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Ouagadougou: Grundsteinlegung am Schlingensief-Hügel

Susanne LettenbauerCopyright: Susanne Lettenbauer
Schlingensief bei der Grundsteinlegung: Theatralisch, urgewaltig, magisch – oder staubtrocken (Foto: Susanne Lettenbauer)

10. Februar 2010

Ein Festspielhaus in Afrika. Mit Theaterbühne, Caféteria, Werkstätten, einer Schule, Krankenhaus und Unterkünften für die Künstler – Christoph Schlingensiefs Traum wird wahr. Nur zwei Monaten nach der Entscheidung für ein Areal in Burkina Faso wurde jetzt bei Ougadougou die Grundsteinlegung des vom Goethe-Institut unterstützen Festspielhauses gefeiert. Von Susanne Lettenbauer

Vor dem Operndorf kommt die Installation: Bunte Container im Savannensand. Säuberlich im Halbkreis geordnet. Über Tausende Kilometer vom Ruhrgebiet nach Zinairé geschifft. Bepudert vom Harmattan, dem Saharawind der Wintermonate. Gefüllt mit gespendeten Requisiten der Ruhrtriennale. Dahinter pittoreske Granitblöcke und ein Blick über die afrikanische Savanne. Dieser Ort hat was.

Er glaube zwar nicht an Esoterik, aber Antennen haben wir alle am Kopf, meint der aufgekratzte Aktionskünstler Christoph Schlingensief. Wer einmal an diesem kargen Ort war, der wird auf sich zurückgeworfen, hat sich selbst an der Backe, wie es Schlingensief formuliert. Sogar heilige Zeremonien sollen hier gefeiert worden sein. Man könnte den Platz dramatisch nennen, theatralisch, urgewaltig, magisch - eine Naturbühne, auf der Lysander und Oberon aus den Stachelakazien springen. Oder ihn einfach nur als staubtrockenes Plateau bezeichnen.

Umgeben von kleinen und größeren Granitblöcken. Gut 30 Kilometer, 45 Minuten Fahrzeit von Ouagadougou entfernt. Eine afrikanische Offroadpiste. Vorbei an mageren Ziegen und dösenden Eseln. An kleinen quadratischen Lehmhäusern in derselben Ockerfarbe wie die stachlige Savanne ringsum. Heimat von Bauern, deren Kinder zu 80 Prozent noch nie eine Schule von innen gesehen haben, schon gar nicht ein Festspielhaus. Hier beginnt die Entschleunigung, so Schlingensief.

Keine Rede mehr von einem afrikanischen Bayreuth

Auf dem Halbrund, an dessen Fuß eine endlose Savannenparklandschaft beginnt. Vor der Grundsteinlegung mussten die Dorfältesten den Ort befragen. Er hat ja gesagt. Jetzt liegt diese Metallrolle in der afrikanischen Erde, gefüllt mit Plänen und Zeichnungen, der Grundstein für einen Traum, die Ewigkeitsgarantie für einen maßlosen Gedanken.

Ein steiniger Hügel also für das afrikanische Festspielhaus, das Operndorf, wie Christoph Schlingensief sein Lebensprojekt seit einer Weile bescheidener nennt. Keine Rede mehr von einem afrikanischen Bayreuth, von Klassik für Einheimische. Stattdessen: ein Heim für eine Schule mit 500 Schulkindern, ausgestattet mit afrikanischen Musikinstrumenten und westlichen Filmkameras. Ein Platz für Krankenhaus und Werkstätten, nach neuestem Niedrigenergiehausstandard erbaut.

Die Idee dazu hatte den Aktionskünstler und Regisseur Christoph Schlingensief schon lange beschäftigt. Er sammelte Geld auf seiner Lesereise im Herbst, warb in Talkshows und auf einer eigenen Webseite für das Projekt.

„Das fliegende Opernhaus“– Schlingensief in Afrika

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Ein Film von Sibylle Dahrendorf

Architekt Francis Kéré, gebürtiger Burkinabé, einst als Stipendiat der Carl-Duisberg-Gesellschaft nach Deutschland gekommen, bringt Solarthermik und Solarkollektoren in die Savanne – ein Experiment, hochgelobt von Regierung und Einheimischen. Eine Chance für die Menschen vom Hochplateau wäre Remdoogo, wie das Projekt bei der Grundsteinlegung auf riesigen weißen Bannern bezeichnet wird. Ein eleganter Entwurf samt Modell aus dem Berliner Architektenbüro von Kéré.

Kulturminister Philipp Savadogo begrüßt seit der ersten Begegnung mit Schlingensief das ungewöhnliche Dorfprojekt. Bei den anwesenden Honoratioren wie dem Bürgermeister der benachbarten Gemeinde Zinairé erntet er heftige Zustimmung. Im Schatten der kahlen Bäume sitzen die Frauen mit den Kindern. Den Eleven der Zukunft, die genau hier einmal zur Schule gehen sollen. Bei drei Prozent Bevölkerungswachstum wird es nicht lange dauern, bis die 300 Plätze vergeben sind in den Musik- und Filmklassen. In denen im übrigen kein Flügel stehen wird, vorerst nicht zumindest, versichert Schlingensief, später, man kann ja nie wissen, wie sich alles entwickelt, vielleicht auch das.


Schlingensief in Afrika: „Großer Mann, was planst du?“

In seiner Rede, ungeduldig und ausufernd, drängend und schon wieder trotz der Krankheitsgeschichte voller Energie, betont er wie schon im Weihnachts-Zeit-Feuilleton und auf Talkshow: Wir beklauen Afrika. Um gesund zu werden. Von Afrika lernen, so schrieb es Bundespräsident Horst Köhler, heißt, sich auf Neues einstellen zu können. Für jene der französisch verstehenden Mossi eine Bestätigung für die Chancen, die aus dem Operndorf auch für sie erwachsen können.

Die Erwartungen sind sehr hoch, das wurde bei der Grundsteinlegung klar. Bis Dezember steht der erste Teil, so hat es sich Francis Kéré im Beisein seines Vaters, eines ehrwürdigen Häuptlings samt festlich gekleideter Entourage, vorgenommen. Doch auch das war Christoph Schlingensief in seiner einstündigen Rede wichtig: Der Druck muss raus aus dem Projekt: Keine voreiligen Verpflichtungen zu Kooperationen mit der vielseitigen heimischen Künstlerszene, schon gar nicht zu einem starren Festspielprogramm. Die erste Inszenierung wird bereits vorbereitet, in Probenräumen der Hauptstadt. Via Intolleranza nach Luigi Nono, ein Werk, in der Schlingensief das Thema Intoleranz hinterfragen will. Das wird kein Folklore-Club, verspricht der Regisseur und es ist auch sicher was Anstrengendes, aber es ist eine Arbeit, um das Operndorf erst mal nicht zu stören.
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