Goethe aktuell

Generalsekretär Knopp im Interview: „Von Mission haben wir genug“

Mary Ann Palmer Copyright: Mary Ann Palmer
Projekt „Cracking Walls“ in Johannesburg: „Enorme Symbolik“ (Foto: Per Morten Abrahamsen)

9. Dezember 2009

20 Jahre Mauerfall, 50 Jahre Präsenz in Indien, neue Institute und Ideen weltweit: Hans-Georg Knopp blickt auf ein Jahr der Jubiläen und Neubeginne zurück. Im Interview spricht der Generalsekretär des Goethe-Instituts über Erfolge, Schwierigkeiten, Pläne – und Max Müller.

Ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Knopp: Sehr positiv. Das Goethe-Institut hat ja mit dem Projekt Goethe 09 vor drei Jahren eine Reform begonnen. Diese ist jetzt in den Grundzügen abgeschlossen, und schon kann man sehen, dass die Entscheidungen die richtigen waren.

Worum ging es?

An erster Stelle stand die Dezentralisierung. Die Zentrale in München hat nun viel mehr die Rolle einer Beratungsstelle für die Auslandsinstitute, die wiederum entsprechend der Situation vor Ort passende Konzepte für ihre Arbeit entwickeln. Die Motivation der Kollegen im Ausland, sich Projekte auszudenken, die dann durch die Zentrale besonders gefördert werden, ist sehr gestiegen. Es werden wirklich hervorragende Projekte eingereicht.

Was waren die Höhepunkte des Jahres?

An erster Stelle muss ich noch immer unser Partnerschulprojekt PASCH nennen, auch wenn es schon vor 2009 begonnen hat. Wir haben gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen 1.400 Partnerschulen identifiziert, an denen nun Deutsch unterrichtet wird. Das ist ein Erfolg, mit dem keiner von uns gerechnet hatte. Ein weiterer Höhepunkt ist das, was gerade in Afrika passiert. Die Neu-Aufstellung dort ist optimal gelungen. Das Goethe-Institut hatte ja in den Jahren zuvor auf dem Kontinent viele Institute geschlossen. Jetzt haben wir den Trend umgekehrt. Und man sieht, dass die Region Afrika eine ganz besondere Handschrift hat. Nehmen Sie das tolle Projekt Cracking Walls in Johannesburg, wo die Mauer um das Goethe-Institut Südafrika herum zum Einsturz gebracht wurde. Das war ja kein Riesenprojekt mit großem Aufwand, aber mit einer enormen Symbolik.

Ihr ganz persönliches Highlight in diesem Jahr?

Das ist sehr schwierig. Aber wenn ich mich für eines entscheiden müsste, wäre es wohl das Theaterprojekt After the Fall. Da ist es dem Goethe-Institut London gelungen, mit einer zündenden Idee ganz viel zu bewegen. Wir haben junge Dramatiker in ganz Europa gefragt: Was beschäftigt euch eigentlich in euern Ländern beim Thema Mauerfall? Die Stücke wurden dann von einer Vielzahl europäischer Theater produziert und dann zurückgetragen nach Deutschland – in Form der Festivals in Mühlheim und in Dresden.

Hat der 20. Jahrestag des Mauerfalls darüber hinaus eine Rolle in der Arbeit des Goethe-Instituts gespielt?

Copyright: Dominik Baur
Generalsekretär Knopp: „Wo gibt es Orte, die wir stiefmütterlich behandeln?“ (Foto: Dominik Baur)
Allerdings. Wir hatten Dutzende von Projekten weltweit, die sich mit dem Jahrestag befasst haben. Besonders begeistert hat mich auch die Mauerreise. Da haben wir geschaut, wo das Thema Mauer, das ja sehr stark mit Deutschland verknüpft ist, auch ein internationales Thema ist. Wir haben Mauersteine in die Welt hinausgeschickt und sie von Künstlern bearbeiten lassen – in Ländern, in denen die Themen Mauer und Trennung eine wichtige Rolle spielen. Pünktlich zum 9. November kamen die Steine dann wieder zurück nach Deutschland. Mauern zu überwinden, Mauern einzureißen, das ist tatsächlich nicht nur ein deutsches Thema.

Bleiben wir bei Jubiläen: Sie haben sicher auch mit einigem Interesse den 50. Geburtstag eines nach einem gewissen Max Müller benannten Instituts in Indien verfolgt. Schließlich sind Sie promovierter Indologe und haben lange in Indien gelebt.

Das kann man wohl sagen. In Indien kann man sehen, wie das Goethe-Institut, das ja dort Max Mueller Bhavan heißt, nach einer Zeit der Kürzungen und Schrumpfung einen unglaublichen Aufschwung geschafft hat; und man muss darauf hinweisen, dass in Indien sehr langfristig ganz herausragende Projekte gemacht wurden. Da war der Ausbau der PASCH-Schulen, der gesamte Aufschwung des Deutschunterrichts, aber eben auch solche Projekte wie 48 Degrees. Da hat sich zum ersten Mal ein bedeutendes künstlerisches Projekt mit dem Stadtraum Delhis beschäftigt. Wir haben Indien gezeigt, welche Wirkung langfristige Kulturarbeit haben kann. Als ich 1975 nach Bombay gekommen bin, wusste jeder Taxifahrer sofort, wo das Max Mueller Bhavan ist. Die Anerkennung der Max Mueller Bhavans in Indien ist enorm.

Woher kommt denn dieses große Interesse der Inder an Deutschland?

Das hat zum einen ganz pragmatische Gründe: In Indien gibt es viele deutsche Firmen, die durch die Liberalisierung der Wirtschaft eine große Rolle spielen. Es gibt aber noch einen anderen Grund, der nicht weniger wichtig ist: Wir zeigen Interesse an Indien und machen deutlich, dass für uns Indien und die indische Kultur auch bedeutsam sind. Diese Gegenseitigkeit kommt auch in dem Namen Max Müller zum Ausdruck.

Wer ist eigentlich dieser Max Müller?

Max Müller war ein Indologe, der nie in Indien war. In Deutschland hat er kaum gelehrt. Die meiste Zeit war er in Großbritannien, wo er auch die Sacred Books of the East herausgegeben hat, Übersetzungen aus allen Religionen des Ostens, die zu meiner Studienzeit noch sehr wichtig waren. Man hätte aber auch andere Namen finden können, denn die Indologie war früher in Deutschland ein sehr wichtiges Fach.

2009 wurde auch das Geburtsjahr für viele Goethe-Präsenzen - Novosibirsk, Luanda, Alexandria, Gaza ... Herrscht gerade Pionierstimmung bei Goethe?

Von Pionierstimmung möchte ich nicht sprechen, aber es gibt einen Aufschwung. Wir überlegen uns in letzter Zeit verstärkt, wo auf der Welt es Orte gibt, die wir stiefmütterlich behandeln. Dabei müssen wir aber in der Form unserer Präsenz sehr flexibel sein, damit die Infrastrukturkosten nicht zu hoch werden.

Gibt es noch einen weißen Fleck auf der Erde, der Sie besonders schmerzt?

Eigentlich nicht. Aber es gibt einen Ort, an dem ich das Goethe-Institut sehr, sehr gerne präsent sähe, das ist Ouagadougou. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Burkina Faso ein Land ist, das sich selbst als Kulturland versteht. Es gibt dort eine sehr vielfältige Kulturszene. Möglicherweise wird es ja ein Ort sein, mit dem auch Christoph Schlingensief – unterstützt vom Goethe-Institut - in Verbindung gebracht wird. Was ich mir auch vorstellen könnte, ist, dass wir auf der arabischen Halbinsel noch etwas stärker tätig werden.

Bei der „Expansion“ des Goethe-Instituts geht es ja längst nicht mehr nur um die Verbreitung deutscher Kultur und Sprache ...

Nein, so platt nicht. Heutzutage ist die Zusammenarbeit viel wichtiger, gemeinsame Ideen zu erarbeiten, sich gegenseitig zu inspirieren... Es geht darum, dass wir das Interesse vor Ort aufnehmen. Natürlich setzt das Interesse Information voraus. Deshalb müssen wir die Menschen informieren, was in Deutschland passiert. Was hier an Kultur passiert, ist fast einzigartig in der Welt und wird fast überall mit Begeisterung aufgenommen. Wenn wir nicht missionarisch hinausgehen, ist das Interesse umso größer. Denn von falscher und einseitiger Mission, glaube ich, haben wir genug gehabt. Das war auch immer die Arbeitsweise des Goethe-Instituts.

Gehört zu diesem Konzept auch die Förderung der Mehrsprachigkeit?

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Generalsekretär Knopp: „Unsere Umgangssprache ist broken English“ (Foto: Dominik Baur)
Absolut. Ich glaube, dass das Deutsche nur eine Chance hat im Rahmen von Mehrsprachigkeit. Wir müssen akzeptieren, dass das Englische die lingua franca geworden ist. Neulich hat jemand zu mir gesagt: Unsere internationale Umgangssprache ist broken English. Vor Jahren schon hieß der Slogan des Goethe-Instituts: „Englisch ein Muss, Deutsch ein Plus.“ Und das finde ich ein wunderbares Motto.

Mit der Bundestagwahl hat es in diesem Jahr auch für das Goethe-Institut entscheidende Veränderungen gegeben. Seit einigen Wochen haben wir nun einen neuen Außenminister, zum ersten Mal seit elf Jahren ist der oberste Dienstherr des Goethe-Instituts wieder ein FDP-Mann. Wie haben sich nun die ersten Wochen mit Guido Westerwelle angelassen?

Wir hatten noch keinen direkten Kontakt mit ihm, aber bald gibt es ein erstes Treffen zwischen unserem Präsidenten Klaus-Dieter Lehmann und dem Außenminister. Wir wissen, dass es schwierig sein wird in den nächsten Jahren mit dem Haushalt. Aber da wir uns in den letzten drei, vier Jahren sowohl strukturell als auch inhaltlich so gut aufgestellt haben, bin ich überzeugt, dass wir keine Berg- und Talfahrt miterleben werden. Vor allem auch deshalb, weil unter Bundesminister Frank-Walter Steinmeier die Bedeutung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik wieder deutlich ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit gerückt ist.

Genug zurückgeblickt. Worauf freuen Sie sich 2010 besonders?

Ich freue mich wirklich sehr auf das Deutschlandjahr in Vietnam. Ich freue mich aber auch auf die Uraufführung des Amazonas-Musiktheater-Projekts. Ich freue mich auf die Ausstellung zum Thema „Klima“, auf Celluloid Curtain, auf das Nachbarschaftsprojekt und viele andere.

Täuscht es oder hat sich die Art der Projektarbeit des Goethe-Instituts geändert? Die „Tropenausstellung“ oder „After the Fall“ hätte es doch früher nicht gegeben – zumindest nicht in dieser Form.

Umso besser, dass es das jetzt gibt. Ja, wir haben heute öfters auch in Deutschland sichtbare Projekte und legen mehr Wert darauf, mit unseren internationalen Partnern Themen aufzugreifen, die uns gemeinsam interessieren. Eigentlich ist dieser dialogische Ansatz aber ein Grundprinzip des Goethe-Instituts.

Dann lassen Sie uns doch über ein paar konkrete Projekte reden: „Amazonas-Musiktheater in drei Teilen“ – Was ist das? Klingt nach Fitzcarraldo.

Nicht ganz. Es geht um das Thema Amazonas und zwar nicht nur um das sehr wichtige globale Thema Klima, sondern um die Menschen, die dort leben. An der Oper wirken Künstler aus Brasilien mit und aus Deutschland, uraufgeführt wird die Oper hier in München auf der Biennale. Das Projekt entsteht in einem Verbund mehrerer Kulturinstitutionen, das ZKM in Karlsruhe beispielsweise hat da auch eine ganz wichtige Rolle. Anders geht so etwas heutzutage gar nicht mehr. Wir sind ja kein Opernhaus. Aber Verbindungen schaffen, das können wir.

Was verheißt uns „Promised City“?

Es geht um die Verheißungen moderner Metropolen. Künstler aus Deutschland und Polen, später auch aus Indien und Rumänien beschäftigen sich in vielen Produktionen mit den Träumen und Illusionen von Großstadtbewohnern. Dieses Projekt legt endlich mal einen Schwerpunkt auf Warschau und Berlin. Das ist schon längst überfällig. Polen ist neben Frankreich unser wichtigster Nachbar. Aber schauen Sie sich mal an, wie viel man in Berlin, 80 Kilometer von Polen entfernt, von Polen weiß.

Geht es um dieses Thema auch bei „Der Nachbar in mir“?

Ja, unter anderem. Der Nachbar in mir ist eine interdisziplinäre Konferenz, die wir im Mai im ehemaligen Flughafen Tempelhof veranstalten und die sich den innereuropäischen Nachbarschaften widmet. Ich glaube, diese Veranstaltungen sind im Moment sehr wichtig. Unsere Begeisterung für unsere Nachbarn scheint etwas abgeflaut zu sein. Wir müssen das Feuer der Emotionen wieder ein bisschen mehr entfachen.

-db-

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