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„Die Kunst der Unabhängigkeit“: Warum Lateinamerika seit 200 Jahren seine Identität sucht

Goethe-InstitutCopyright: Fernando Gutiérrez
Vergangenheitsbewältigung der satirischen Art: Künstler Gutiérrez auf einer Reise durch die von Chile annektierten Gebiete Südperus (Copyright: Fernando Gutiérrez)

20. März 2010

Lateinamerika feiert 200 Jahre Unabhängigkeit. Feiert? Der Rückblick anlässlich des Jahrestages ist ein ambivalenter. Die beschworene Integration des Kontinents lässt noch auf sich warten. Das zeigt auch eine Ausstellung des Goethe-Instituts, die in Buenos Aires ihre Wanderschaft beginnt. Von Ole Schulz

Ein Körper windet und wälzt sich in einer Hängematte, mal schlaff ausgestreckt, mal wild zuckend. Die Hängematte ist in gold, blau und rot gehalten und trägt weiße Sterne – es sind die Farben der venezolanischen Nationalflagge. Begleitet wird das Video der deutschen Künstlerin Christine de la Garenne von krächzenden Papageienlauten. Hört man genau hin, versteht man, dass die Papageien „Gloria al bravo pueblo“ singen, Teile der Nationalhymne Venezuelas.

„Ruhm dem tapferen Volke“, die fünfminütige Videoarbeit de la Garennes, ist eines der Kunstwerke, die ab 25. März in der Ausstellung Weniger Zeit als Raum im Goethe-Institut von Buenos Aires anlässlich von 200 Jahren Unabhängigkeit Lateinamerikas zu sehen sind. Menos tiempo que lugar, wie der rätselhafte Titel der Ausstellung nach einer Gedichtzeile Mario Benedettis auf Spanisch heißt, wird im Anschluss in verschiedenen Städten Lateinamerikas gezeigt, bevor die Kunstschau 2011 nach Deutschland kommt.

Für das Projekt Die Kunst der Unabhängigkeit: Der zeitgenössische Pulsschlag hat das Goethe-Institut Intellektuelle und Künstler aus Deutschland und Lateinamerika zum Dialog eingeladen. Man wollte in der dazugehörigen Ausstellung „keine Jubelschau“ betreiben, sagt der Kurator Alfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro, sondern die Vergangenheit als Ansatz für eine zeitgenössische Reflexion nehmen, „Unabhängigkeit“ verstanden wissen als immer wieder neu zu interpretierende und anzustrebende Errungenschaft.

Herausgekommen sind vor allem satirische Arbeiten zum „Bicentenario“, dem 200-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum: Der Peruaner Fernando Gutiérrez hat zum Beispiel mit dem Urgroßenkel des legendären Admirals Miguel María Grau Seminario eine Reise im VW-Bus bis nach Südchile unternommen – entstanden ist eine in opulenten Inszenierungen gehaltene Fotoserie mit dem Nachfahren jenes peruanischen Nationalhelden, der zwar heldenhaft gekämpft hat, aber am Ende die Annexion von Südperu durch Chile nicht verhindern konnte. In Peru ist diese Niederlage bis heute ein nationales Trauma.

Fataler Widerspruch

In Argentinien gastiert die Ausstellung im Palais de Glace. Der 1911 im französischen Stil der Belle Epoque errichtete „Eispalast“ versinnbildlicht die Irrungen und Wirrungen der argentinischen Geschichte: Zunächst als Eislaufhalle eröffnet, in der die Bourgeoisie der Hauptstadt der neusten europäischen Mode frönen konnte, wandelte sich der Palast später zu einem Ort, wo die sich herausbildende nationale Kultur einen Ausdruck fand: Der „Palais de Glace“ wurde zu einem der bekanntesten Tango-Salons von Buenos Aires.

Argentinien, wo der Bicentenario am 25. Mai begangen werden wird, war eines der ersten Länder Lateinamerikas, das sich seine Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland erkämpfte. Trotzdem tat man sich auch hier mit der Identitätsfindung schwer. Der Intellektuelle und Politiker Faustino Sarmiento konstruierte noch 1845 einen fatalen Widerspruch: Zivilisation wider Barbarei. Sarmiento nahm dabei die Position des „zivilisierten Europäers“ gegenüber dem „amerikanischen Barbaren“ ein.

Weiter im Norden des Kontinents war es Jahrzehnte vor Sarmiento vor allem ein Mann, der nach endlosen Kämpfen zwischen den für die Unabhängigkeit ringenden „Patrioten“ und den königstreuen „Royalisten“, als „Befreier“ in die Geschichte einging: Simón Bolívar. In seinem Brief aus Jamaika hatte Bolívar bereits 1815 hellsichtig vor Nationalismen gewarnt und die Integration des Kontinents beschworen – eine Herausforderung, die bis heute ungelöst erscheint.

Kreolen nutzen das Machtvakuum

Allein die Loslösung seiner Heimat von Spanien erwies sich schwieriger, als nachträgliche Heldensagen vermuten lassen. Tatsächlich feiern die heutigen Staaten jeweils den Beginn ihrer Unabhängigkeitsbewegungen, die sich über viele Jahre hinzogen. Begonnen hatten sie als Bestrebungen um mehr politische wie ökonomische Autonomie vom Mutterland in einem Machtvakuum, als Spanien 1808 von den Franzosen besetzt und der spanische König Ferdinand VII. von Napoléon Bonaparte gefangen gesetzt worden war.

Die lang anhaltenden Kämpfe um die Unabhängigkeit, die sich im Anschluss daran in Lateinamerika entwickelten, seien „Bürgerkriege“ unter der Führung der weißen, spanisch-stämmigen Kreolen gewesen, sagt der argentinische Historiker Héctor Pérez-Brignoli. „Fast immer waren auf beiden Seiten neben den Kreolen auch Mestizen, Indigene und Schwarze dabei.“

Die politischen Vorstellungen des „Republikaners“ Bolívar wurden dabei im Laufe der Unabhängigkeitskriege zunehmend autoritärer, und schließlich wurden Staatengebilde gegründet, die vor allem den Interessen der herrschenden Kreolen dienten.

Ein gelegentlich sarkastischer Blick

Trotz aller Ambivalenzen ist Bolívar in Lateinamerika bis heute ein nahezu unanfechtbarer Nationalheld: Während Venezuelas populistischer Präsident Hugo Chávez wortgewaltig eine „bolivarische Revolution“ verkündet, die den Kontinent in den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ führen soll, wurde der libertador auch in einer Umfrage unter Intellektuellen und Künstlern gerade wieder mit großem Abstand zur wichtigsten Persönlichkeit der Geschichte Lateinamerikas gewählt.

Einige der Künstler der Bicentenario-Ausstellung des Goethe-Instituts haben Bolívars Carta de Jamaica als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit dem Erbe des politischen Messianismus mit seinen ewigen Versprechungen genommen. Dabei überwiegt ein kritischer, gelegentlich sarkastischer Blick: Der Venezolaner Alexander Apóstel lässt in Armenvierteln von Caracas etwa den Brief aus Jamaika auf Englisch vorlesen, die Sprache, in der Bolívar seinen Text ursprünglich verfasst hatte. Da die Vortragenden des Englischen nicht mächtig sind, ergibt sich ein groteskes Gemurmel.

Während die Politik „auf ihrem langen Weg durch Zeit und Raum viel von ihren Idealen verloren“ habe, so Kurator Alfons Hug, habe die Kunst die Freiheit, „weiterzuträumen“. So mag der in die venezolanische Fahne eingewickelte, zuckende Körper in Christine de la Garennes Videoarbeit manchem Betrachter allein wie ein Todeskampf erscheinen – als ein Symbol für die Sinnlosigkeit der scheinheiligen politischen Diskurse –, doch die Künstlerin sagt selber, es gehe ihr sowohl darum, „das Verharren in den Zuständen der Unterdrückung“ als auch „die Anstrengungen, diesen Zustand zu überwinden“, sichtbar zu machen. Denn um eine Notwendigkeit komme man nicht herum: „Sich trotz wiederkehrender Erschöpfung oder Enttäuschungen weiter zu engagieren.“
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