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Tour durch das Kathmandu-Tal: Von Göttern, Erotik und der Macht des Glaubens

Sandra VoglreiterCopyright: Sandra Voglreiter
Narendra Neupane ist dank des Goethe-Zentrums selbständiger Reiseleiter (Foto: Sandra Voglreiter)

4. Juni 2010

Ein Jahr hat Narendra Neupane für den Ernstfall trainiert, jetzt ist es soweit: Der 27-Jährige führt deutsche Reisegruppen durch Nepals kulturelles Zentrum, das Kathmandu-Tal. Das Vokabular und einiges Hilfreiche mehr hat er am Goethe-Zentrum gelernt. Von Sandra Voglreiter

„Kommen Sie bitte, wenn wir Glück haben, sehen wir die lebende Göttin!“ Narendra Neupane eilt schnellen Schrittes und mit der für Reiseleiter typischen Betriebsamkeit voraus. Wir drängen uns an einer kleinen Gruppe gläubiger Hindus vorbei, die zwischen den weißen Löwenstatuen am Eingang innegehalten haben, um sich zu verbeugen.

Erst im rechteckigen Innenhof des Hauses der Kumari im Zentrum Kathmandus wird der 27-Jährige langsamer, senkt seine Stimme und erklärt in einwandfreiem Deutsch, dass nur gläubige Hindus zu Kumari vorgelassen würden, um das Segenszeichen zu empfangen. „Das ist ein entscheidender Moment: Ihr Gesichtsausdruck verrät Ihnen die Zukunft! Lächelt sie, bedeutet das Gesundheit, verzieht sie ihr Gesicht, Krankheit – und wenn sie sich die Augen reibt, bedeutet das den Tod“, erklärt Neupane. Bei seinem letzten Besuch habe Kumari eher freundlich ausgesehen, sagt er mit einem glücklichen Lächeln und in der Hoffnung auf eine goldene Zukunft. Ein bisschen Unterstützung von „oben“ kann ja nie schaden.

Marktlücke für Kontaktfreudige

Narendra Neupane hat sich vor kurzem selbständig gemacht – als freiberuflicher Reiseleiter. Tausende deutscher Touristen besuchen jedes Jahr Nepals Hauptstadt Kathmandu, meist auf der Durchreise zu den großen Treks um Annapurna oder zum Mount Everest. Die Zeit in der Stadt nutzen die meisten pflichtbewusst für eine Besichtigung der kulturellen Höhepunkte im Kathmandu-Tal. Narendra Neupane zählt darauf, dass sie sich diese am liebsten in ihrer Muttersprache zeigen und erklären lassen.

„Mein Bruder ist auch Reiseleiter – er hat sich auf Spanisch spezialisiert und damit gute Erfahrungen gemacht. Ich wollte auch eine Sprache lernen, die zwar viele Touristen, aber nicht so viele Nepali sprechen“, lacht er. Narendra Neupane hat eigentlich Soziologie studiert, seit drei Jahren lernt er Deutsch, während des vergangenen Jahres hat er den Spezialkurs für Reiseleiter am Goethe-Zentrum Kathmandu besucht. Als solcher könne er am meisten Leute kennenlernen und das sei ihm wichtig, sagt Neupane.

Copyright: Sandra VoglreiterFotostrecke: Rund um Kathmandus Durbar Square


Narendra Neupanes Vokabular unterscheidet sich sicher von dem anderer Deutschlerner. Begriffe wie „Holzschnitzereien“ und „Hauptgottheiten“ gehen ihm ebenso leicht über die Lippen wie „Keine Fotos bitte" und „Wenn es Ihnen gefallen hat, empfehlen Sie mich gerne weiter“. Der Reiseleiterkurs des Goethe-Zentrums setzt überwiegend auf „Feldarbeit“: Kursleiter Michael Chand besucht mit seinen Schülern all die Orte, die für Touristen interessant sein könnten, und bringt ihnen nicht nur das Vokabular bei, sondern liefert gleich auch noch die Geschichte und Besonderheiten der jeweiligen Sehenswürdigkeiten mit.

Zum Beispiel die der lebenden Göttin. „Kumari gilt als Inkarnation der Göttin Taleju, die wiederum eine Form der Göttin Durga ist“, erklärt Narendra Neupane mit Blick auf das mit Schnitzereien verzierte Haus, in dem sie sich irgendwo aufhalten muss. Die amtierende lebende Göttin ist vier Jahre alt und wurde während des vergangenen Dashain-Festes, eines der bedeutendsten hinduistischen Feste, in ihr Amt eingeführt. „Die Mädchen stammen immer aus der Kaste der Shakya und dürfen noch nie in ihrem Leben Blut verloren haben“, erklärt der Reiseleiter. Deshalb wird die jeweils amtierende Kumari spätestens nach ihrer ersten Menstruation abgelöst. Das auserwählte Kind wird im Alter von vier oder fünf Jahren von seinen Eltern getrennt und lebt fortan in dem Haus am Basantapur-Platz, wo jede Inkarnation von Priestern erzogen und Hausdienern umsorgt wird.

Überirdische Lügendetektoren

Was das Schicksal der abgesetzten lebenden Göttinnen angeht, beruhigt uns Narendra Neupane: „Heutzutage dürfen die ehemaligen Kumaris heiraten. Früher dachte man, dass jeder Mann, der sie zur Frau nimmt, sofort sterben würde.“ Ob sich ein Nepali finden würde, der eine ehemalige Göttin heiratet, ist allerdings ungewiss. In diesem Moment geht ein Raunen durch die Menge der Besucher und die jüngste Kumari zeigt sich am Fenster im ersten Obergeschoss. Für weniger als eine Minute gewährt das ganz in Rot gehüllte, kunstvoll geschminkte und sehr ernst dreinschauende Kind den Anwesenden einen Blick auf sie. Dafür sei eine Spende angebracht, bittet uns Narendra Neupane. Da es nicht erlaubt ist, sie zu fotografieren, steht am Ausgang ein Souvenirhändler mit Postkarten bereit, auf der allerdings noch die vorherige Kumari zu sehen ist. Die Andenkenindustrie hinkt der Tradition hinterher.

Beschwingt von diesem Reiseleiter-Erfolg startet Narendra Neupane zu einem Spaziergang über Kathmandus Durbar Square, dem mit Tempeln übersäten Platz vor dem ehemaligen Königspalast. Die wichtigsten historischen und kulturellen Fakten reichert er mit allerhand Anekdoten über Rituale gegen Rückenschmerzen und überirdische Lügendetektoren an. „Wer vor der Inkarnation Shivas lügt, fällt sofort tot um. Deshalb wurden früher Vereidigungen meist hier durchgeführt“, erzählt Neupane, bevor er uns in ein wartendes Taxi verfrachtet.

Helmut Kohl zu Ehren

Die zweite Etappe der Entdeckungstour im Kathmandu-Tal führt über staubige, holprige und verstopfte Straßen in Nepals drittgrößte Stadt Bhaktapur, rund 14 Kilometer östlich der Hauptstadt. Da die dortige Stadtverwaltung beschlossen hat, den Verkehr größtenteils aus der Innenstadt zu verbannen, ist die Besichtigung der Tempel des Durbar-Squares von Bhaktapur wesentlich entspannter als die des Durbar-Squares von Kathmandu. Bhaktapur ist der Traum jedes Reiseleiters – besonders, wenn er Deutsche führt. „Die Stadt verdankt Deutschland sehr viel“, schmeichelt Narendra Neupane.

Copyright: Sandra Voglreiter Fotostrecke: Die alte Königsstadt Bhaktapur


„In den Dreißigerjahren erschütterte ein schweres Erdbeben Bhaktapur. Mit Hilfe Deutschlands wurde viel wieder aufgebaut.“ Tatsächlich stehen wir vor einer Gedenktafel, die auf Deutsch an die Verdienste des ehemaligen Kanzlers Helmut Kohl erinnert. Dieser hatte in den Achtzigerjahren darauf gedrängt, Geld für den Wiederaufbau der reichlich verzierten Holztempel zur Verfügung zu stellen.

Ein paar Meter weiter macht Narendra Neupane auf Holzschnitzereien der besonderen Art aufmerksam. „Die erotischen Figuren rund um den Tempel sollten der Legende nach die Männer motivieren, mehr Kinder zu zeugen“, sagt Neupane und umrundet mit uns gleich zweimal das mit Phallussymbolen gespickte Gebäude. „Mehr Kinder, mehr Verteidigung“, lautet die einfache Erklärung. Mit den in Bhaktapur gewonnenen Eindrücken machen wir uns auf den Weg zurück nach Kathmandu und zur letzten Station.

Trauernde und Schaulustige

Für den Abschluss der Tagestour hat Narendra Neupane noch etwas Besonderes geplant: einen Besuch der Tempelanlage Pashupatinath, dem „Mekka der Hindus“, wie er sagt. Vom Touristeneingang kommend führt der Weg an fliegenden Händlern vorbei, die ihre Waren feilbieten, und Dutzenden Affen, die versuchen, den Passanten ihren Proviant zu entreißen. Am Ufer des heiligen Flusses Bagmati, an dem der Tempel liegt, grasen Kühe. Wie überall in Kathmandu lässt man die Tiere auch hier gewähren. Vielleicht gerade hier, denn in Pashupatinath wird der Gott Shiva als Herr der Tiere (pashu pati) verehrt. Narendra Neupane ist selbst auch Hindu, wie rund 90 Prozent der Einwohner Nepals. Für ihn ist es etwas Besonderes, diese Stätte zu zeigen.

Der Himmel sieht hier weniger blau aus, er ist getrübt durch den Rauch, der von den großen Steintreppen am gegenüberliegenden Ufer aufsteigt. „Wir Hindus verbrennen traditionell unsere Toten, damit ihre Seelen wiedergeboren werden können“, erklärt Neupane, während er an einer Fußgängerbrücke gegenüber der Krematorien stehen bleibt. Dutzende Touristen säumen die Brücke und beobachten, wie die Füße des in orangefarbenes Tuch gewickelten Verstorbenen in dem heiligen Fluss gewaschen werden.

Unschlüssig drehen wir unsere Kameras in den Händen. „Es ist in Ordnung, Fotos zu machen – solange man die Trauernden nicht stört“, sagt der Reiseleiter. Allerdings hätten manche Touristen erstaunlich wenig Feingefühl. Eine Weile sitzen wir da und sehen schweigend dem Ritual zu, das der eigentlichen Verbrennung vorausgeht. Dann ruft Narendra Neupane zum Aufbruch. Auf dem Rückweg wolle er uns wenigstens noch schnell den beeindruckenden Eingang zum Haupttempel zeigen – betreten dürften diesen allerdings nur Hindus.

Copyright: Sandra Voglreiter Fotostrecke: Das "Mekka der Hindus" Pashupatinath


Wir erreichen das Tor zeitgleich mit einer der vielen Kühe, die auf dem Areal zu leben scheinen. Während wir vor dem Eingang Halt machen, marschiert das Tier zielstrebig ins Innere. Staunend beobachten wir, wie ein Pilger sich ihr anschließt, eine Hand auf die Seite des Tieres gelegt, dann verschwindet das seltsame Paar aus unserem Sichtfeld. Narendra Neupane sieht zufrieden aus, wie jemand, der das Gefühl hat, seine Botschaft vermittelt zu haben. Zum Abschied reicht er uns – für Nepali eher untypisch – die Hand: „Wenn es Ihnen gefallen hat, empfehlen Sie mich gerne weiter.“
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