Goethe aktuell

Ludlow 38: Szenekunst neben der Garküche

Sebastian MollCopyright: Sebastian Moll
Heiland des Anti-Establishments: Hauswand in der Ludlow Street (Foto: Sebastian Moll)

3. Dezember 2009

In einem winzigen Laden in einem Wohnhaus der Lower East Side befindet sich der derzeit größte Stolz des New Yorker Goethe-Instituts: der Projektraum Ludlow 38. Fernab des Institutssitzes am Central Park und des Kunstdistrikts Chelsea wird hier ein lebendiger Gegenentwurf praktiziert. Von Sebastian Moll

Es ist zehn Uhr an einem Mittwochmorgen, und die Ludlow Street ist noch nass von der städtischen Straßenreinigung, die sich gerade durch die enge Gasse auf der New Yorker Lower East Side geschlängelt hat. Aus den Suppentöpfen der Yian Ying Food Products weht schon der Duft von Ingwer und Koriander auf die Straße, an der Ecke diskutiert ein hassidischer Jude wild gestikulierend mit einem alten Chinesen. Tobias Maier schiebt das Rollgitter zur Nummer 38 hoch, einem winzigen Laden im Parterre eines klassischen „Tenement-Buildings“ – einer jener Mietskasernen, in denen einst die vorwiegend osteuropäischen Einwanderer der Lower East Side dicht gedrängt hausten.

Die Bestimmung des bestenfalls zweieinhalb Meter breiten Raumes ist auf den ersten Blick ebenso obskur, wie die der vielen chinesischen Ladenfronten der Gegend, in denen von außen oft nur ein Tisch und ein paar Stühle zu sehen sind. Praktisch von der Schwelle weg führt eine Treppe zu einer Empore hinauf und versperrt den Blick auf den hinteren Teil des Raumes, der eigentlichen Galerie. Ein Ausstattungs-Feature, auf das Tobias Maier besonders stolz ist: „Es zwingt die Künstler, sich mit den besonderen Gegebenheiten hier auseinanderzusetzen“, sagt der Kurator von Ludlow 38, dem neuen Kunstraum des Goethe-Instituts in New York.

Die Treppe war eine Idee der beiden Künstler Ethan Breckenridge und Liam Gillick und sie stellt einen radikalen Gegenentwurf zu den normierten White Boxes der Galerien im kommerziellen Kunst-Distrikt Chelsea dar. So, wie insgesamt die Kunstszene der Lower East Side, wohin das Goethe-Institut seit dem vergangenen Jahr den Schwerpunkt seiner Kulturveranstaltungen verlagert hat, einen Gegenentwurf zu Chelsea darstellt.

Wo sich einst das Anti-Establishment etablierte

Schon in den Achtzigerjahren, als die Lower East Side noch ein Mix aus den Überresten des Shtetl-Lebens, der rasch wachsenden Chinatown und einer ebenso rasch wachsenden Punk-Szene war, siedelten sich hier Kunstinitiativen an, die dezidiert Anti-Establishment waren. Künstler wie Keith Haring, Sol LeWitt und Cy Twombly waren die Pioniere, sie lebten und arbeiteten auf der Lower East Side, stellten bei halbprivaten Events für Freunde aus und feierten zusammen. Anarchische Kunst-Kollektive wie das noch immer hier ansässige „ABC No Rio“ starteten Aktionen wie die ikonisch gewordenen „Not For Sale“-Graffitis, die damals in der ganzen Stadt auftauchten.

Copyright: Maier, Moll, Lueders Fotostrecke: Ab in die Szene!


Seither hat sich einiges verändert auf der Lower East Side. Die sich ausbreitende Clubszene dominiert die Gegend und mit ihr eine neue Generation von Bohemiens, denen es mehr um die Partys geht, als um Kunst oder Protest. Zu den alternativen Kunstinitiativen sind zunehmend Galerien gekommen, die sich kaum mehr von denen in Chelsea unterscheiden. Und mit dem Einzug des New Museum of Contemporary Art auf der Bowery Street im vergangenen Jahr ist die Lower East Side endgültig offiziell zur Kunstdestination geworden.

Doch trotz der fortscheitenden Gentrifizierung ist die Lower East Side noch immer anders. Wenn man durch Chelsea läuft, hat man das Gefühl, durch ein riesiges Kunstkaufhaus zu flanieren: Eine Galerie reiht sich an die andere, der Kunstbetrieb hat alles übrige Leben verdrängt. Die Lower East Side hingegen ist noch immer ein gewachsener Kiez. Man muss die Galerien oft zwischen den Kneipen und den chinesischen Garküchen suchen.

„Nicht einfach Bilder an die Wand hängen“

So erinnert sich Stephan Wackwitz, Programmdirektor des New Yorker Goethe-Instituts, amüsiert daran, wie er mit einer alten chinesischen Frau im Hinterzimmer eines Wettbüros über die Anmietung von Ludlow 38 verhandelte: „Ich habe versucht ihr etwas von unserem kulturellen Auftrag zu erzählen. Ich glaube, sie hatte keine Ahnung, wovon ich rede.“

Auch die Art und Weise, wie Kunst gemacht und präsentiert wird, unterscheidet sich an der Lower East noch immer vom etablierten Kunstbetrieb. Man fühlt sich weiterhin der nicht kommerziellen Konzeptkunst verpflichtet, für die berühmt gewordene Initiativen wie Orchard, Participant Inc. oder Reena Spaulding stehen. „Man kann an der Lower East Side nicht einfach Bilder an die Wand hängen“, sagt Fabienne Stephan, Direktorin von Salon94, einer Galerie in der Freeman Alley. „Es geht hier um Ideen und auch um Kooperation und Austausch, anstatt nur um Profit und Wettbewerb.“

Ludlow 38 fügt sich trefflich in dieses Biotop. Der Raum sieht sich in der Tradition der deutschen Kunsthallen und Kunstvereine – jenem Gedanken der künstlerischen Selbstverwaltung und des Bürgerpatronats, der auch viele der Initiativen an der Lower East Side inspiriert hat. Nicht zufällig wurde Ludlow 38 in seinem ersten Jahr in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein München und nun mit der Europakunsthalle Köln betreut.

Tee mit Rosa von Praunheim

„Wir sehen die Räume mehr als eine strukturelle Vertretung deutscher Kultur, als eine wörtliche“, erklärt deshalb auch Stephan Wackwitz. So zeigte Ludlow 38 zuletzt Július Koller und Jirí Kovanda, zwei Konzeptkünstler aus der Tschechoslowakei der Siebzigerjahre, die in den USA bislang noch weitgehend unbekannt waren, und danach Lili Dujourie und Ion Grigorescu, einen Belgier und einen Rumänen, ebenfalls neu auf der New Yorker Bühne.

Es geht weniger darum, so wie es das Goethe-Institut in seinem New Yorker Stammsitz gegenüber des Metropolitan Museum häufig getan hat, Amerikanern deutsche Hochkultur nahezubringen, als vielmehr darum, mit einer deutschen Philosophie der Kunstverbreitung in der New Yorker Szene Akzente zu setzen.

Mindestens ebenso wichtig wie die Ausstellungen sind Wackwitz und Maier jedoch die Events im Ludlow 38 sowie im Wyoming-Gebäude, nur zehn Fußminuten von hier entfernt an der Bowery gelegen – wie etwa in letzter Zeit eine „Tea Time“ mit Rosa von Praunheim oder ein Gespräch mit der Choreographin Nejla Yatkin über ihre Arbeit zum 20. Jubiläum des Mauerfalls. Schließlich ist die Kombination von Kunst, Debatte und Social Life noch immer das, was das kulturelle Leben des Viertels auszeichnet: „Auf der Lower East Side geht das alles nahtlos ineinander über“, sagt Fabienne Stephan.

Die Multikultur aus ethnischen Wohnbezirken, Boheme und Nachtleben geht auf der Lower East Side mit der Kultur noch immer eine fruchtbare Symbiose ein. Und die Wirtschaftskrise, so hoffen Stephan und viele ihrer Kollegen hier unten, wird die stadtübliche Gentrifizierung und Sterilisierung des Viertels auch noch ein wenig hinauszögern. Es ist eine gute Zeit für das Goethe-Institut, hier zu sein.
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