Goethe aktuell

Jubiläum in Indien: Goethe trifft Gandhi

Goethe-InstitutCopyright: Goethe-Institut
Farbenfroh und traditionell im Sari: Schüler der Delhi Public School (Foto: Goethe-Institut)

12. Dezember 2009

50 Jahre Goethe-Institut in Indien – eine einmalige Erfolgsgeschichte. Mit sechs Instituten und fünf weiteren Präsenzen ist Goethe hier besonders stark vertreten. Doch für das enorme Interesse der Inder an deutscher Sprache und Kultur reicht auch das kaum aus.

In jeder leidenschaftlichen Beziehung muss es manchmal scheppern und krachen – möglichst gleich am Anfang, damit alle Beteiligten rechtzeitig davon lernen können. Nicht anders erging es Pina Bausch bei ihrer ersten Tournee in Indien. Das Stück wurde ein völliger Flop, musste sogar in Kalkutta von der Bühne genommen werden, da es bei den Indern echte Empörung auslöste: So viel Freizügigkeit war man auf einer Tanzbühne nicht gewohnt.

Als die Choreographin wenige Jahre später zurückkehrte, wurde ihre Reise zum Triumphzug – Indien feierte den Tanz von Pina Bausch und wurde zu einer wichtigen Fangemeinde. „Ist das nicht wunderbar“, meint Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann, der gerade durch fünf indische Goethe-Institute getourt ist und immer wieder auf Pina Bausch angesprochen wurde. „Da verändert sich ihr Tanz unter dem indischen Zauber – und umgekehrt erfährt Indien, welche soziale und politische Dimension der Tanz aufweisen kann. Wie sollte internationaler Kulturaustausch besser gelingen?“

Fünfzig Jahre Goethe-Institut in Indien – unter diesem Motto war Lehmann in Delhi, Mumbai, Bangalore, Pune und Kalkutta unterwegs. 1959 waren fünf Goethe-Institute in nur einem Jahr gegründet worden – eine einmalige Häufung von Institutsgründungen. Später kam ein sechstes Vollinstitut in Chennai hinzu.

Wie ein Deutscher das Sanskrit nach Indien brachte

Dabei sucht man den Namen „Goethe-Institut“ in Indien fast vergeblich – er taucht nur im Kleingedruckten auf. Offiziell nennt sich das Goethe-Institut „Max Mueller Bhavan“ – auch diese Namensgebung einmalig auf der Welt. Eigentlich war das ein PR-Gag: Denn Max Müller, den in Deutschland kaum jemand kennt, ist in Indien geradezu berühmt. Der Forscher aus dem 19. Jahrhundert bekam zwar Indien nie zu Gesicht – er war aber der weltweit bedeutendste Gelehrte für die Literatur des Sanskrit. Ihm gelang es, die heiligen Gesänge der Inder, die Veden, in einer kritischen Edition aufzuschreiben und zu übersetzen. Er brachte also gewissermaßen die heiligen Texte der Inder nach Indien zurück. Vergessen haben sie ihm das nie. Und so klingt „Max Mueller Bhavan“ in indischen Ohren unendlich attraktiver, als es der Name Goethe je sein könnte.

Copyright: Goethe-Institut Fotostrecke: Indische Reise


Doch egal, welcher Name an der Pforte steht: Nirgendwo auf der Welt wächst die Zahl derjenigen, die deutsch lernen, so schnell wie in Indien. Über 20.000 Inder sind derzeit an Goethe-Instituten in Indien eingeschrieben. Und es werden immer mehr. Während die Zahl der Deutschlerner seit Jahren weltweit zurückgeht, drängen – vorzugsweise junge, gebildete, beruflich erfolgreiche – Inder in die Institute.

Deutsch sehen die meisten Inder als wichtige Zusatzqualifikation an. Die meisten von ihnen sprechen bereits drei bis vier Sprachen, darunter Englisch, Hindi und die jeweilige Regionalsprache (Bengali, Tamil, et cetera) Viele hoffen aber auf Ausbildungsplätze bei den immer zahlreicher werdenden deutschen Unternehmen – die Unternehmen legen Wert darauf, dass sich die Arbeitskräfte mit der deutschen Sprache und Kultur beschäftigen, weil das die Bindung an die Unternehmen stärkt.

Sechs Goethe-Institute und ihre Multiplikatoren

Wer heute etwa in Delhi die Menschenmassen vor dem Goethe-Institut beobachtet, wird überrascht sein, wie viele junge, gutaussehende und hoch motivierte Menschen in die Klassenräume drängen – in einer Atmosphäre, die man fast als heiter bezeichnen möchte. „Wir können der Nachfrage kaum Herr werden“, sagt Stephan Dreyer, Leiter des Goethe-Instituts in Delhi und zuständig für die gesamte Region Südasien. Während anderswo Werbung betrieben wird, um zum Studium des Deutschen anzuregen, ist es in Indien ein Selbstläufer.

1959 entstanden Max Mueller Bhavans in Delhi, Bombay, Bangalore, Pune und Kalkutta. Später kam Chennai an der Ostküste hinzu. Städte in Größenordnungen, die in Europa völlig unbekannt sind: selbst eine relativ kleine Stadt wie Bangalore hat immer noch 7 Millionen Einwohner, von denen 1 Million IT-Spezialisten sind – und gerade IT-Leute interessieren sich für die Kurse des Goethe-Instituts. Hinzu kommen fünf sogenannte Goethe-Zentren – keine Vollinstitute, aber doch Partner im Netzwerk des GI, die von lokalen Organisationen betrieben werden. Diese Institute kosten kein Geld, sie bringen welches, wie sich überhaupt die Goethe-Arbeit in Indien nahezu von allein trägt.

Das Goethe-Institut verfolgt nicht nur Sprachunterricht. Es setzt auch auf die Zusammenarbeit mit indischen Partnerorganisationen im Kulturmanagement. Bisher gibt es in Indien kein Kulturhauskonzept nach dem Vorbild etwa des Hebbel am Ufer in Berlin, des Radialsystems oder der Muffathalle in München. Das Max Mueller Bhavan hilft bei der Planung von interdisziplinären Produktionsstätten, indem es Knowhow vermittelt, zu Workshops einlädt, deutsche Experten zum Beispiel nach Kalkutta einfliegt, wo demnächst ein Calcutta Museum of Modern Art entstehen soll.

Das Goethe-Institut hilft auch bei der Entstehung von Kunst im öffentlichen Raum. Es fördert Aus- und Fortbildungsprogramme, etwa von Restauratoren, Dramaturgen, Museumsdidaktikern und Kunsthistorikern.

PASCH: Der Run auf Deutsch an indischen Schulen

Die hohe Zustimmung, die das Goethe-Institut in Indien bei Intellektuellen und Künstlern erfährt, beruht darauf, dass ohne Hierarchisierung, Belehrung und Bevormundung Plattformen entwickelt werden, in die sich alle Seiten einbringen können. Das ist keineswegs selbstverständlich, es gibt durchaus europäische Länder, die lediglich die eigene Kultur exportieren wollen.

Das von der letzten Bundesregierung entwickelte Prinzip der PASCH-Schulen („Partnerschulen“), an denen Deutsch gelernt und unterrichtet wird, ist in Indien besonders erfolgreich. Die erste Partnerschule war die Delhi Public School, ein Verbund, an dem nicht weniger als 138 Schulen beteiligt sind. Inzwischen gibt es Vereinbarungen mit 45 solcher Schulassoziationen, unter anderem mit der besten Kette öffentlicher Schulen, der KVS mit 981 Schulen. Rund 1.500 Schulen wollen Deutsch einführen, jede von ihnen hat etwa 3.000 Schüler. Die potentielle Lernerzahl wird auf zwei bis vier Millionen geschätzt.

In Indien ist Bildung traditionell ein hohes Gut. Es wird viel gelesen, Familien investieren bewusst in die Bildung ihrer Kinder. Inder, die deutsch lernen, tun das nicht, um eine Greencard zu bekommen und nach Deutschland einzureisen. Sie wollen in der Regel in Indien bleiben und für eine deutsche Firma arbeiten. Deutsch ist hier eine wichtige Zusatzqualifikation.

Die deutsche Wirtschaft will daran anknüpfen. In Mumbai wurde im November in Beisein von Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann ein Pakt zwischen Industrie, Wirtschaft und Kultur geschlossen – auch im Hinblick auf das Deutschlandjahr 2010/2011, bei dem sich Deutschland unter verschiedenen Aspekten in Indien präsentieren wird.

-db-
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