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Bittersüße Weihnacht: Nicht alles, was glitzert ...

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Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt: ein israelischer Journalist macht sich Gedanken (Foto: © Peter Arndri / PIXELIO)

23. Dezember 2009

Festliche Lichter und dampfende Tassen: Es ist Weihnachten. Doch manche Menschen müssen das ganze Jahr über draußen bleiben. Ein Spaziergang über den Stuttgarter Weihnachtsmarkt zeigt: Der Glühwein hat auch einen bitteren Beigeschmack. Von Alon Shani

Wenn man zwischen den Ständen des Stuttgarter Weihnachtsmarkts umherstreift, fragt man sich, was die Leute dazu veranlasst, bei klirrender Kälte herum zu stehen und Glühwein zu trinken: die verzauberte Stimmung, eine festtägliche Tradition oder einfach das gesellige Beisammensein?

Für mich als Ausländer, der im Dezember Temperaturen von 15 Grad Celsius gewohnt ist, ist das schon ziemlich bemerkenswert. Wenn man aber einen Schluck von dem dunklen, warmen und süßlichen Wein getrunken hat, beginnt man zu verstehen. Da taucht man in einen dieser seltenen Momente ein, die einem das Gefühl der Zusammengehörigkeit geben – nicht in einem religiösen, auch nicht in einem nationalistischen, sondern eher in einem weltbürgerlichen Sinn: Man genießt einfach das Leben und was es einem bietet, und gibt sich dabei dem Gespräch mit anderen hin, die das Gleiche tun.

Die glitzernden Lichter der Stände und die wärmende Aura von Wein und Gespräch täuschen leicht darüber hinweg, dass die Realität für viele Menschen in Stuttgart und in Süddeutschland weniger heimelig ist, als es der Weihnachtsmarkt vermuten lässt.

„Menschen, die vollkommen alleingelassen werden“

Auf einer Pressekonferenz letzte Woche verkündete die Liga der Freien Wohlfahrtspflege von Baden-Württemberg einen neuen Rekord an obdachlosen Frauen und Männern im Land. Während in den vergangenen zehn Jahren die Bevölkerung um zwei Prozent wuchs, nahm der Anteil der ärmsten Bevölkerungsgruppe um 36 Prozent zu. Hinter dieser Statistik verbirgt sich eine große Zahl von jungen Menschen unter 25 und viele Frauen, die wegen überhöhten Mietpreisen ihre Wohnung verloren haben. Noch am gleichen Tag versuchte ich eine dieser Frauen zu finden, die erst kürzlich ihr Zuhause verloren hatten. Ich zog von Notunterkunft zu Notunterkunft – ohne Erfolg. Ich traf alte Männer, die ihren Tee tranken, eine Runde Karten spielten und sich so in die Wärme flüchteten, aber niemanden, der in das von der Liga beschriebene Profil passte.

„Aber sie sind da, das sind keine übertriebenen Zahlen“, bekräftigt Beatrice Gerst von der Straßenzeitung trott-war, die monatlich mehr als 30.000 Exemplare in der Region Stuttgart verteilt. „Diese Zahlen überraschen mich nicht. Unser Land hat es nicht geschafft ein Sozialsicherungssystem zu etablieren, das Menschen mit solchen Problemen helfen kann. Unsere Gesellschaft tut sich schwer damit, Menschen zu akzeptieren, die psychische Probleme haben oder persönliche Tragödien durchlebt haben, die ihre Welt zum Einsturz gebracht haben. Das sind Menschen, die vollkommen alleingelassen werden“, fügt sie hinzu.

Bei meinem Besuch bei trott-war traf ich auch John, einen etwa 50-jährigen Straßenverkäufer, der jetzt alleine in einem Haus wohnt, nachdem er jahrelang von Nachtasyl zu Nachtasyl gezogen war. „Ich bin jetzt schon seit einigen Jahren arbeitslos, und in meinem Alter wird es nicht leichter einen Job zu finden. In unserer Augustausgabe habe ich einen Artikel über kulturelle Einrichtungen geschrieben, die man auch nutzen kann ohne Geld dafür zahlen zu müssen. Aber außer solchen spärlichen Angeboten kümmern sich die Leute hier wenig um Menschen wie uns Straßenverkäufer.“

So ein Weihnachtsmarkt kann einen in die Irre führen

Gesellschaften, egal ob die deutsche oder die israelische, habe ich festgestellt, scheinen erst an den Feiertagen aufzuwachen, und die Armen und Unterprivilegierten wahrzunehmen. Was kann falsch daran sein – denken die Leute und spenden Geld für wohltätige Zwecke. Die Nachrichten tun so, als verkündeten sie uns etwas Neues, wenn sie Statistiken wie die oben genannte veröffentlichen. Und die Medien berichten über Obdachlosigkeit am liebsten direkt vor Spendengalas. In Deutschland und einigen anderen westlichen Ländern können die Menschen sich zumindest entscheiden, ob sie das Leben aus der Perspektive eines Menschen ohne festen Wohnsitz kennenlernen möchten. In diesem Fall kaufen sie eine Zeitung von einem Straßenverkäufer, spenden damit 1,70 Euro, davon die Hälfte direkt an den Verkäufer. Es macht mich stutzig, dass es so etwas in Israel nicht gibt.

Als ich letzte Nacht wieder über den Stuttgarter Weihnachtsmarkt lief, durch die leeren und stillen Gassen, dachte ich an John und die anderen Verkäufer in ihrer roten trott-war-Montur, und wünschte ihnen, dass auch sie ein schönes Weihnachtsfest haben würden.

So ein Weihnachtsmarkt kann einen ganz schön in die Irre führen. Der Glühwein schmeckt auch ein kleines bisschen bitter, so wie das Leben selbst, vielleicht, zumindest wie die Leben derer, die wir tagtäglich achtlos beiseite schieben.

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Alon Shani (Kol Israel, Tel Aviv) geht im Rahmen des Projekts Nahaufnahme von 10. bis 31. Dezember in den Studios von SWR 4 Baden-Württemberg Radio Stuttgart auf Sendung. Sein Kollege Knut Bauer (SWR 4 Baden-Württemberg Radio Stuttgart) berichtet aus Tel Aviv.

Bei der Nahaufnahme des Goethe-Instituts tauschen acht Redakteurinnen und Redakteure aus Deutschland und dem Ausland zwischen Oktober 2009 und Januar 2010 ihre Arbeitsplätze. Sie lernen den professionellen Alltag in der Lokalredaktion ihrer Gastzeitung kennen und berichten aus Berlin, Palermo, Frankfurt, Nairobi, Freiburg, Tamale, Stuttgart und Tel Aviv über Kultur, Alltag und Politik.

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