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Deutsch-türkische Künstlerin im Interview: „Das Wort multikulturell mag ich nicht“

Cetin ÖzerCopyright: Cetin Özer
Künstlerin Ekici: „Wer einfach nur eine Kultur adaptiert, verliert seine Identität“ (Foto: Cetin Özer)

5. Dezember 2009

„Almancı“, „Deutschländer“, werden Deutschtürken in der Türkei genannt. Mit eben diesem Thema beschäftigt sich jetzt ein Festival in Ankara. Eröffnet wird es von Nezaket Ekici. Im Interview spricht die Berliner Künstlerin über ihre Kunst, Kreuzberg und eine strenge Erziehung.

Frau Ekici, was ist ein „Almancı“?

Ekici: Im ursprünglichen Sinne ist das Wort eigentlich ein Schimpfwort. Damit werden die Türken bezeichnet, die in Deutschland leben. Es bedeutet übersetzt „verdeutscht“ und ich habe das immer auch als ein wenig abwertend empfunden. Es hat so einen negativen Beigeschmack. Wenn man sich auf einen andere Kultur im Bewusstsein seiner Herkunft einlässt, kann man sehr viel gewinnen.

Wieso, glauben Sie, heißt dann das Festival in Ankara, das Sie am 7. Dezember eröffnen werden, „Almancı – Deutschländer!“?

Ich denke, die Veranstaltungsmacher benutzen den Titel auf eine ironische Weise. Sie wollen den Menschen in der Türkei einfach die Bandbreite zeigen, die wir Türken aus Deutschland haben. Sie wollen zeigen, was „verdeutscht“ eigentlich ist, was wir machen, wie wir leben. Mir persönlich ist es aber vor allem wichtig zu zeigen, dass wir nicht einfach die deutsche Kultur in uns aufnehmen und die türkische vergessen. Ich benutze – auch in meinen Arbeiten – beide Kulturen, um daraus etwas Neues zu erschaffen. Wer einfach nur eine Kultur adaptiert, verliert seine Identität.

Sie sind in der Türkei geboren und 1973 nach Deutschland gekommen ...

... genau. Mein Vater kam bereits 1970 als Gastarbeiter nach Duisburg, hatte dann aber drei Jahre später seine ursprüngliche Tätigkeit als Lehrer wiederaufnehmen können. Er unterrichtete an einer Schule – allerdings komplett auf Türkisch. Das war natürlich ein Fehler der Regierung, die Kinder türkischer Gastarbeiterfamilie nur in ihrer Muttersprache zu unterrichten. Das verhindert jede Integration. Das habe ich auch dem damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in einer Diskussionsrunde gesagt: Deutschland hat hier eine große Chance versäumt, und es bedarf nun großer Anstrengungen, die Fehler der Vergangenheit aufzuholen.

Copyright: Albrecht, Dammertz, Legrady Fotostrecke: Nezaket Ekicis Performances der letzten Jahre


War es schwierig für Sie, sich in Deutschland zu integrieren?

Anfänglich schon, ja. Meine Eltern sprachen nur sehr schlecht Deutsch, und ich habe es erst in der Schule gelernt. Oft bin ich auch auf Ausländerfeindlichkeit gestoßen. Zudem gab es in Duisburg so eine Art Kolonie von türkischen Familien. Wir lebten sehr abgeschottet, fast wie in einem türkischen Dorf. Mein Vater war zum Beispiel sehr liberal, aber das ganze Umfeld türkischer Familien veranlasste auch ihn, mich streng zu erziehen. Das mache ich auch in meinen Arbeiten immer wieder zum Thema.

Würden Sie Ihre Arbeiten als multikulturell bezeichnen?

Das Wort multikulturell mag ich überhaupt nicht.

Warum?

Das Wort wird einfach viel zu oft benutzt und hat immer diesen Beigeschmack von „Ausländer“. Ich finde, wir sind darüber längst hinweg. Ein Wort wie „international“ trifft es meiner Meinung nach viel mehr. Multi-Kulti – das klingt auch immer so nach Folklore. Natürlich sind folkloristische Elemente wichtig, aber wir dürfen nicht darauf sitzen bleiben. Die Aufgabe der zeitgenössischen Kunst ist es, mit diesen Elementen zwar zu arbeiten aber daraus etwas Neues zu schöpfen.

Die Ausstellung in Ankara trägt den Titel „Origin of Inspiration“. Was verrät uns das über Ihre Arbeit?

Ich möchte den Menschen in Ankara zeigen, wie meine Kunst entsteht. Ich habe prinzipiell drei Inspirationsquellen: meinen kulturellen Hintergrund, die Kunstgeschichte und das Arbeiten mit den jeweiligen architektonischen und örtlichen Gegebenheiten. Ich werde zwölf Arbeiten zeigen in Fotos und Videos und zudem werde ich eine Live-Performance machen. Am Tag nach der Eröffnung gibt es zudem ein Künstlergespräch. Ich möchte den Menschen so nahe wie möglich kommen.

Daher zeigen Sie auch Ihre Performance „Eye for Eye“? Die bringt sie ja in direkte Interaktion mit dem Publikum.

Genau. In der Performance hole ich Gäste auf eine Bühne, wir sitzen uns dann gegenüber und blicken uns in die Augen. Die Augen werden auf große Leinwände projiziert. Wie reagieren die Leute? Was passiert, wenn man Fremden unausweichlich in die Augen blicken muss? Das ist das Spannende und Intensive an der Arbeit, und ich freue mich darauf, sie zum ersten Mal in der Türkei zu zeigen. Ich habe diese neue Arbeit vor kurzem in Tbilissi und Madrid gezeigt, und die Reaktionen des Publikums waren sehr spannend.

Einer Ihrer Lebensmittelpunkte ist Berlin. Was fasziniert Sie an dieser Stadt?

Ich habe eine Wohnung in Kreuzberg, ein Bezirk, der voller Sprachen und Internationalitäten ist. Natürlich gibt es hier auch viele Türken. Das Umfeld empfinde ich als sehr speziell und inspirierend. Aber mir ist es wichtig, immer viel unterwegs zu sein. Mein Mann, übrigens Deutscher, wohnt zum Beispiel in Stuttgart. Ich verreise viel für meine Kunstprojekte. Vielleicht ist das auch eine Form des „Almancı“ – meine Heimat ist nirgendwo und doch überall!

Das Interview führte Lena de Boer

Nezaket Ekici wurde 1970 in Kirsehir in der Türkei geboren und kam als Dreijährige mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie wuchs in Duisburg auf. Heute lebt und arbeitet sie als Künstlerin in Berlin und Stuttgart. Ihre Werke werden weltweit gezeigt, immer eine Rolle spielt neben den Einflüssen der traditionellen Kunstgeschichte auch der kulturelle Hintergrund einer türkischen Einwanderer-Familie. Ihre doppelkulturelle Herkunft nutzt Ekici als Inspirationsquelle.
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