Goethe aktuell

Griechisch-deutsche Geschichte: Widerstand aus dem Off

Margarita KiaouCopyright: Pantelis Pantelouris
Redaktionssitzung bei der griechischen Sendung der Deutschen Welle, die Redakteurin ist Danae Koulmasis, die Mutter des Regisseurs (Foto: Pantelis Pantelouris)

7. April 2010

Das Timing ist Zufall und doch bezeichnend: Ausgerechnet in einer Zeit der Spannungen zwischen Griechenland und Deutschland erinnert der Regisseur Timon Koulmasis an eine Epoche besonderer Verbundenheit. In Athen feierte sein Film über die Rolle der Deutschen Welle während der Militärjunta Premiere.

Zu Hunderten drängten sie sich in den Saal des Goethe-Instituts Athen. Der Staatspräsident höchstpersönlich gab sich die Ehre. Dass Karolas Papoulias dem „deutsch-griechischen Gipfel“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beiwohnte, hatte allerdings nichts mit den atmosphärischen Spannungen zwischen den beiden Ländern zu tun, auch war es keine repräsentative Pflichtübung des Staatsoberhaupts. Nein, Papoulias war selbst einer der Protagonisten des Films, der hier Ende März uraufgeführt wurde.

Wort und Widerstand heißt das Werk von Timon Koulmasis, das sich mit einer historischen Ära beschäftigt, in der die griechisch-deutsche Solidarität besonders groß war. Wort und Widerstand – eigentlich hätte der Film auch Wort ist Widerstand heißen können, illustriert er doch die Rolle der Deutschen Welle für den griechischen Widerstand zur Zeit der Militärjunta. Und hier kommt wieder der heutige Präsident ins Spiel: Er war von 1967 bis 1974 im Exil in Deutschland und freier Mitarbeiter der Redaktion der Deutschen Welle, die jeden Abend um 20.40 Uhr Griechenland mit unabhängigen Nachrichten versorgten. Trotz der Androhung harter Strafen konnten die Obristen nicht verhindern, dass allabendlich bis zu drei Millionen Hellenen dem Radioprogramm des verbotenen Senders lauschten.

So wurde die Deutsche Welle Teil der griechischen Geschichte. Regisseur Koulmasis war sechs Jahre alt, als die Militärs 1967 die Macht in Griechenland übernahmen. Sein Vater ist der Publizist Peter Coulmas, seine Mutter die Verlegerin und Publizistin Danae Koulmasis, damals selbst auch Redaktionsmitglied der griechischen Sendung der Deutschen Welle. Für Goethe aktuell beschreibt er, wie er die Uraufführung erlebt hat:



Die Macht des engagierten Wortes

Von Timon Koulmasis

Ein Kind hat das Glück, Orte und Menschen in seiner Erinnerung in willkürlicher Zeitabfolge wachrufen zu können, ohne sich der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses oder seiner Ursachen und Konsequenzen bewusst werden zu müssen. Vielleicht muss ich ehrlichkeitshalber so auf die Frage antworten, wie und warum ich meinen Film über die Männer und Frauen begonnen habe, die, vom faschistischen Regime der Obristen ins Exil gezwungen, die berühmte griechische Sendung der Deutschen Welle geschaffen hatten, welche täglich zwischen 20.40 und 21.40 Uhr ausgestrahlt und in den finsteren Jahren der Diktatur heimlich von der großen Mehrheit der Griechen gehört wurde. Sie vermittelten freie Information in dem geknechteten Land, riefen täglich zum Widerstand auf und gaben den Menschen Hoffnung und die Kraft, ihre Würde zu bewahren.

Für mich, damals ein Kind, sind sie aber die Freunde meiner Mutter. Sie sind jung, lustig, ich erinnere mich an sie hinter einer dicken Wolke von Zigarettenrauch auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer, das auf einen kleinen Garten guckt. Sie diskutieren, singen, streiten ohne Unterlass. Sie träumen von der Freiheit und Rückkehr in die Heimat, und sie sind reizend zu uns Kindern, die sie in Deutschland aufwachsen sehen werden.

Der Blick des Kindes erinnert uns daran, dass hinter der Maske, die die Nachwelt auf die Gesichter der Bösen oder Helden setzt, Männer und Frauen stehen, und dass sie es sind, die Geschichte schreiben. Mein Film bezeichnet die historische Rolle, die jene Menschen, welche die Erinnerung des Kindes für einen Augenblick vor den Fensterscheiben, hinter denen ein Kirschbaum leuchtet, festhält, während und nach der Diktatur gespielt haben, und verdeutlicht den Platz, den sie bald vierzig Jahre später noch immer in der Kollektiverinnerung des Landes einnehmen.

Copyright: Margarita Kiaou
Regisseur Koulmasis (Foto: Margarita Kiaou)
Wie schon in meinem Film über Ulrike Meinhof (1994), bin ich also von meinen persönlichen Erinnerungen an die Jahre meiner Kindheit in Deutschland ausgegangen, die ich den Erinnerungen der Zeitzeugen an diese Epoche entgegensetze. Die Griechische Sendung der Deutschen Welle mag heute Geschichte sein, ihre Aktualität besteht in dem Beispiel, das sie hinsichtlich der Möglichkeiten und des Einflusses des kritischen Wortes gesetzt hat. In Wort und Widerstand hinterfrage ich die Macht des engagierten Wortes und versuche, seine Notwendigkeit gerade heute neu zu definieren.

Mir ging es darum, die Geschichte so zu erzählen, dass sie in der Gegenwart gültig ist. Ich schließe die Jugendrevolte in Griechenland im Dezember 2008 als entfernten Kontrapunkt mit ein, denn sie spiegelt die politische Entzauberung und den Verlust von Anhaltspunken und Werten wieder, die heute unser Bewusstsein bedrohen. In meinem Film bezeichne ich das Dilemma, vor dem das Wort steht, wenn es Praxis werden will, um den Abgrund zwischen poetischer Ethik und politischem Anspruch zu überbrücken. Das war damals brisant und ist auch heute noch brennend aktuell.

Für eine Uraufführung des Filmes über Wort und Widerstand schien mir das Goethe-Institut Athen aus vielerlei Gründen als der geeignete Ort. Zur Zeit der Junta war es vermutlich das einzig wirklich freie Forum in der Stadt, in der Meinungen gegen die Diktatur geäußert werden konnten, obwohl die Bundesregierung die Obristen wenn nicht offiziell billigte, so doch im Interesse wirtschaftlicher und militärischer Beziehungen zu Griechenland letztendlich in Kauf nahm. Heute, wo unverständliche Häme die Beziehungen zwischen den Ländern vergiftet und die Berichterstattung auf zum Teil betrüblich niedrigem Niveau geführt wird, lag es mir als in Deutschland aufgewachsenem Griechen am Herzen, meinen Film in einem Rahmen des Austausches und gegenseitigen Verständnisses aufzuführen. Mein Dank gilt dem Goethe-Institut Athen, das mit dieser Premiere die Tradition des freien Forums fortsetzte. Auch waren mir die zwei Abende im März 1995 im Goethe-Institut Athen in Erinnerung geblieben, wo Hunderte von jungen Menschen meinen Film Ulrike Marie Meinhof bis in die Nacht diskutierten.

Dieses Mal folgten Zuschauer aller Generation nach der Vorführung auch der Podiumsdiskussion, die sich für mich wie ein Theaterstück gestaltete. Die Protagonisten des Filmes traten aus der Leinwand plötzlich leibhaftig auf die Bühne und spielten das Stück lebhaft weiter, stritten freundschaftlich über die Ränge im Saal hinweg miteinander und bezogen auch das kontrovers diskutierende Publikum mit ein. Und die Großzügigkeit des sichtlich bewegten Staatspräsidenten Papoulias wird mir unvergesslich bleiben.
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