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Boris Sieverts im Interview: „Eine freundliche Subversion der Stadtstruktur“

Boris SievertsCopyright: Boris Sieverts
Ansichten einer Stadt: Wie man Warschau auch sehen kann (Foto: Boris Sieverts)

13. Mai 2010

Seit Jahren schon bietet Boris Sieverts Stadttouren an, im Rahmen von The Promised City jetzt auch in Warschau. Doch wer die klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt sehen will, ist hier verkehrt. Stattdessen landet er womöglich in der Tiefgarage. Im Interview erklärt der Kölner Künstler, warum.

Herr Sieverts, ich will mein Geld zurück. Wenn Sie mir Warschau zeigen, warum führen Sie mich dann durch Tunnel, Hinterhöfe, Fahrstuhlschächte und Parkhäuser? Im Reiseführer habe ich viel Schöneres gesehen.

Sieverts: Reiseführer tragen nur selten dazu bei, eine Stadt verständlich zu machen. Es interessiert doch nur Kunsthistoriker, wie dieses oder jenes Gebäude kunstgeschichtlich einzuordnen ist. Es gibt nur wenige Reiseführer, die sich wirklich in denjenigen hineinversetzen, der gerade physisch, also mit seinem eigenen Leib darin stehend, gehend oder fahrend, die Stadt erfährt. Aber eine Stadt ist etwas, das sich zunächst einmal physisch, also als Hardware und mich umgebender Raum mitteilt. Die politischen, sozialen, geografischen Hintergründe einer Stadt, ihre Software gewissermaßen, werden für den Besucher da interessant, wo sie sich räumlich niederschlagen. Dem nachzugehen und die Stellen zu finden, an denen dieser Niederschlag tatsächlich ablesbar ist, ist viel Arbeit. Die wenigsten Stadtführer machen sie sich.

Und was könnte ich anstelle eines Reiseführers gebrauchen?

Sie könnten zum Beispiel ein Buch lesen, das in der Stadt spielt.

Copyright: Marta Gendera und Boris Sieverts Fotostrecke: Das andere Warschau


Die offiziellen Symbole wie der Kulturpalast oder die Universität spielen in Ihren Führungen keine Rolle, es geht eher um das, was dahinter oder abseits liegt ...

Man muss die Kultur aus ihren Abfällen lesen. Wobei ich mit Abfällen nicht das Minderwertige meine, sondern das um seine Schauseiten Reduzierte. Wenn ich die Stadt vom Rand her erkunde, merke ich, dass das Zentrum in den meisten Fällen die Funktion einer guten Stube hat, und das ist ja eine Sonderfunktion. Mit dieser Sonderfunktion anzufangen ist ziemlich idiotisch. Also fange ich mit dem Normalfall an. Wenn ich ihn verstanden habe, dann kann ich mir auch den Sonderfall anschauen.

Woher kommt es, dass diesem „Normalfall“ so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird?

Das hat viel mit unserem Blick zu tun, der häufig gar kein Blick ist, sondern ein Reproduzieren von Bildern im Kopf, also eher eine Gedächtnis- und Sehnsuchtsleistung als ein echtes Hinschauen in einer gegenwärtigen Situation. Mein Blick wurde unter anderem durch meine Arbeit als Schäfer geprägt. Als Schäfer halten Sie sich so lange, ausdauernd und wiederkehrend an Orten auf, für die es keine Bildschablonen gibt, dass Sie irgendwann zwangsläufig anfangen, die Dinge neu zu sehen. Wir waren zum Beispiel in Frankreich entlang einer Nationalstraße unterwegs und haben die Schafe auf den Grünflächen zwischen Baumarkt und Raststätte gehütet. Von hinten betrachtet, also aus der Perspektive des Schäfers, ist so ein Baumarkt plötzlich nicht mehr primär Systemelement, sondern eine Blechbox in der Landschaft. Und diese Blechbox wird auf einmal zu einer Erscheinung. Darum geht es mir eigentlich immer: die Dinge als Erscheinung erfahrbar zu machen. Deswegen sind mir auch die Informationen zu einem Objekt erstmal gar nicht so wichtig.

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Raqs Media Collective – „The Capital of Accumulation”: Die Künstler, Dokumentarfilmer, Networker und Spezialisten fürs Urbane haben im Rahmen von The Promised City eine Videoinstallation mit Sound, Text- und Archivmaterial vor Ort, in Warschau, Berlin und Mumbai, erarbeitet. Raqs entwickelt entlang einer Erzählstruktur über Rosa Luxemburg und ihrem Text Die Akkumulation des Kapitals eine gemeinsame ökonomische, politische, soziale und urbane Geschichte, die so in Berlin, Mumbai und Warschau im 20. Jahrhundert stattgefunden haben könnte. Zu sehen vom 25. Mai bis 5. Juli 2010 im Berliner Theater Hebbel am Ufer. (Film: Grit Lederer, Video auf Englisch)

Diese Konzentrierung auf die Situation war auch ein wichtiges Merkmal der Situationisten, einer Gruppe von Künstlern und Architekten, die in den Sechzigerjahren das Bewusstseinsmuster der Städtebewohner zu sprengen versuchte. Damit versuchten sie eine andere Städteerfahrung möglich zu machen. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Auch. Situation ist ein wichtiges Stichwort. Ich führe ja nicht durch Orte, sondern letztendlich durch Situationen. Es geht mir nicht um Häuser oder Objekte, sondern um die Situation; auch nicht primär um Inhalte, sondern um die Energie dieser Situationen.

Gibt es denn eine spezifische Warschauer Energie?

Ich bin hier zum ersten Mal in einer ehemals sozialistischen Stadt unterwegs, von Berlin einmal abgesehen. Das Problem besteht hier darin, dass alles groß ist und sich dadurch schon lange vorher ankündigt. Wenn ich Führungen mache, geht es mir um das plötzliche Betreten einer anderen Umgebung. Diese Plötzlichkeit fehlt in Warschau. Dafür gibt es hier großartige Weiten. Ein Gutteil der Tour, die ich hier erarbeite, wird deshalb mit dem Fahrrad bestritten.

Verfolgen Sie dabei eine subversive Absicht? Wollen Sie zeigen, wie man sich von gewöhnlichen Stadtwahrnehmungen emanzipieren kann?

Wenn ich andere Wege als die üblichen nehme, dann ist das für mich eine freundliche Subversion der Stadtstruktur. In Hotels etwa gibt es immer einen Teil für Angestellte und einen öffentlichen Teil. Diese Bereiche existieren nebeneinander, aber sie berühren sich nicht. Wenn Sie hier in die Parallelwelt übertreten, unterlaufen Sie natürlich die Absicht, die hinter der Aufteilung steckt. Ich mache das aber nicht, um das Gebäude in den Schmutz zu ziehen und zu zeigen, wie banal es ist. Im Gegenteil: In meinen Augen wird es dadurch spannender. Es ist also eher eine Ehrenrettung solcher Gebäude als eine Polemik. Von dem amerikanischen Architekten und Künstler Gordon Matta-Clark stammt der Titel Restructuring architecture by cutting through it. Ich versuche, eine Restrukturiering von Städten und Gebäuden durch die Art, wie wir uns als Gruppe hindurch bewegen, zu erreichen.

Kann man denn Architektur losgelöst von der Absicht betrachten, die sie verfolgt?

Ja, das muss man sogar. Ich gucke immer, was die Architektur wirklich macht. Angesichts fertiger Gebäude sind es nämlich nicht mehr Absichten, die es zu verhandeln gilt, sondern Realitäten. Da schneidet dann vielleicht die Tiefgarage mit ihren düsteren, aber eindrucksvollen Raumfolgen besser ab als das ambitionierte, aber letztendlich doch banale Einkaufszentrum darüber.

Muss man als Stadtplaner den Gebrauchs-Aspekt von Architektur berücksichtigen?

Wichtiger ist mir der Affekt-Aspekt: Was macht das mit mir? Eine Lehre, die ich aus den Recherchen für meine Touren gezogen habe, ist, dass man im Angesicht konkreter Situationen viele der Begriffe, die man im Architekturstudium für die Beurteilung städtischer Situationen an die Hand bekommt, vergessen und sich stattdessen darauf einlassen sollte, was ist und wie man es empfindet. Am Ende ist jede Stadt sowieso immer etwas ganz anderes, als irgendjemand gewollt hat.

Das Interview führte Philipp Goll
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