Goethe aktuell

Stuttgart, 19. Dezember, 18.53 Uhr

Von Alon Shani

Wenn man zwischen den Ständen des Stuttgarter Weihnachtsmarkts umherstreift, fragt man sich, was die Leute dazu veranlasst, bei klirrender Kälte herum zu stehen und Glühwein zu trinken: die verzauberte Stimmung, eine festtägliche Tradition oder einfach das gesellige Beisammensein?

Für mich als Ausländer, der im Dezember Temperaturen von 15 Grad Celsius gewohnt ist, ist das schon ziemlich bemerkenswert. Wenn man aber einen Schluck von dem dunklen, warmen und süßlichen Wein getrunken hat, beginnt man zu verstehen. Da taucht man in einen dieser seltenen Momente ein, die einem das Gefühl der Zusammengehörigkeit geben – nicht in einem religiösen, auch nicht in einem nationalistischen, sondern eher in einem weltbürgerlichen Sinn: Man genießt einfach das Leben und was es einem bietet, und gibt sich dabei dem Gespräch mit anderen hin, die das Gleiche tun.

Die glitzernden Lichter der Stände und die wärmende Aura von Wein und Gespräch täuschen leicht darüber hinweg, dass die Realität für viele Menschen in Stuttgart und in Süddeutschland weniger heimelig ist, als es der Weihnachtsmarkt vermuten lässt.

Auf einer Pressekonferenz letzte Woche verkündete die Liga der Freien Wohlfahrtspflege von Baden-Württemberg einen neuen Rekord an obdachlosen Frauen und Männern im Land. Während in den vergangenen zehn Jahren die Bevölkerung um zwei Prozent wuchs, nahm der Anteil der ärmsten Bevölkerungsgruppe um 36 Prozent zu.

Gesellschaften, egal ob die deutsche oder die israelische, habe ich festgestellt, scheinen erst an den Feiertagen aufzuwachen, und die Armen und Unterprivilegierten wahrzunehmen. Was kann falsch daran sein – denken die Leute und spenden Geld für wohltätige Zwecke.

So ein Weihnachtsmarkt kann einen ganz schön in die Irre führen. Der Glühwein schmeckt auch ein kleines bisschen bitter, so wie das Leben selbst, vielleicht, zumindest wie die Leben derer, die wir tagtäglich achtlos beiseite schieben.

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