Goethe aktuell

Kurzfilmwettbewerb: Warten, bis der Regen fällt

Copyright: Ester Amrami
Szene aus „Hajoreh - der erste Regen“ (Foto: Ester Amrami)

3. November 2009

Einen Sendemast erklimmen; über einen unterirdischen Fluchtweg der Kindergarten-Kantine entkommen; ein Haus in Ostberlin besetzen: Schritte über Grenzen gibt es viele. Junge Filmemacher blicken im Jahr 20 nach dem Mauerfall auf Grenzüberschreitungen – 1939, 1989 und heute. Eine kleine Filmschau. Von Verena Hütter

Noa wartet auf den Regen. Dieser wird, so hofft das Mädchen, alles anders werden lassen. Er wird den Pflanzen und Tieren in Kfar Saba, einer kleinen Stadt in Israel, guttun, und er wird ihre Familie wieder zusammenbringen. Doch bevor die ersten Tropfen fallen, fällt die Berliner Mauer; es ist November 1989, Noas Familie verfolgt das Geschehen am Fernsehschirm. Tatsächlich verändert das Ereignis im fernen Deutschland auch das Leben von Noa und ihrer Familie in Israel.

Die Filmemacherin Ester Amrami, die in Hajoreh – Der erste Regen von Noa und ihrer Familie erzählt, ist eine Preisträgerin des dritten Internationalen Kurzfilmwettbewerbs, den die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und das Goethe-Institut im vergangenen Jahr ausgeschrieben haben. Über „Grenzüberschreitungen“, kleine und große, politische und familiäre, berichten junge Filmemacher aus elf Ländern: aus Belarus, Deutschland, Estland, Israel, Lettland, Litauen, Polen, Russland, Tschechien, der Ukraine und den USA.

Eine Jury wählte aus 335 eingegangenen Exposés 33 Film-Ideen aus, die als Kurzfilme realisiert wurden. Insgesamt 19 Filme wurden mit Preisen bedacht, davon neun mit ersten Preisen. Die jungen Filmemacher waren aufgerufen, sich aus ihrer Perspektive im Jahr 2009 mit zweierlei prägenden Grenzüberschreitungen der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 markiert dabei eine erste, eine gewaltsame Grenzüberschreitung. Eine zweite steckt das Jahr 1989 ab, räumt das Wendejahr doch friedlich mit den Grenzziehungen des Kalten Krieges auf und ist so Symbol für scheinbar grenzenlose Freiheit.

In Hajoreh – Der erste Regen von Ester Amrami, die an der Filmhochschule Potsdam studiert, endet der lange Sommer 1989 mit der ersehnten Versöhnung ihrer Eltern, die gemeinsam den Mauerfall im Fernsehen verfolgen – eine Grenzüberschreitung mit Happy End.

Wie viele Grenzen kann man auf ganz engem Raum überschreiten?

Viele der Beiträge beschränken sich nicht auf das, was in der Vergangenheit geschah. Sie loten Grenzziehungen der unmittelbaren Gegenwart aus. Einen Fokus auf das Jahr 2009 legt etwa die israelische Filmemacherin Hilla Lavie in ihrem Film Friedrichshain. Sie erzählt darin von dem hippen Berliner Stadtviertel im Ostteil der Stadt. Hilla Lavie holt die dramatischen Veränderungen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg von der großen politischen Bühne in ein kleines Stadtviertel. In ihrer Geschichte eines besetzten Hauses kommen heutige und ehemalige Bewohner zu Wort. Sie berichten über ihren Kampf gegen die Räumung ihres Hauses, von Neonazis als Nachbarn, Demos und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Berliner Polizei.

Zum Teil stießen die jungen Filmemacher bei ihrer Recherche auf ausgefallene Wege der Grenzüberschreitung – reale und fiktive. So ist in dem polnischen Kurzfilm Der Kapellmeister von Justyna Calinska und Beata Calinska die Musik Mittel zur Grenzüberschreitung, in Vergissmeinnicht der lettischen Regisseurin Inga Zinovjeva das Erklimmen eines Sendemastes. In dem animierten Kurzfilm Die Flucht des estländischen Regisseurs Kristjan Holm befreit sich ein Junge im Kindergarten mithilfe eines Tricks in letzter Sekunde aus einer schier ausweglosen Situation: Er muss nachsitzen – solange, bis er seinen Frühstücksbrei aufgegessen hat und fühlt sich wie ein Sträfling, bis er in größter Bedrängnis isst und isst und isst – und sich, einem Wattwurm gleich, die Freiheit erknabbert.

70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hatten die Veranstalter des Wettbewerbs ein erklärtes Ziel: eine Diskussion darüber anzuregen, welche Gefahren es birgt, eine Grenze zu überschreiten; aber auch, welche Chancen sich demjenigen bieten, der es wagt. So wie in Noas Fall.


Die Preise werden am 3. November 2009 im Rahmen der Eröffnung des Berliner Interfilm-Festivals im Haus der Kulturen der Welt vergeben. Am 5. und 6. November dann kommen die preisgekrönten Filme in ihrer Deutschlandpremiere auf die Leinwand der Berliner Festival-Kinos.

5. November 2009, ab 18:30 Uhr, Zeughauskino
6. November 2009, ab 16:00 Uhr, Babylon – Kino 2
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten