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Martin Walser in China: „Es ist sehr spät, um mich noch zu beeinflussen“

Haags UitburoCopyright: Haags Uitburo
Autor Walser: „Nichts als Freundlichkeit“ (Foto: Haags Uitburo)

18. Januar 2010

Nein, Superlative mag Martin Walser nicht. „Ihr schönstes Erlebnis?“ Das ist keine Frage nach seinem Gusto. Doch wenn es um Küche und Freundlichkeit der Chinesen geht, kommt selbst Walser ins Schwärmen. In Peking sprach der Dichter vom Bodensee mit dem Deutsch-Chinesischen Kulturnetz.

Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Walser: Ich muss mich leider – oder Gott sei Dank – immer mit mehreren Dingen gleichzeitig beschäftigen. Meine Hauptbeschäftigung in den letzten Wochen ist ein Roman mit dem Titel Muttersohn, aber zur gleichen Zeit musste ich mich für eine Publikation mit Heinrich Heine beschäftigen und für diese Rede, die ich hier halten darf, mit China. Und von allen drei Beschäftigungen ist mir die Beschäftigung mit China am schwierigsten vorgekommen und war nachher, als ich die Rede geschrieben habe, gar nicht so schwierig.

Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Vielleicht vor – ich hätte sagen können, vor tausend Jahren, aber ich sage besser: vor – 25 Jahren hat mich ein Professor aus Nanjing besucht, der heißt Z-H-E-N-G. Er hat ein Buch von mir übersetzt, ich glaube Ein fliehendes Pferd. Und ein paar Jahre später ist aus Konstanz eine chinesische Dozentin gekommen und hat mir die Übersetzung von Ehen in Philippsburg mitgebracht, die sie gemacht hatte. Und letztes Jahr, als ich in Peking war, da ist wieder eine Dame gekommen und hat mir wieder Ehen in Philippsburg gebracht, die zweite Übersetzung dieses Romans ins Chinesische.

In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Na, ich überlege, was müsste ich für einen Beruf haben, dass ich sagen könnte, so hat China mein Leben beeinflusst. Ich hätte es nicht gedacht, aber es ist so, ganz aktuell hat mich die Lektüre von Mo Yans Romanen wirklich beeindruckt, es ist zwar sehr spät, um mich noch zu beeinflussen, aber ich habe das Gefühl, manchmal wenn ich jetzt arbeite, denke ich an Mo Yan. Er hat einen so belebenden, ermutigenden Stil ...

Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Nein, ich kann Erlebnisse nicht danach sortieren, wie schön sie sind, „schön“ ist überhaupt kein Wort für meine Erinnerungen an Erlebnisse. Ich könnte nur sagen: eindrucksvoll. Superlative dieser Art sind mir unangenehm, weil sie mich immer an Sportplatzresultate erinnern: der schnellste, der höchste, der weiteste, der schönste, der eindrucksvollste. Man könnte natürlich etwas sagen, aber ich bin Schriftsteller, und in mir sträubt sich alles gegen die Beantwortung dieser Frage. Ich will nicht andere Eindrücke dadurch relativieren, dass ich einen einzigen Eindruck zum eindrucksvollsten mache. Diese 14 Tage waren übervoll von Eindrücken, ich könnte sie aufzählen, um welche Tische man gesessen ist und welche Panoramen man gesehen hat! Aber einen kleinen Superlativ kann ich doch nicht vermeiden, das Erstaunlichste war, meine Frau und ich, wir haben auf dem Campus gewohnt und dieser Campus ist ja ein Labyrinth für jemanden, der nicht immer dort ist. Meine Frau und ich, wir sind beide orientierungsschwach, und wir sind nie problemlos zurück in unser Quartier gekommen, wenn wir nachts vom Café zu Fuß zurückgingen, mussten wir immer Leute fragen. Wir konnten noch nicht einmal genau sagen, wo wir hinwollten, wir hatten nichts Schriftliches, aber wir sind jede Nacht zurückgekommen in unser Quartier und immer auf die freundlichste Weise. Es waren nicht immer, aber natürlich oft Studenten, die haben uns begleitet, bis wir dort waren. Auch außerhalb des Campus, wenn wir nach dem Weg gefragt haben: nichts als Freundlichkeit, nichts als Entgegenkommen und Hilfe. Diese Art der Freundlichkeit hat mich schon beeindruckt, weil ich ja doch schon in verschiedenen Ländern auf Hilfe angewiesen gewesen war, aber ich habe es noch nie irgendwo so erlebt. Das war vielleicht für mich das Erstaunlichste.

Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Nichts. Wo soll ich hindenken? Ich würde Ihnen gerne dienen, aber es fällt mir nichts Unerfreuliches ein.

Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Natürlich nicht, weil ich alles so gut finde. Da darf ich die Fragestellung, wenn auch nicht kritisieren, doch für mich deutlich ablehnen. Aus diesem Essensreichtum eine Speise herauszunehmen ist eine Beleidigung für den Rest. Die ganze chinesische Küche ist ein Superlativ.


de-cn.net: Zum Portal für deutsch-chinesischen Kulturaustausch

Was ist für Sie „typisch Chinesisch“?

Die Freundlichkeit ist das, was mich am meisten beeindruckt. Es scheint eine mühelose Freundlichkeit zu sein, die dem jeweiligen Chinesen gar nicht schwer fällt.

Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Mo Yan. Gar keine Frage. Knoblauchrevolte, Schnapsstadt, Rotes Kornfeld – diese drei Romane habe ich gelesen und finde sie über alle Maßen gut und stark. Ja, man kann sich gar nicht wehren dagegen, nicht wahr? Und alle drei Romane lesen sich so gut, die müssen hervorragend übersetzt sein.

Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich sag jetzt nicht, mit dem letzten Kaiser von China. Nein, nein, dem Stil nach, was von ihm übrig geblieben ist, würde ich am liebsten einen Tag mit Zhuangzi tauschen. Zhuangzi ist mir so nah wie Blaise Pascal zum Beispiel, weil er ein erzählerischer Philosoph, ein dichterischer Philosoph ist. Und seine pädagogische Tendenz ist nicht so übermäßig spürbar wie bei Konfuzius. Er bleibt mehr bei sich und sagt nicht „Du sollst!“. Man möchte ganz schnell bei ihm sein. Sogar mehr als einen Tag.

Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Ich habe gestern beim Essen zu Professor Huang Liaoyu gesagt: „Es tut mir so leid, wenn ich daran denke, dass Sie immer wieder in Deutschland essen müssen.“ Gut, es gibt keine Chance, diesen Reichtum, diese Kultur zu transportieren. Wir essen zu Hause ganz sicher nicht schlecht, meine Frau stammt aus einer Familie, in der Kochen Tradition hat. Aber es ist eben eine Tradition, die ärmer ist als die Tradition hier.

Martin Walser wurde 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. 1957 erschien sein erster Roman Ehen in Philippsburg, der im selben Jahr mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet wurde. Bis heute hat Martin Walser unzählige Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter das Große Bundesverdienstkreuz. Gleichzeitig wurde und wird er aber auch immer wieder öffentlich kritisiert, etwa für seine Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, die ihm den Vorwurf eintrug, einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte ziehen zu wollen.
Vom 13. bis 20. Dezember 2009 war Martin Walser in Peking, wo sein Roman Ein liebender Mann mit dem Preis „Bester fremdsprachiger Roman des Jahres“ (2009) ausgezeichnet wurde. Die Jury begründete ihre Wahl mit der „virtuosen Sprachartistik“ des Romans, er bereite „große Lesefreude und intellektuelles Vergnügen“. Dieser Preis wird seit 2001 jedes Jahr vom chinesischen Volksliteraturverlag vergeben. Übersetzt wurde der Roman, in dem es um die Liebe zwischen dem 73-jährigen Goethe und der 54 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow geht, von Huang Liaoyu, Dekan der deutschen Fakultät der Peking-Universität.
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