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„Va Bene?!“: Wie ich (fast) zum Italiener wurde

Beppe Severgnini Copyright: Beppe Severgnini
Italienische Reise: Mark Spörrle (l.) mit Beppe Severgnini (Foto: Beppe Severgnini)

22. Mai 2010

Zehn Tage kreuzte Zeit-Redakteur Mark Spörrle an der Seite seines italienisches Kollegen Beppe Severgnini quer durch Italien. Als er wiederkam, war irgendetwas anders – an ihm.

„Du bist verändert“, sagte meine Frau zu mir, als ich wieder zu Hause war, „du ärgerst dich gar nicht mehr, wenn die U-Bahn überfüllt ist. Oder wenn die Radfahrer dich fast umfahren. Diese Reise hat dir – kann es sein? – gutgetan.“

Es kann sein. Obwohl: Eigentlich war es keine Reise. Es war eine Parforce-Tour. In acht Tagen von Berlin nach Palermo. In mindestens 19 Zügen und in einem halsbrecherisch gefahrenen VW-Transporter. Auf einer Fähre. Auf dem Rücksitz eines von dem Bestsellerautor Beppe Severgnini voll Todesverachtung durch Mailand gelenkten Motorrollers. Und über all dem die Aschewolken, die dieser isländische Vulkan über Europa legte.

Erfahrungen also, die einen durchaus zu jemandem machen können, der gewisse Dinge etwas gelassener sieht. Etwa, was die U-Bahn angeht: In vielen italienischen Städten wäre man froh, überhaupt eine zu haben. Oder die Hamburger Radfahrer, die immer so stolz darauf sind, mit Tempo 30 haarscharf an Brillenträgern, Alten und Kleinkindern vorbeizuschießen: kein Vergleich zu den Killerradfahrern von Bozen-City!

Aber, es ist noch mehr. Es ist das italienische Wesen, das mir ganz gut tat. Zumindest Teile davon.

Ich spiele zum Beispiel heftig mit dem Gedanken, mir auch einen dieser Motorroller zuzulegen, auf dem man in der Innenstadt schnell von A nach B und, notfalls im Slalom, an jedem Stau vorbeikommt – sofern, und deswegen werde ich es vielleicht am Ende doch nicht tun: sofern einen die anderen vorbei lassen. In Deutschland kann sich das nämlich zum ernsthaften Problem auswachsen. Was damit zusammenhängt, dass man hier im Straßenverkehr anerkanntermaßen Regeln befolgt, ohne sie in Frage zu stellen, und auf diejenigen wütend ist, die sich offensichtlich darüber hinwegsetzen. In Italien dagegen stellt man Regeln grundsätzlich in Frage. Der deutsche Autofahrer also wartet auch nachts um 3 Uhr an einer Ampel mit kaputter Schaltung etwa eine halbe Stunde lang auf Grün, bevor er (nachdem er die Haare zerrauft und das Lenkrad zerbissen hat) den Rückwärtsgang einlegt. Der italienische dagegen fährt unter Umständen schon nachmittags um drei ohne Zögern durch – wenn nämlich ganz erkennbar von keiner Seite jemand anders kommt.

Ansteckungsgefahr

Würde die Ampel aber tatsächlich Grün zeigen würde der Deutsche so gut wie immer fahren (denn er hat ja Grün). Der Italiener dagegen würde immer damit rechnen, dass der verdächtig schnell heranrauschende Querverkehr einen Fehler macht, er macht ja auch mal einen, oder dass vielleicht die Ampel kaputt ist und versehentlich nach allen Seiten Grün zeigt. Ein sympathischer Zug, das Gehirn beim Fahren nicht vollends auszuschalten.

Noch sympathischer ist mir die italienische Vorliebe für schokoladenhaltige Nahrungsmittel und – Psychologen würden sagen, beides gehört zusammen – die durch langen Umgang mit dem eigenen Land geschulte Fähigkeit, mit plötzlichen Ausnahmesituationen fertig zu werden: Hätte ein deutscher Taxifahrer seine neu eingestiegenen Fahrgäste nach ein paar Kilometern wieder auf die Straße gesetzt, wäre mit quietschenden Reifen zurückgefahren und obendrein einige hundert Meter am Bahnhof entlang gespurtet – nur um mir, pünktlich vor Abfahrt meines Zuges, das im Wagen vergessene iPhone wiederzugeben? Natürlich nicht.

Aber Mailänder Taxifahrerinnen machen das!

Am meisten kam mir aber die souveräne italienische Einstellung zur Pünktlichkeit entgegen. Während ich am den ersten Tagen unserer Reise (fast) auf die vereinbarte Minute zum Frühstück erschien, tauchte mein Reisefreund Beppe ganz gelassen erst dann auf, wenn ich gerade aufbrechen wollte. Was keineswegs tragisch war, weil Beppe, im Gegensatz zu mir, für sein Frühstück höchstens eine Minute benötigte.

Beppes Zeitgefühl war extrem ansteckend. Schon in Weimar, also noch in Deutschland, ging ich etliche Minuten nach der vereinbarten Aufbruchszeit noch entspannt vor dem Hotel auf und ab und telefonierte. Und gerade als dann Beppe erschien, schlenderte ich lässig noch einmal nach drinnen, um einen Pullover zu holen. (Zugegeben, später am Bahnhof verpassten wir den Zug.)

So richtig italienisch wurde ich dann aber in einem Hotel in Kalabrien. In dem ich fast allein zurückgeblieben wäre, weil ich deutlich zu spät an der Rezeption erschien – nicht im Entferntesten daran glaubend, dass die Abfahrtszeit, die Beppe mir genannt hatte, eine echte war, ein Zeitpunkt also, zu dem er längst vor der Tür im Taxi saß. Ich kann nicht völlig ausschließen, dass zu diesem Zeitpunkt meine anfängliche deutsche Pünktlichkeit doch auf ihn abgefärbt hatte. Wir also die individuellen Pünktlichkeitsmuster – er: zu spät, ich: pünktlich – im Laufe der Reise einfach getauscht hatten.

Und tatsächlich: Den Rest der Reise trieb mich Beppe an wie ein deutscher Schäferhund, während ich es unheimlich entspannend fand, nicht permanent auf die Uhr gucken zu müssen, ein bisschen zum italienischen Klischee werden zu können. Der heimliche Traum vieler Deutscher. Den ich nun noch besser verstehen kann.
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