungsvoll koloriert. In grüner Frakturschrift auf schwarzem Grund erstrahlen die aus Lessings Jamben adaptierten Zwischentitel, neben dem dezenten Bavaria-Signet, einem Kreis mit Eule, hinter der sich ein Filmstreifen bewegt.

Der Regisseur plazierte den berühmten Werner Krauss als Nathan, Fritz Greiner als Sultan Saladin, Carl de Vogt als jungen Tempelherrn, der sich in Nathans christliche Adoptivtochter Recha (Bella Muzsnay) verliebt und in der Schlussszene erkennen muss, dass es sich um seine Schwester handelt, sowie viele andere Stummfilm-Größen in ein morgenländisches Dekor. Dieses verriet Manfred Noas an klassischer Malerei geschultes Auge. Die Filmbauten wie der Sultanspalast folgen der Formgebung des Jugendstils. Der – wie das gesamte Ensemble – expressiv geschminkte Sultan trägt zu seinem imposanten Turban lange Perlmuttohrringe.

Orientalische Volten

Doch erst jetzt, knapp 87 Jahre nach der Uraufführung, erreicht die einzige filmische Adaption von Lessings „Nathan“ jene Dimension, die seine universelle Gültigkeit ausmacht. Das ist das Verdienst des libanesisch-deutschen Komponisten Rabih Abou-Khalil und seiner ingeniösen Filmmusik. Gefördert wurde das Projekt vom Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut und dem Münchner Kulturreferat.

Gemeinsam mit Michel Godard am Serpent, einem Vorläufer der Tuba, und dem amerikanischen Percussionisten Jarrod Gagwin formierte Rabih Abou-Khalil am Oud, der orientalischen Kurzhals-Laute, ein für mitteleuropäische Ohren ungewöhnliches Trio. Bei der Interpretation der Stummfilmszenen wagten sich die drei immer wieder mit orientalischen Volten vor. Abou-Khalil, der 1978 vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach München flüchtete, gilt als idealtypischer Vermittler der nahöstlichen und westlichen Musikwelt.

Im ersten Akt des Films wird der „fanatische Krieg der Völker des Morgen- und des Abendlands“ dargestellt: Über die gelbliche Leinwand preschen die Kreuzritter hoch zu Ross, in Jerusalem geht bei Muslimen und Juden die Angst um. Abou-Khalil interpretiert diese Gefühle mit arabischen Klangfolgen, er interpretiert den Rhythmus der „deutschen“ Filmhandlung mit einem instinktiv orientalischen Gegenrhythmus.

Aktuelle Erkenntnis

Als Werner Krauss zur Erzählung der Ringparabel ansetzt, dem ideellen Nukleus des Stücks, nimmt sich die Musik ganz zurück, um volle Konzentration zu ermöglichen: Welcher der drei Ringe hat die Kraft, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen? Was für die drei Ringe gilt, gelte auch für die drei abrahamischen Religionen.

In den politischen Wirren der Weimarer Republik fand die Botschaft der Ringparabel nur schwer Gehör, durch den Nationalsozialismus geriet Manfred Noas Filmklassiker gänzlich in Vergessenheit. In der Schlussszene umarmt der vom Sultan begnadigte Nathan seine christlichen Adoptivkinder. Aladin wiederum erteilt seinen Erzfeinden die Erlaubnis, das Grab ihres Heilandes zum ewigen Wallfahrtsort zu machen.

Die Toleranz und der Großmut des Nathan: Von Manfred Noa wurden sie einst ins Bild gesetzt und nun von Rabih Abou-Khalil und seinen Mitstreitern so vertont, dass sich das Prädikat „filmmusikalische Toleranzinitiative“ wie von selbst mit Leben erfüllte. Strobel und dem Bundesjugendorchester sind noch viele Aufführungen zu wünschen – auch und gerade im Nahen Osten, der Heimat des Nathan.

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