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Musikalische Experimente in Hanoi: Neue vietnamesische Welle

Mirko Heinemann Copyright: Mirko Heinemann
Traditionelles Instrument, neuer Einsatz: Lan Wie Wie mit ihrer Pipa (Fotos: Mirko Heinemann)

20. April 2010

Tradition reicht nicht: Hanoi will in der Kunst endlich Wagnisse eingehen. So wie bei Cracking Bamboo. Auf dem Percussion-Festival produziert eine Schar internationaler Musiker bislang Ungehörtes. Dabei lassen sie keineswegs nur Bambus knacken – sondern auch Milchaufschäumer fiepen. Mirko Heinemann hat’s gehört.

Die Pipa wurde schon vor über 2000 Jahren in Schriften der Qin-Dynastie erwähnt. Jetzt liegt die chinesische Laute in den Armen der vielfach preisgekrönten Musikerin Lan Weiwei. Die junge Frau schließt ihre Augen und beginnt ein langgezogenes Tremolo. Für einen Moment schweigen alle: der türkische Handtrommelspieler, die deutschen Trommler, der mongolische Obertonsänger. Es scheint, als würde sogar das ewige Hupkonzert auf den Straßen von Hanoi innehalten, um die Reinheit der zarten Klänge nicht zu beflecken.

Letzteres ist natürlich Einbildung. Muss Einbildung sein, denn Hanoi, diese Sechs-Millionen-Metropole am Roten Fluss, kennt keine Stille. Das Hupen, das Knattern, die Rufe – das alles dringt von den quirligen Straßen bis in die obersten Stockwerke der Musikakademie, wo die Proben zu dem in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ausgerichteten internationalen Percussion-Festival Cracking Bamboo stattfinden. Dort sitzen 60 Musiker aus Europa und Asien zusammen, um mit unterschiedlichsten Instrumenten eine gemeinsame Musiksprache zu entwickeln.

Es ist das Jahr 2010, die letzte Märzwoche. Im Herbst wird die vietnamesische Hauptstadt Hanoi ihr tausendjähriges Bestehen feiern. Gleichzeitig feiern auch Vietnam und die Bundesrepublik Deutschland ein denkwürdiges Jubiläum: 35 Jahre existieren bilaterale Beziehungen. Die BRD folgte damit der DDR, wo es bereits in den Fünfzigerjahren Kontakte zur nordvietnamesischen Regierung gab. 1975, nach dem Vietnam-Krieg, wurden die ersten diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sozialistischen Republik Vietnam geknüpft, noch vor der offiziellen Wiedervereinigung des Landes. Cracking Bamboo ist eine von zahlreichen Veranstaltungen, mit denen Deutschland dieses Jubiläum in Vietnam feiert. Die Festivitäten finden über das gesamte Jahr hinweg statt und werden vom Goethe-Institut ausgerichtet.

Hohe Messlatte

Seit mehreren Tagen proben die 60 Musiker bereits in der Musikakademie, einem funktionalen Bau im Süden der Stadt. Der Himmel über Hanoi ist bleiern, das Wetter wechselt beinahe täglich zwischen heiß und stickig und kühl und feucht. Der Jetlag steckt so manchem noch in den Knochen: Die Künstler witzeln über ihre Probleme mit dem frühen Aufstehen und über plötzliche Müdigkeitsattacken. Auch die babylonische Sprachenvielfalt sorgt immer wieder für Erheiterung. Irrtümer bleiben nicht aus, wenn Deutsche, Vietnamesen, Dänen, Norweger, Schweden, Niederländer, Indonesier, Italiener, Spanier, Schweizer, Briten, Polen, Kambodschaner, Mongolen und Chinesen aufeinander treffen. All diese grundverschiedenen Musiker sollen in wenigen Tagen ein abendfüllendes Konzert auf die Bühne bringen. Dabei sollen sie keine Noten nachspielen, sondern das gesamte Konzert selbst erarbeiten.

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Die mongolische Sängerin Samdandanba Badamkhorol
Projektleiter Bernhard Wulff, Musikprofessor aus Freiburg, hat die Musiker in drei Gruppen aufgeteilt. Sein Job ist es, die Messlatte hoch anzulegen. Popmusik ist nicht das Ziel, auch nicht Fusion oder Weltmusik. Das Rad soll sich weiterdrehen. „Neue Musik“ lautet der Anspruch, zeitgenössische Klassik, Wulff ist nicht von ungefähr Vorsitzender der Gesellschaft für Neue Musik Freiburg und Gründer zahlreicher Ensembles in diesem Bereich. Die ersten beiden Aufführungen von Cracking Bamboo werden in der Oper von Hanoi stattfinden, einem prunkvollen Bauwerk der alten Kolonialmacht Frankreich. Ein Ort, der verpflichtet.

Wulff hat Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit. Er veranstaltet jedes Jahr im Juni in der Mongolei ein internationales Festival für Moderne Musik. Zu der mehrtägigen Veranstaltung mit dem Titel Dröhnende Hufe kommen, wie Wulff erzählt, „Reitergruppen von weither“. Er hat außerdem 2008 bereits ein Cracking Bamboo-Projekt in Hanoi geleitet. Viele der Musiker haben schon beim Vorläuferprojekt mitgemacht und können an bestehende Erfahrungen und musikalische Freundschaften anknüpfen.

Bewegung auf den Straßen, Bewegung im Kopf

Zur Premiere ist die Oper bis auf dem letzten Platz gefüllt mit Menschen. „Es gibt nichts Friedlicheres, als wenn Musiker sich gemeinsam zum Musizieren treffen“, sagt Berhard Wulff in seiner Eröffnungsrede. Was folgt, ist rhythmisch, mitreißend, man will aufstehen und sich bewegen. Tanzeinlagen und Artistik entlocken dem Publikum Szenenapplaus. Dann wiederum laufen irritierende Passagen ab, die selbst für europäische Verhältnisse äußerst experimentell sind. Instrumente, die fiepen. Ein Milchaufschäumer, der elektronische Geräusche produziert. Eine Gestalt im Hochzeitskleid, die mit dem Mund zwei Schlagzeug-Becken aufeinanderschlägt. Straßenlärm aus Hanoi, der von den Musikern aufgegriffen und umgeformt wird. Plötzlich stellt sich ein starker Bezug zum Ort her.

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Das Mausoleum von Ho Chi Minh: Noch immer besuchen jeden Sonntag Tausende Menschen aus allen Landesteilen das Grab
Millionen lärmende und hupende Mopeds, LKW, Busse, Taxis und immer mehr private Luxuskarossen schieben sich durch Hanois Straßen. Überall ist Bewegung. Nur in der Kultur herrscht Stillstand. Die traditionelle Musik ist seit über tausend Jahren festgeschrieben, ganz im Sinne der konfuzianisch erzogenen Beamten. Die letzte Reformbewegung im Schauspiel fand in den Zwanzigerjahren statt, seitdem geschah nicht mehr viel. Im Wasserpuppentheater von Hanoi spielen sie jahrein, jahraus dasselbe Stück für Touristen, und für den Erhalt der traditionellen Musik wird in der einstigen Hochburg der Bildung, dem Literaturtempel Van Mieu, Geld gesammelt. Es gibt Schlager, sozialistische Revolutionsmusik und Pop. Amerikanisch, chinesisch, einheimisch, eingängig. Und morgen vergessen. Hanoi aber will Bewegung nicht nur auf den Straßen, sondern auch im Kopf. Es hungert nach Ideen.

Nach der Vorstellung will der Beifall nicht enden. Die sonst so zurückhaltenden Vietnamesen rufen und pfeifen. Im Foyer summt es wie im Bienenstock. Zahlreiche Fernsehteams führen Interviews. „Ich habe so etwas noch nie erlebt“, sagt eine junge Zeitungsreporterin. Dann erst erfährt sie, dass dieses Stück in Hanoi entstanden ist und dass dies eine Uraufführung war. Ihre Augen weiten sich. „Unbelievable“, sagt sie, unglaublich. Am Erstaunlichsten findet sie, dass auch vietamesische Musiker an der Produktion beteiligt waren. Das, sagt sie, sei eine Sensation.
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