Goethe aktuell

Autorin Bodrozic im Interview: „Sprache ist auch der menschliche Körper“

Jens OellermannCopyright: Jens Oellermann
Autorin Bodrozic: „Mich interessiert vor allem das Persönliche“ (Foto: Jens Oellermann)

25. März 2010

Marica Bodrozic ist gern unterwegs. Die Schriftstellerin aus Berlin reiste schon an die entlegensten Orte – oft mit dem Goethe-Institut. Im Interview spricht sie über Fernweh, den Rhythmus fremder Städte und die Bedeutung des Schreibens.

Sie waren schon viel mit dem Goethe-Institut unterwegs – an so unterschiedlichen Orten wie Marrakesch oder Chicago. Was haben Ihnen diese Orte gesagt?

Bodrozic: Bevor man irgendwo ankommt, denkt man immer, man wird den Ort an sich kennenlernen, aber das Interessante ist beim Reisen, dass man immer sich selbst mitbringt und das eigene Leben, die eigenen Erfahrungen. Das merkt man dann auch und gerade in der Fremdheit. Wenn man etwa die Sprache nicht versteht, dann kommt es darauf an, welche Form der Orientierungen man für sich findet. Es bleibt einem meist nichts anderes übrig, als sich in den Rhythmus einzufühlen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In Marrakesch ist es mir einmal passiert, dass ich mich zwei Stunden vor einer Lesung im Marktviertel verirrt habe. Dabei habe ich in erster Linie etwas über mich selbst gelernt: Nämlich, dass ich sehr ruhig werde, wenn Situationen etwas grenzwertig werden. Und auch, dass sich dann alles doch wieder fügt. Damals traf ich dann zufällig ein Pärchen wieder, das ich aus den Vortagen kannte; die beiden halfen mir dann, den Weg zu finden. Ich habe sie danach noch mehrmals wiedergetroffen – solche Geschichten verbinden ungemein.

Reisen heißt, neue unbekannte Dinge kennenzulernen. Sich darauf einzulassen braucht Zeit. Marrakesch und Nowosibirsk, Minsk und Chicago, alle vier Städte haben Sie im selben Jahr bereist.

In diesem Jahr war ich tatsächlich nur wenige Wochen daheim in Berlin und viel öfter im Ausland. Es ist aber auch sehr viel daraus entstanden. Gerade in Nowosibirsk: Ich war dort im Rahmen eines Stadtschreiber-Projekts des Goethe-Instituts für mehrere Wochen. Wir waren einige Autoren, die gewissermaßen kulturell das Feld sondiert haben, bevor dann später das Goethe-Institut dort eröffnet wurde. Wir waren eine Art kulturelle Beobachter.

Wie machen Sie das? Ist es nicht anstrengend, ständig unterwegs zu sein?

Fremdheiten sind interessant und inspirierend, aber man braucht schon eine gewisse seelische Disposition, um sich in das Unbekannte zu stürzen und mit verschiedenen Alltagsproblemen umzugehen. Es klingt banal, aber in Nowosibirsk gibt es nun einmal nicht Spaghetti in jedem Restaurant. Selbst solche kleinen Dinge sind bei Reiseerfahrungen essenziell. Damit hört es natürlich nicht auf: Besonders eindrucksvoll ist ja die ganz wörtliche Sprachlosigkeit, die man in einem Land erfährt, in dem man nicht einmal die Schrift lesen kann.

Was interessiert Sie auf Ihren Reisen am meisten?

Mich interessiert vor allem das Persönliche: Wie leben die Menschen dort, wie gehen sie mit ihren persönlichen Freiheiten und Unfreiheiten um. Ich bin im ehemaligen Jugoslawien geboren und erst im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Daher hatte die Beschäftigung mit dem Thema Freiheit immer auch etwas Vertrautes für mich.

Sie waren einmal im Rahmen der Bibliotheksinitiative „Menschen und Bücher“ Patin für eine Bibliothek in Usbekistan – da spielt das Thema Freiheit bestimmt eine besondere Rolle.

Das war ein ganz großartiges Projekt, bei dem mehrere deutsche Autoren für Bibliotheken in Osteuropa und Zentralasien Patenschaften übernommen haben. Ich war in Usbekistan und war sehr berührt davon, die dortige Bibliothekarin kennenzulernen, die wirklich alles getan hat, um mit den Büchern den Menschen dort, die in einer Diktatur leben, einen Freiraum zu geben und ein Fenster für den geistigen Raum zu öffnen. Viele Bücher wurden damals vom Goethe-Institut geliefert – ich habe das wirklich als sehr wichtige Aufgabe begriffen. Die Bibliothek war der Ort, an dem Menschen sich mittels der Bücher und durch das Lesen eine Freiheit im Denken geschaffen haben.

Wie schlagen sich Ihre Erlebnisse in Ihren Texten nieder?

Zum einen ganz unmittelbar: Ich schreibe Reportagen. Zum anderen sind da ganz persönliche Erfahrungen, wie etwa diese tiefen Momente des Ausgeliefertseins, der Einsamkeit oder der Begegnungen mit den fremden Menschen, die aber doch alle das Gleiche beschäftigt, so etwas wie – was ist Liebe, was ist Existenz, warum mache ich dies oder das? Das schlägt sich alles dann eher mittelbar in meinem Schreiben nieder, gerade in meinen Gedichten. Aber auch in dem Roman, den ich gerade beende, taucht Sibirien plötzlich in einem Nebensatz auf. Hier lösen sich Schreiben und Erfahrung voneinander ab, und es entsteht in meinen Texten etwas ganz Autonomes, manchmal sehr Assoziatives.

Hat auch der Austausch mit ausländischen Kollegen eine wichtige Rolle für Sie gespielt?

Natürlich trifft man sich immer mit anderen Autoren, aber eine Erfahrung ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Am Goethe-Institut in Chicago sprach mich ein Dichter aus Indiana an, der einen sogenannten asiatischen Migrationshintergrund hatte. Er schrieb auf Englisch. Und wir stellten fest, dass er exakt die gleichen Erfahrungen in den Staaten macht wie ich in Deutschland. Von der Überraschung, dass man in einer Fremdsprache literarisch schreibt, bis hin zu den Fragen, die uns über unsere Herkunft gestellt wurden. Daran habe ich vor allem eines gemerkt: Menschen, die in eine fremde Kultur kommen, haben es alle mit denselben Strukturen und Herausforderungen zu tun, egal in welches Land sie kommen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Auf meinen Reisen habe ich gelernt, dass alle Menschen überall und immer, sich letzten Endes mit denselben Problemen beschäftigen. Die wichtigsten Fragen des Lebens sind für alle gleich, nur die jeweiligen kulturellen Codes, die Begleitumstände unterscheiden sich.

„Ich habe Fernweh, egal wo ich gerade bin.“ Das Zitat stammt von Ihnen. Ist das der Ausgangspunkt, an dem für Sie das literarische Schaffen beginnt?

In gewisser Weise schon. Man hat ja immer ein Ziel, aber auf Reisen gelingt es einem, für einen Moment innezuhalten. Ganz wichtig ist für mich das Schauen-Dürfen: Während man im Alltag und zu Hause immer feste Abläufe hat und vieles um einen herum nicht mehr wahrnimmt, ist man im Ausland da, um zu schauen. In Marrakesch habe ich stundenlang im Café de France gesessen und auf den berühmten Platz Djemma el Fna geschaut. Dort habe ich auch Canettis wunderbares Buch über Marrakesch wiedergelesen und den Zusammenhang gesucht zwischen dem, was ich lese, und dem, was ich sehe. Und daraus entstehen auch viele wichtige Anknüpfungspunkte für das eigene Schreiben.

Was ist Schreiben für Sie?

Sprache ist für mich nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch der menschliche Körper, der zur Biografie jedes Menschen gehört. Hier schließt sich der Kreis zum Schreiben. Die Fragen, die mich beim Schreiben beschäftigen sind: Was hat die Menschen dazu gebracht, so zu sprechen, wie sie sprechen? Oder auch, was verrät ihre persönliche Sprache über ihre ureigene Art, dem Leben zu begegnen? Warum trifft man bestimmte Entscheidungen und warum nicht? Dies ist immer mit Geschichten verbunden, aber eben auch mit der ganz konkreten Sprache, in der sie bei einem bestimmten Menschen zum Ausdruck kommen. Durch das Schreiben will ich vielleicht das Leben an sich verstehen: die Liebe, die Abgründe, die Vielfalt der menschlichen und persönlichen Wege.

Das Gespräch führte Sabine Erlenwein auf der Leipziger Buchmesse (Redaktionelle Bearbeitung: Viola Noll)

Marica Bodrozic wurde 1973 in Zadvarje/Dalmatien/Kroatien geboren. 1983 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach einer Buchhändlerlehre in Frankfurt studierte sie Kulturanthropologie und Slawistik. Heute lebt Bodrozic in Berlin. Die Autorin wurde mit diversen Förderpreisen ausgezeichnet. Ihr neuer Roman erscheint im August unter dem Titel Das Gedächtnis der Libellen im Luchterhand-Verlag


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