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Das Goethe-Institut und die Zensur: „Wir wenden keine Weltformel an“

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Goethe-Präsident Lehmann: „Mit der Kultur kann man Dinge bewegen, die die Politik nicht leisten kann“ (Foto: Mirko Krizanovic)

17. Juni 2010

China, Vietnam, Nigeria: Das Goethe-Institut ist in vielen Ländern mit eingeschränkter Meinungsfreiheit tätig. Und doch wird es in seiner Arbeit fast nie behindert. Woran das liegt, berichtet Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann. Ein Gespräch über Zensur, eine klare Linie und Obama als weißes Blatt.

Herr Lehmann, wir möchten mit Ihnen über Zensur sprechen. Sie kommen gerade aus China ...

Lehmann: Ja, das war eine sehr spannende Reise. China ist ein Land voller Widersprüche. Und es ist für mich sehr interessant, diese Balance der Widersprüche zu erleben. Da gibt es auf der einen Seite die Funktionärsgarde, die noch immer sichtbar handlungsfähig ist, aber auf der anderen Seite auch Künstler, die sich stark politisch engagieren, oder Initiativen wie PASCH, die das Auswärtige Amt dort mit Unterstützung des Goethe-Instituts angestoßen hat.

Der chinesische Staat hat bekanntermaßen eine andere Haltung zu Presse- und Meinungsfreiheit als beispielsweise Deutschland. War das auch ein Thema Ihres Besuchs?

Da kommt man natürlich nicht drum herum. Ich habe mit Vertretern großer Medienhäuser gesprochen, um zu sehen, unter welchen Umständen sie arbeiten und welchem Druck sie ausgesetzt sind. Dort gibt es richtige Profis im Umgang mit den Zensurbehörden. Beispielsweise hätte es jüngst in einer der großen Zeitungen ein Interview mit US-Präsident Barack Obama geben sollen, das dann aber der Zensur zum Opfer gefallen ist. Anstatt es komplett zu streichen, hat die Zeitung die vorgesehene Seite als weiße, unbedruckte Seite gebracht. Das ist ein enormer Vorgang.

Ganz schön mutig.

Das stimmt. Aber nicht untypisch. Ich habe den Eindruck, dass in China sehr wohl kritische Stimmen zu hören sind – vor allem im Bereich der Kunst und in den Medien. Mehr noch als bei uns hat die Kunst in China den Charakter einer Sonde in der Gesellschaft. Derzeit setzt man sich zum ersten Mal mit politischen Tabuthemen auseinander wie Mao, den Folgen der Erdbeben, der Umweltbelastung oder dem Erziehungssystem.

Inwiefern ist auch die Arbeit des Goethe-Instituts in China beeinträchtigt?

Kaum. Ich glaube, man weiß, dass das Goethe-Institut keine Einrichtung ist, die bewusst provoziert. Andererseits haben wir eine klare Linie, und das spürt man. Unser Ansatz ist es, Veränderungen, die in der Gesellschaft stattgefunden haben oder stattfinden, einen Platz zu geben.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Mit dem Goethe-Institut in China und mit den Sprachlernzentren haben wir eine neue Diskussionsplattform geschaffen. Dabei haben wir einen neuen didaktischen Ansatz eingeführt: weg vom reinen Pauken mit der unmittelbaren Einflussnahme des Lehrers und hin zu einem Diskursraum, in dem man sich gegenseitig beim Lernen unterstützt. Ein weiteres aktuelles Beispiel: Jeder Film, der in China gezeigt wird, muss durch die Zensurbehörde. Wir haben es aber leichter, da das Goethe-Institut als ein eigenständiger Freiraum akzeptiert wird. Wenn wir in unseren eigenen Räumen Filme zeigen, müssen wir sie in der Regel nicht der Zensurbehörde vorlegen. Das räumt uns Chancen ein, die andere außerhalb der Mauern des Goethe-Instituts nicht haben. Diese Woche läuft beispielsweise Shanghai Fiction. Der deutsche Film zeigt sehr deutlich die Zerrissenheit der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft. Auf der einen Seite Megastädte wie Shanghai, die immer reicher werden, und auf der anderen Seite die Landbevölkerung, die letztlich immer stärker verarmt. Dass das Goethe-Institut diesen Film unzensiert zeigen kann, ist schon beachtlich.

Dieses Privileg, ist das so eine Art Narrenfreiheit, die das Goethe-Institut genießt?

Ich würde es nicht als Narrenfreiheit bezeichnen. Aber dadurch, dass wir in einer überschaubaren Größenordnung und nicht subversiv arbeiten, betreiben wir keine gesellschaftliche Gefährdung. Von politischer Seite aus wird das Goethe-Institut vielleicht sogar als eine Art Experiment angesehen – denn es ist klar, dass wir bei der Filmvorführung unter Beobachtung stehen.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Wir sind in zwei Drittel der Länder vertreten, die auf der Liste der Länder mit beschränkter Meinungsfreiheit von Reporter ohne Grenzen stehen. In all diesen Ländern können wir frei arbeiten. Das heißt: Wir suchen unsere Gäste aus und auch die Medien, die wir in den Bibliotheken anbieten.

Gibt es auch Fälle, in denen dem Goethe-Institut dieser Freiraum verwehrt wurde?

Ich erinnere mich in der jüngeren Geschichte nur an einen einzigen Fall – das war Pjöngjang. Dort haben wir einen deutschen Lesesaal eröffnet. Die Menschen sollten freien Zugang zum Lesesaal haben, und wir sollten für die Auswahl der ausgestellten Medien zuständig sein. Aber das nordkoreanische Regime hat sich nicht an die Abmachung gehalten. Eingelassen wurden nur regimetreue Funktionäre, und die deutschen Pressemedien wurden aus dem Lesesaal entfernt.

Wie haben Sie reagiert?

Aufgrund dieser Einschränkungen mussten wir eine Grenze ziehen und den Lesesaal schließen. Wir durften das nicht zum Präzedenzfall werden lassen. Sonst hätte sich in anderen Ländern herumgesprochen, dass das Goethe-Institut in manchen Fällen einknickt und seine eigenen Prinzipien verrät.

Wo ist für Sie die Schmerzgrenze?

Da, wo unsere Arbeit in unseren eigenen Räumen behindert wird. Wir nutzen aber unsere Anwesenheit in einem schwierigen Land nicht unbedingt zu demonstrativen Akten. Beispielsweise wurde ich im Fall von Tibet gefragt, ob wir nicht ein Zeichen setzen und das Goethe-Institut in China schließen wollten. Doch damit hätten wir die Basis dort aufgeben. Die Gemeinde, die sich um uns herum gebildet hat, hätte keinen Bezugspunkt mehr gehabt und sich nicht weiter entwickeln können. Mit einem Rückzug als demonstrativem Akt würden wir eine Plattform für die Kulturbegegnung und die gesellschaftliche Entwicklung verlieren.

Verordnen Sie sich bei manchen Themen auch selbst Zurückhaltung?

Wir sind sehr zurückhaltend, was Religion und Sexualität angeht; das sind Tabuthemen. Wenn man sie anspricht, wird es oft fundamentalistisch.

Ist es dem Goethe-Institut manchmal auch möglich, den Dialog fortzusetzen, wenn er auf politischer Ebene schon auf Eis liegt?

Da gibt es genug Beispiele. In Portugal haben wir die politische Wende deutlich unterstützt – das ist inzwischen lange her, und auch zu Lateinamerika hatten wir ein gutes Verhältnis während die Politik auf Eis lag. Mit der Kultur kann man Dinge bewegen, die die Politik und die Wirtschaft gar nicht leisten können. Die Politik arbeitet protokollarisch mit einem Kanon an diplomatischen Beziehungen, über die das Goethe-Institut gar nicht verfügt.

Wie gehen Sie stattdessen vor?

Wir wenden keine Weltformel in den einzelnen Ländern an, sondern gehen immer von den jeweiligen Umständen aus. Das ist unsere Stärke. Erst durch die langfristige Auseinandersetzung mit einem Land verschaffen wir uns den Freiraum für unsere Arbeit.

Welche Botschaften wollen Sie auf diese Weise vermitteln? Wen wollen Sie erreichen?

Die Bevölkerungsschichten, die wir erreichen, sind vor allem die Intellektuellen und die Jugendlichen. Beide trauen sich was, beide wollen etwas verändern. Aber wir präsentieren uns nicht wie in einer Waschmittelwerbung, wir lassen uns auf die Gastländer ein, stoßen Prozesse an, zeigen Alternativen auf. Gleichzeitig geben wir unsere Kultur nicht als politische Linie aus, sondern erzählen von unseren Lebenswelten, nutzen das Theater, den Film, die Literatur, die Musik – als Beispiele, nicht als Vorbild. Das Nachdenken, die Fragen kommen dann allein.

Sie haben von „Freiräumen“ gesprochen. Würden Sie sagen, dass die tatsächlichen Räumlichkeiten des Goethe-Instituts die Bedeutung von Schutzräumen einnehmen?

Auf jeden Fall. Reale Räume sind unersetzbar für die Erhaltung eines Dialogs. Hier kann man sich in einer geistigen Gemeinschaft fühlen. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich die Gesprächsrunden und Foren mit Künstlern, Schriftstellern oder Bloggern in ihrer Offenheit erlebe. Dieser private Charakter einer öffentlichen Institution ist spürbar und hilfreich für zivilgesellschaftliches Denken.

Gibt es auch Beispiele, in denen das Goethe-Institut für seine Mitarbeiter als Schutzraum fungiert?

Leider. Ich habe früher immer gesagt, dass der Unterschied zwischen einem Goethe-Institut und einer Botschaft der ist, dass die Botschaft sich einigeln muss, um auch in schwierigen Situationen arbeitsfähig zu bleiben, ein Goethe-Institut aber immer offen ist. Inzwischen habe ich dazu gelernt. Es gibt Situationen, in denen wir diese Offenheit zum Schutz unserer eigenen Mitarbeiter aufgeben müssen. Kabul ist so ein Beispiel. Unser dortiges Institut ist gesichert. Unsere Institutsleiterin fährt mit einem gepanzerten Fahrzeug vom Goethe-Institut zu ihrer Wohnung und wieder zurück, ansonsten hat sie keine Bewegungsmöglichkeiten.

Kann man unter solchen Bedingungen überhaupt noch etwas leisten?

Gerade in Kabul leisten wir sehr viel. In unseren Räumen bieten wir unter anderem Frauen die Möglichkeit, sich fortzubilden. Gerade in Ländern, in denen Frauen sonst überhaupt keine Chance haben, etwas zu lernen, ist es wichtig, dass das Goethe-Institut diese Lücke füllt. So trägt es auch zur Emanzipation bei.

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