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„Kulturweit“: Emil und die Detektive in Bangladesh

Goethe-Institut DhakaGoethe-Institut Dhaka
Max Wolf mit Schülern in Bangladesh (Foto: Goethe-Institut Dhaka)

8. März 2010

Seit einem halben Jahr arbeitet Max Wolf am Goethe-Institut Dhaka. Er ist einer von 64 Freiwilligen, die im Rahmen des Programms kulturweit erstmals an Goethe-Institute weltweit entsandt worden sind. Jetzt steht der Abenteurer kurz vor seiner Rückkehr und erzählt von seinen Erfahrungen. Von Julia Amberger

Wenn Max Wolf anfängt, in seinem Blog zu schreiben, kommt er schnell in Fahrt. „Stell dir mal vor, du stehst morgens auf, schnappst dir deine Tasche, verlässt das Haus, schaust einmal noch prüfend zum Himmel und trittst in einen Kuhfladen“, schreibt er im November 2009. „Wo bist du? Genau. In Dhaka. Die Stadt, in der ich nun schon seit mehr als zwei Monaten wohne, ist nicht mehr wiederzuerkennen. Der Verkehr, noch wahnsinniger als je zuvor, ist nun um zahlreiche Kühe, Ziegen und Schafe reicher, und in meinem Viertel muht und meckert es Tag und Nacht. Nirgendwo kann man mehr hingehen, ohne dass einem irgendjemand eine Ziege oder gar eine Kuh verkaufen will, selbst auf Werbeplakaten wimmelt es von Kühen – und von Menschen mit Messern und Kuhköpfen in ihrer Hand. Ja, es ist Schlachtfest, und wer nicht schon seit Mitte dieser Woche im Stau aus der Stadt heraus in sein Heimatdorf steht, opfert sein Tier morgen hier.“

Copyright: Max Wolf Fotostrecke: Bengalische Eindrücke


In der Hauptstadt Bangladeshs feiern die Muslime im November das Ende der Fastenzeit, des Ramadan. Unter ihnen: Max Wolf aus Ulm. Insgesamt ein halbes Jahr wird er in Dhaka leben und arbeiten, als Freiwilliger am Goethe-Institut. Gleich nach dem Abitur hat er sich für kulturweit beworben, den Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts in Zusammenarbeit mit der UNESCO und Partnern der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Sein Traum: raus aus Europa, nach der Schule erst mal etwas Anderes machen. Das Abenteuer suchen, die Herausforderung.

Die Herausforderung ist Bangladesh, das Armenhaus Südasiens. Zur Regenzeit versinken hier ganze Dörfer in den Fluten, die Hälfte der Einwohner kann weder lesen noch schreiben. So dicht besiedelt wie Bangladesh ist kein anderes Land der Welt – leere Straßen gibt es in der Hauptstadt Dhaka nicht. Alle paar Meter strömt einem hier eine andere Geruchsnote durch die Nase: Abfall, Kreuzkümmel oder Pfeifenrauch.

Hier wird improvisiert statt organisiert

Am Schreibtisch von Max Wolf riecht es nach Druckerschwärze und Papier, die Klimaanlage surrt. Er sitzt vor seinem Flachbildschirm und bastelt an einer Präsentation. Als Freiwilliger im Goethe-Institut Dhaka besucht er Schulen, die im Rahmen der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ als Partnerschulen für Deutschland gewonnen wurden. Anfangs hat er noch am Deutschunterricht teilgenommen. Jetzt lockert er den Unterricht auf, indem er deutsche Filme zeigt – mit Emil und den Detektiven hat er einen Volltreffer gelandet. Auch der exotische Präsentator kommt gut an: „In Bangladesch gibt es kaum Ausländer, deshalb wollen die Kinder auch alles über mich wissen. Wie man in Europa lebt, wo ich wohne, was ich in meiner Freizeit mache“, erzählt der 18-Jährige. Sein Blick schweift zum Fenster. „Ich weiß nicht, ob sich die Kinder mein Leben überhaupt vorstellen können – hier denken die Menschen ganz anders.“

An diesem schwülen Morgen winkt Max Wolf einen Rikscha-Fahrer herbei, mit einem Stapel Poster unterm Arm macht er sich auf den Weg zur South Point School. Tags darauf soll die seit langem geplante Ausstellung zum Thema Mauerfall eröffnet werden, ein Projekt der deutschen Botschaft und des Goethe-Instituts. Die Schule hat sich bereit erklärt, die Vorbereitungen zu treffen – doch als Max Wolf mit seinen Postern ankommt, weiß niemand Bescheid. Eigentlich sollten die Fotos und Informationstafeln in einem separaten Raum präsentiert werden, doch alle Klassenzimmer sind besetzt. Eine Alternative: Im Treppenhaus ist noch Platz. Aus den Tischen im Eingangsbereich baut Max Wolf eine Bar, an der er die Schüler mit Getränken ködern will. Die Eröffnung der Ausstellung: ein voller Erfolg. „Letztendlich war die spontane Lösung besser als die geplante – im Treppenhaus ist die Ausstellung präsent“, sagt Wolf. „In Deutschland sind wir oft zu penibel, haben Angst, dass etwas schief geht. Aber es gibt nicht nur einen Weg zum Ziel. Deshalb ist es nicht so schlimm, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant.“

Auch in seiner Freizeit hat Wolf gelernt, auf sein Glück zu vertrauen. Es gibt zum Beispiel keinen Fahrplan für Busse. „Ich packe einfach den Rucksack und gehe zur Haltestelle. Irgendwann kommt dann schon der richtige Bus. Und eine Übernachtungsmöglichkeit findet man auch überall.“ Ohne weit vorauszuplanen, ist er zu einem Seminar von kulturweit nach Indien gereist. Oft lässt sich Wolf aber auch nur treiben in Purano-Dhaka, der Altstadt von Dhaka, beeindruckt von den ungeheuren Gegensätzen: „Da lebt direkt neben einem mittelalterlich anmutenden Palast eine Familie auf der Straße, ein Kind bettelt vor einer Eliteschule, von der die Schüler in großen, teuren Autos abgeholt werden.“

Max Wolf: „Ich lebe nicht isoliert“

Bevor er nach Bangladesh geflogen ist, hat der Deutsche mit allem gerechnet: überflutete Straßen, Elend und Korruption. „Aber es passiert nicht jeden Tag eine Naturkatastrophe, nicht alle Menschen leben in Slums“, stellt er jetzt fest. Wolf wohnt in Dhanmondi, dem Intellektuellen- und Künstlerviertel, in einer Wohnung des Goethe-Instituts für Praktikanten und Freiwillige. Kneipen oder Nachtclubs gibt es nicht. Stattdessen treffen sich die jungen Leute auf der Dachterrasse des Goethe-Instituts. Hier dürfen sie sogar Händchen halten, was in der Öffentlichkeit verboten ist.

„Ich lebe nicht isoliert von der bengalischen Realität, wie ich es vor Abflug befürchtet habe“, erzählt Wolf. Und wie kommt er damit zu recht? Sehr gut, meint er, in den letzten Jahren habe sich das Land enorm weiterentwickelt. „Die Menschen wollen Politik mitgestalten, wollen erfahren, was auf anderen Teilen der Erde passiert. Und gehen immer weiter, im Vertrauen darauf, dass alles gut geht.“ Um mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten, musste er selbst dieses Vertrauen entwickeln. Sich einlassen auf das, was spontan passiert. In Deutschland wird er wohl wieder umdenken müssen. Spätestens dann, wenn er schon eine Viertelstunde in der Kälte auf den Bus wartet und sich die Hände reibt, wird er sich ärgern: Hätte ich doch bloß vorher auf den Plan geschaut.

kulturweit ist der Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts in Zusammenarbeit mit der Deutschen UNESCO-Kommission. Er ermöglicht Menschen aus Deutschland im Alter zwischen 18 und 26 Jahren, sich für sechs oder zwölf Monate im Bereich der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zu engagieren. Die Einsatzstellen des Goethe-Instituts befinden sich in Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sowie in Staaten Mittel- und Osteuropas. Kulturweit basiert auf den Grundsätzen des Freiwilligen Sozialen Jahres. Der Freiwilligendienst kann während des Studiums (zum Beispiel als Praxissemester) oder direkt im Anschluss an das Studium absolviert werden. Zugleich ist kulturweit eine Orientierungsmöglichkeit für Abiturienten und bietet eine Alternative zum Zivildienst in Deutschland.
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