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To4ka-Wettbewerb: Was nicht in Geschichtsbüchern steht

Christine PaechnatzCopyright: Christine Paechnatz
Aufregend: Die erste Barbie aus dem Westen (Foto: Christine Paechnatz)

13. November 2009

Eine Barbie fürs Puppenhaus, rosafarbener Minirock statt Schuluniform ... es sind einfache und persönliche Geschichten, an die junge Menschen denken. Für den Wettbewerb 89 – war da was? haben sich deutsche und russische Jugendliche erinnert. Jetzt steht der Gewinner fest: Avas Taschchodjajew hat mit einem Video über das Schicksal seiner Eltern die Jury überzeugt. Von Julia Amberger

Ein Mann im Anzug führt seine Braut durch einen Park. Ihre Augen sind von einem Schleier verdeckt. Um nicht zu stolpern, hebt sie ihren Rock mit den Fingerspitzen an. In den Armen trägt die frisch Vermählte rote Lilien, er hält einen Strauß roter Nelken in den Händen. Vor einem Stein beugt sich das junge Paar nach vorne, um die Blumen niederzulegen. Die Blumen niederzulegen, der Moment wirkt fast wie eine Beerdigung – so gegensätzlich wie die Gedanken, die der Film weckt, ist auch das, was der 17-jährige Student Avas Taschchodjajew aus der Ukraine mit dem Jahr der Wende verbindet. In einem Videobeitrag erzählt er die Liebesgeschichte seiner Eltern und gewinnt den Wettbewerb 89 – war da was?, ein Projekt des deutsch-russischen Jugendportals to4ka Treff.

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Ziel dieses Wettbewerbs ist es nicht, das zu rekapitulieren, was in den Geschichtsbüchern steht. Es geht um persönliche Erfahrungen junger Menschen in Russland und Deutschland oder um Geschichten, an die sie denken, wenn sie die Jahreszahl 1989 hören. Für Avas ist 1989 das Jahr, in dem sich seine Eltern kennengelernt haben. Sie heirateten und Avas kam zur Welt. Doch neun Jahre später, 1998, zerstörte ein Autounfall das Familienglück, sein Vater starb. Früher wollte Avas werden wie er, das Leben seines Vaters weiterführen. Doch jetzt begreift er, dass jedes Schicksal einzigartig ist. Sein Fazit: „Es bleibt nichts anderes übrig, als den Eltern würdig zu sein.“ In Avas Erinnerungen leben sie beide weiter; mit Fotos, die das Familienglück dokumentieren, endet sein Beitrag.

Szenenwechsel. Schulalltag in der UdSSR. Mädchen in dunkelbraunen Kleidern mit weißen und schwarzen Schürzen schreiben auf der Schulbank. Ihr innigster Wunsch: mit einem knallrosa Minirock aus dem „märchenhaften Land Polen“ vor die Klasse zu treten. An einem klaren Wintertag, zur halbjährlichen Schulversammlung, wird dieser Traum wahr: Die Schuldirektorin hebt die Uniformpflicht auf. Karina Geipel beschreibt in ihrer Geschichte die Erlebnisse ihrer Mutter, die auch sie mit dem Jahr 1989 assoziiert. An schlafen war nicht zu denken, als Christine Paechnatz am 11. November 1989, früh am Morgen, mit ihren Eltern in den Westen gefahren ist, statt in die Schule zu gehen. Schließlich sollte ihr Traum in Erfüllung gehen: eine Barbie mit rosafarbenem Glitzerkleid. Wenn Marina Gubina die Jahreszahl 1989 liest, denkt sie an das Ende des Afghanistankrieges. Dort hat ein Bekannter ihrer Mutter an der Front gekämpft, oft hat Marina seine Erfahrungen erzählt bekommen. 2003 erlag der Soldat seinen Kriegsverletzungen. „Wahrscheinlich kann diese Geschichte das Jahr 1989 bei mir nur mit Afghanistan verbinden“, schreibt sie.

In über 70 Videos, Fotos und Texten erzählen Jugendliche aus Deutschland und Russland ihre Geschichte. Anfang November hat eine sechsköpfige Jury, bestehend aus den to4ka-Projektkoordinatorinnen Anastasia Gorochowa und Daniela Hannemann, Vertretern des Goethe Instituts Moskau, sowie zwei externen Beratern, die Haupt- und Nebenpreise vergeben. Mit seinem Video hat Avas die Jury gerührt. Beeindruckt von der Aufarbeitung des tragischen Schicksals seiner Eltern hat sie ihm den Hauptpreis verliehen, einen Sprachkurs in Deutschland. Wenn man ihn über seine Eltern erzählen hört, die Bilder der Hochzeit sieht, wird deutlich, dass für ihn 1989 eine eigene Bedeutung trägt – eine sehr persönliche, die in seinen Gedanken weiterlebt, wenn er das Geschichtsbuch schließt.
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