Goethe aktuell

„Promised City“: Von Stadträumen und Stadtträumen

Yael BartanaCopyright: Yael Bartana
Szene aus dem Film „Wall and Tower“ (Copyright: Yael Bartana)

4. März 2010

Mit der Ausstellung Early Years in Berlin beginnt das Projekt The Promised City. Es setzt sich mit dem Mythos Stadt, den Träumen, Illusionen und Versprechen moderner Metropolen auseinander. Und erprobt dabei neue Wege der internationalen Zusammenarbeit. Von Frauke Fentloh


Zbigniew Libera lässt die Menschen aus den Städten ausziehen. In einem diffusen Flüchtlingsstrom lassen Männer, Frauen, Kinder die verwildernde Metropole als Teil einer gescheiterten Zivilisation hinter sich. In seiner großformatigen Fotoarbeit entwirft der polnische Künstler ein apokalyptisches Panorama von Stadt als Ausgangs- und Endpunkt der Suche nach einem besseren Ort. Diese Suche ist Teil der Ausstellung Early Years in den Berliner Kunst-Werken, die das vom Goethe-Institut und dem Polnischen Institut Berlin initiierte Großprojekt The Promised City einläutet.

Während der Auszug der Menschen aus den Städten die Vision einer Abkehr von den Metropolen entwirft, zeichnet die Realität der demografischen Stadtentwicklung ein genau gegenteiliges Bild: Seit 2007 leben weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land – die Stadt ist wie kein anderer der Sehnsuchtsort der Moderne. Der Faszination der Metropolen, ihre Strahlkraft, ihre Versprechen und Verheißungen nimmt sich The Promised City zum Ausgangspunkt: Von „Stadträumen“ und „Stadtträumen“ handele dieses Projekt, fasst Martin Wälde, Leiter des Goethe-Instituts Warschau, den Ansatz der künstlerischen Initiative zusammen. Dabei hätten vor allem die gemeinsamen internationalen Produktionsprozesse eine wichtige Rolle gespielt – und somit gleichzeitig die Netzwerke des Goethe-Instituts neu in Bewegung gesetzt.

Copyright: Marta Gendera und Boris Sieverts Fotostrecke: Das andere Warschau


Unter diesen Vorzeichen haben zahlreiche Künstler, Kuratoren, Kulturschaffende und Wissenschaftler in den letzten zwei Jahren Neuproduktionen in Theater und Bildender Kunst, Film, Literatur und Urbanistik entwickelt. Im Zentrum stehen dabei zunächst die Städte Berlin und Warschau, die, obwohl nur durch wenige Autostunden Fahrt getrennt, mitunter Lichtjahre voneinander entfernt scheinen.

Aufbruch und Scheitern

Einen wiederum anderen, von der europäischen Perspektive gelösten Blick auf den Mythos der Stadt soll die Einbeziehung der indischen Riesenmetropole Mumbai ermöglichen. So nähern sich etwa die indischen Medienkünstler des Raqs Media Collective den drei Städten mit der Videoinstallation The Capital of Accumulation an, die an Rosa Luxemburgs Text Die Akkumulation des Kapitals angelehnt ist und vom Scheitern und vom städtischen Versprechen eines Neubeginns erzählt.

Für die Fotoarbeit Glückssucher haben sich junge Fotografen der Berliner Ostkreuzschule mit Kollegen aus Polen und Indien mit der Imagination von Metropolen und der modernen Ideologie der Glückssuche auseinandergesetzt und ganz unterschiedliche Orte dokumentiert – Einkaufszentren und Schwulenbars, Fitness-Clubs und Gated Communities.

Copyright: Nele Kollecker, Philip Poppek, Rebecca Sampson, Rami Tufi Fotostrecke: Spuren von Glück


Den Ausgangspunkt für die Ausstellung Early Years bildet unterdessen die öffentliche Debatte um das Warschauer Museum für Moderne Kunst. Dessen kurze Historie ist geprägt durch den Diskurs über die Nutzung öffentlicher Räume, über die Architektur des bisher nur temporär bestehenden Museums, die Notwendigkeit seiner Existenz. Diese Kontroversen, provoziert durch ein Gebäude, spiegeln die unterschiedlichen Erwartungen wider, die sich an die Stadt knüpfen, sagt Kuratorin Joanna Mytkowska.

Und so thematisieren die hier gezeigten Arbeiten die Stadt, ihre Räume als Orte der Verheißung und der Desillusionierung, sie spiegeln Aufbruch und Scheitern, Zuversicht und Hoffnungslosigkeit. Sie zeigen verlassene und seltsam entrückt wirkende Gebäudekomplexe im postkommunistischen Bukarest oder uniformierte Blinde vor dem symbolträchtigen Warschauer Kulturpalast.

Knoten im Mythos

Kunst im öffentlichen Raum erprobt auch die von einem internationalen Kuratoren-Team entwickelte mobile Veranstaltungs-Plattform The Knot – denn diese sei schon aus praktischen Gründen oftmals mit Schwierigkeiten verbunden, erklärt Mitentwickler Markus Bader vom Raumlabor Berlin. Schließlich schränke der Mangel an alltäglichen Ressourcen wie Strom oder Wasser den künstlerischen Handlungsraum außerhalb der gewohnten infrastrukturellen Dimensionen stark ein. Als mobile Plattform für künstlerische Präsentation und Produktion soll das Vehikel diese Schwierigkeiten überwinden, soll Begegnungsort sein für Kunstschaffende und Interessierte.

The Knot wird öffentliche Räume zwischen Berlin und Bukarest besetzen, Zentren und Peripherie gleichermaßen: Das Mobil wird voraussichtlich Halt machen am Berliner Kulturforum und am Kreuzberger Mariannenplatz, vor dem Warschauer Kulturpalast und in Vorortsiedlungen der polnischen Hauptstadt. Im Vordergrund steht dabei die Interaktion mit der jeweiligen urbanen Umgebung, betont Tomasz Dbrowski, Direktor des Polnischen Instituts Berlin: Auf diese Weise könne das ungewöhnliche Gefährt „seine Fühler ausstrecken“ und je nach Bedarf als Probe- und Ausstellungsraum genutzt werden, als Werkstatt oder Klassenzimmer, Konzertsaal oder Café.

Auch beim Theaterprojekt X-Wohnungen des Berliner Theaters Hebbel am Ufer verschwimmen die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Räumen: Warschauer Privatwohnungen werden hier zur Bühne für künstlerische Interventionen. Etliche weitere Produktionen vereint die Auseinandersetzung mit der Stadt als mythologischem Ort des Glückversprechens. So zeigt das Hebbel am Ufer im Rahmen des Festivals Polski Express Neuproduktionen polnischer Theatermacher, darunter Das Gelobte Land von Jan Klata und Krzysztof Warlikowskis (A)pollonia. Im gleichnamigen Theaterstück entwerfen Schüler aus Berlin und Warschau ihre Ideale Stadt. Die Ausstellung Wystawa der Kunst-Werke Berlin wird in Warschau gezeigt – dessen Bewohnern der Kölner Künstler Boris Sieverts mit einer künstlerischen Stadtreise neue Einblicke in ihre vermeintlich vertraute Stadt eröffnen will.

Die Vortragsreihe If I Can Make It There findet in Berlin und Warschau statt, der Journalistenaustausch Die Welt im Notizbuch und das Literaturprogramm Die Fährte in Mumbai, Warschau und Berlin. Sie ermöglichen Journalisten und Schriftstellern Aufenthalt und Produktion in den jeweils anderen Städten. Die Filmreihe Promised Cities schließlich rundet den Projektereigen im Rahmen des Warschauer Filmfestivals Planete Doc Review ab.
Das Projekt The Knot wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.
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