Goethe aktuell

Berlin: Die Mauer ist zurück

Brigitte Hiss Copyright: Brigitte Hiss
Zurückgekehrte Mauersteine: „In China ist das Jahr 1989 tabu“ (Foto: Brigitte Hiss)

30. Oktober 2009

2,5 Meter hoch und 20 Kilo schwer sind die 30 Mauersteine, die das Goethe-Institut vor einem halben Jahr auf eine ungewisse Reise um die Welt geschickt hat. Zwischen den zurückgekehrten Steinen wurde nun in Berlin bilanziert – mit zum Teil unerwarteten Ergebnissen. Von Johannes Schneider

Nein, eine Mauer ist das nicht. Wie sich die acht ausgestellten Steine der Mauerreise in den Räumen der Stiftung Haus der Geschichte in der Berliner Kulturbrauerei verteilen, hat das nicht die Bedrohlichkeit eines Trennwalls. Es fehlt das Monolithische. Indem sie nicht zu einer Mauer zusammengefügt sind, wird den Styroporsteinen, die im Rahmen des Mauerreise-Projekts des Goethe-Instituts in verschiedenen Ländern der Welt gestaltet worden sind, ihre Bedrohlichkeit genommen. Die Gesamtaussage scheint optimistisch: Jede Mauer kann Risse bekommen, Brüche gar.

Die Gestaltung der einzelnen aus Styropor gefertigten Steine spricht jedoch eine andere Sprache, ist deutlich beklemmender: Eine palästinensische Schulklasse hat ein Mauerelement im Stil des „Zauns“ zwischen Israel und dem Westjordanland gestaltet, Stacheldraht inklusive. Ein mexikanisches Künstlerkollektiv nimmt in sein assoziatives Werk über physische und soziale Grenzen in Mexiko den „Todeszug“ auf, der die Armen Südmexikos an die amerikanische Grenze fährt. Die jemenitische Künstlerin Reema Quasim macht die immer rigidere Verschleierung im einst säkularisierten Süden des Landes zum Thema, indem sie auf den von ihr gestalteten Stein mit Farbe und Lack einen Schleier aufbringt. Sie alle erzählen Geschichten aus einer Welt, in der eben noch nicht alles gut ist.

Eine Flaschenpost aus Berlin in die Welt

Dass dieser in jeder Hinsicht brüchige Eindruck Teil des Konzepts des Mauerreise-Projekts ist, das berichtet sein Initiator Michael Jeismann, Leiter des Hauptstadtbüros des Goethe-Instituts. Eine „Flaschenpost in die Welt“ habe man senden wollen, sagt Jeismann bei einer Podiumsdiskussion bei der Stiftung Haus der Geschichte – um mit dieser Flaschenpost Erfahrungen aus jenen Ländern einzuholen, „die selbst eine Teilungs- oder Wiedervereinigungsproblematik haben“.

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Klausmeier und Jeismann: „Die Mauern führen uns zusammen“ (Foto: Brigitte Hiss)
Die engagierte Resonanz rund um die Welt hat Jeismann beeindruckt: „Als Historiker denkt man ja immer, man weiß schon alles. Aber ich war im Wortsinn erstaunt darüber, wie sehr der Kalte Krieg um die Welt gefasst hat und immer noch fasst.“ Viele Grenzen seien nach wie vor manifest; anderswo, zum Beispiel im Jemen habe sich die Gesellschaft infolge der Wiedervereinigung dramatisch verändert, was auch zunehmend zu einer Unterdrückung der Frau geführt habe.

Indes: Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal der Berliner Mauer tragen alle diese Grenzziehungen nicht, wie Jeismanns Mitdiskutant Axel Klausmeier, Direktor der Berliner Mauergedenkstätte, sagt: „Wir hatten es im Falle der Berliner Mauer mit dem Werk einer kommunistischen Diktatur zu tun, das sich ganz allein nach innen wandte“, betonte Klausmeier die „Unvergleichbarkeit“ der deutschen Teilungsanlage.

Hammer und Meißel

Die Gefahr, diese Dimension zu verkennen, habe ihn bei der Einladung von Goethe-Institut und Stiftung Haus der Geschichte auch zunächst ein bisschen zögern lassen. Was Klausmeier letztendlich überzeugte, war die Bewegung der „Mauerreise“ „aus Berlin ins Unvergleichbare“; ein Szenario, das den Ausgangspunkt der Aktion, die historisch einmalige Teilung der Stadt Berlin, immer mitdenke.

Das zeigt auch der Blick auf die zentralen Ausstellungsgegenstände des Abends: drei Mauerstücke, gestaltet von den chinesischen Künstlern Zhang Xiaogang, Wang Guangyi und Huang Rui. Speziell Wang Guangyis Mauerstück bezieht sich unverhohlen auf die deutsche Mauergeschichte, zeigt es doch einen Kulturrevolutionär, der sich mit Hammer und Meißel an der Kuppe der Berliner Mauer zu schaffen macht. Auf rotem Grund stehen immer wieder die Jahreszahlen 1961 und 1989 zu lesen.

„Das bestreitet nicht die Einzigartigkeit der Deutschen Mauer, sondern zeigt, welchen Referenzwert sie heute noch hat“, so Jeismann. Die politische Aktualität der Mauerreise sei gerade in China mehr als greifbar: Eine chinesische Journalistin, die über die Aktion berichten wollte, habe erfahre müssen, „dass die Jahreszahl 1989 in China tabu ist“. Eine Tatsache, die für Jeismann noch einmal mehr zeigt, dass es richtig war, China in den Tourplan der Mauerreise aufgenommen zu haben.

Wandlung der Mauer zum Freiheitssymbol

Diese Tour findet nun allmählich ein Ende: Eine Ausstellung von neun Steinen schloss am Wochenende in Berlin, am 9. November werden die Steine im Rahmen des Fests der Freiheit Teil der Domino-Installation entlang der Mauerlinie in Berlin sein, danach finden einige in der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn ihren Platz. Walter Hütter, Präsident des Hauses der Geschichte und Gastgeber der Diskussion, begrüßt das neue Signal: „Als wir in den Neunzigern Teile der echten Mauer in Bonn präsentiert haben, war für uns völlig klar, dass wir sie als geschlossene Mauer präsentieren.“

Die Exponate aus der Mauerreise könnten hier einen Kontrapunkt setzen, findet Hütter: „Wie wir früher über Mauern geredet haben, hatte es etwas Trennendes. Heute führen sie uns zusammen.“ Und Jeismann fügt hinzu: „Diese Wandlung der Mauer zum Freiheitssymbol haben die chinesischen Künstler aufgegriffen.“ Daher seien gerade die Werke der Chinesen in ihrem „provozierenden Gegenwartsbezug“ auch besonderer Ansporn, die eigene Freiheit jederzeit prüfend zu hinterfragen.
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