Von Sara Scarafia
Die Haltestelle wartet auf mich wie jeden Morgen und mit ihrem entschiedenen Blau heißt sie mich im unterirdischen Berlin willkommen. Heute Morgen verstreicht die Zeit an meiner Haltestelle Märkisches Museum langsamer, als ob sie im Rhythmus des Schnees vergehen würde, der langsam schmilzt. Ein kleines Mädchen mit einer rosa Mütze auf dem Kopf spielt mit zwei kleinen Plüschbären. Es sitzt bei seinem Vater auf dem Schoß. Es bemerkt, wie ich zu ihm hinübersehe. Daraufhin hält es seine Hände so, dass auch ich sehen kann, was seine beiden Stofffreunde machen.
Das unterirdische Berlin (Foto: Sara Scarafia)
Plötzlich fährt der Zug ein. Also alles einsteigen. Ich finde meinen üblichen Platz gegenüber von den Türen. Mir gegenüber blättert eine junge Frau in der Zeitung. Ein junger Mann hört im Stehen aus bunten Kopfhörern eine Musik, die ihm dem versunkenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen sehr gefällt. Wir sind am Spittelmarkt. Eine Frau setzt sich neben mich. Sie öffnet einen Roman und beginnt, gierig zu lesen, als hätte sie soeben ein wichtiges Gespräch mit einer Freundin unterbrochen und sei nur einen Moment lang abgelenkt worden. Ich beobachte eine Mutter mit Zwillingen. Sie werden vier Jahre alt sein und starren mich aus ihren Mandelaugen an, während sie in religiösem Schweigen eine Süßigkeit verspeisen. Schon sind wir am Potsdamer Platz. Auch ich muss aussteigen. Aber in ein paar Stunden werde ich wieder hier sein. Und das Leben beobachten, das an jeder Haltestelle ein- und aussteigt.
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